Näher zu Gott durch die Musik

Ein Privatkonzert mit Papst Benedikt XVI.

Von Michaela Koller

ROM, 19. November 2012 (Vaticanista/Die Tagespost).- Es wird wohl in der Geschichte der Kirchenmusik ein seltenes und herausragendes Ereignis bleiben: Die Vatikanische Erstaufführung der gesamten Missa Anno Santo von Georg Ratzinger am Abend des Sankt-Martinstags in der Sixtinischen Kapelle im Rahmen des elften Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra. Über Geschwister in der Papstgeschichte ist nur wenig überliefert. Aber ein älterer Papstbruder, der es zu einem weltbekannten Kirchenmusiker gebracht hat, wird wohl schwerlich unter diesen noch ein zweites Mal zu finden sein.

Domkapellmeister a. D. Georg Ratzinger; Foto. M. Koller

Domkapellmeister a. D. Georg Ratzinger; Foto. M. Koller

Es habe Zeiten gegeben, da war Joseph Ratzinger in erster Linie Bruder des Domkapellmeisters Georg Ratzinger, betonte Hans-Albert Courtial, Generalpräsident Gründer der Fondazione Pro Musica e Arte Sacra (Stiftung für Musik und Sakrale Kunst), die das Festival organisiert. Die Mitwirkung bei einer Konzilsmesse 1965 in Rom samt einer Privataudienz bei Papst Paul VI. waren 1965 erste, öffentliche Höhepunkte Georg Ratzingers als Regensburger Domkapellmeister, ein Jahr nachdem er Theobald Schrems in dieser Position nachgefolgt war. In diesen Zeiten wirkte sein jüngerer Bruder als Konzilsperitus noch im Hintergrund.

„Genau diese Zeit hatten wir bei der Nominierung im Blick“, berichtete Courtial weiter über die Ehrenpreisverleihung der Fondazione an den ehemaligen Chef der Regensburger Domspatzen im Jahr 2010. Damit sollte sein insgesamt sein geistliches und musikalisches Lebenswerk geehrt werden. Auf sein kompositorisches Werk kam die Stiftung nun zwei Jahre darauf zurück. Es brauchte wohl etwas Vorlauf für diesen Höhepunkt: Die Missa Anno Santo, die der Prälat mit Blick auf das Heilige Jahr 2000 komponierte, gilt selbst für geschulte und stimmlich herausragende Chöre eher als anspruchsvoll.

Der 44-jährige Salesianer Massimo Palombella, der 2010 Guiseppe Liberto als Leiter des Chores der Sixtinischen Kapelle nachfolgte, nahm die Herausforderung an. Der Maestro Direttore der Cappella Musicale Pontificia „Sistina“, wie es korrekt römisch heißt, ließ das spannungsreiche Kyrie und das festliche Gloria von Georg Ratzinger durch eine Gregorianischen Gesang einleiten. Er ummantelte dann mit dem Sanctus und dem teilweise vier- bis fünfstimmigen, kraftvollen Agnus Dei des Papstbruders das Credo der Missa Papae Marcelli des von Ratzinger geschätzten Giovanni Pierlugi da Palestrina, Mit einer eigenen Komposition des Gesangs O sacrum convivium, in einer heiligen Messe zur besonderen Verehrung der Eucharistie bestimmt, fuhr er fort, sicherlich der Berücksichtigung der Theologie des jüngeren Bruders geschuldet. Als Besinnung auf dessen Amt und Dienst schloss er mit dem „Tu es Petrus“ des ehemaligen Leiters der Kirchenmusik in der Kathedrale von Westminster Colin Mawby.

Ausschließlich Förderer der Stiftung waren zu dem Privatkonzert eingeladen. Die Exklusivität zeigte sich an zwei Hürden: Die erste, auch für viele Medienvertreter unüberwindbar, endete schon vor dem Apostolischen Palast mangels einer persönlichen Einladungskarte. Das berühmte Gitter in der Sixtinischen Kapelle selbst, das von einer Marmorbrüstung getragen wird, trennte dann einen hinteren Teil mit Holzstühlen von den Reihen mit rotem Polster.

Es geht um christliches Mäzenatentum des 21. Jahrhunderts, mit dem Ziel des Erhalts, teilweise auch erst der Erschließung oder Förderung kirchlicher Kulturgüter im Vatikan sowie in Italien und zugleich um die Förderung von Kirchenmusik auf internationaler Ebene. Jährlich organisiert die Stiftung dazu dieses Musikfestival, das im Herbst in die römischen Patriarchalbasiliken zu besonderen Werken der Sakralmusik einlädt. Musiker von Weltrang, wie die Wiener Philharmoniker, wirken dabei mit. Beim Abschlusskonzert am Dienstag traten sie mit der israelischen Sopranistin Chen Reiss in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern auf. Aktuelle Projekte unterstützen die Restaurierung an der westlichen Außenwand des Petersdomes sowie die Orgel der Jesuitenkirche San Francesco Saverio nahe des Pantheons in Rom.

Im Programm des Festivals, das vom 2. November bis Dienstag andauerte, war die Anwesenheit des Nachfolgers Petri bei der Aufführung nicht angekündigt. Aber natürlich hat Benedikt XVI. an der Ehrenstunde seines Bruders teilgenommen: Exakt vor Beginn der Aufführung über die Sala Regia mit seinem Gefolge kommend, geht der Papst vorsichtigen Schrittes durch den Mittelgang. Sein Blick gleitet von Reihe zu Reihe, ganz allmählich, bevor er auf seinem Stuhl vis-à-vis des Chores unterhalb von Michelangelos Jüngstem Gericht Platz nimmt. Eine ältere Dame in Schwarz und Blau in der ersten Reihe hinter dem Gitter tupft Tränen von ihrer Wange.

Die Augenpaare beide auf jeweils einen festen Punkt gerichtet, nahmen Benedikt XVI. und sein rechts neben ihm sitzender Bruder den harmonischen Stimmenklang auf. Beim Konzert der Wiener Philharmoniker in Sankt Paul vor den Mauern im Oktober 2008 hielt Papst Benedikt XVI. eine Begrüßungsansprache. An diesem Sonntag dringen nur seine Dank- und Segensworte durch die eng besetzte „Sistina“. Beobachter sehen den Pontifex daraufhin beschwingter gehen und frischer blickend die Kapelle verlassen. Noch am Tag vorher hatte er bei der Audienz wissen lassen: „Indem der Gläubige mit seinen Sinnen und seinem Geist das Wort Gottes aufnimmt, nähert er sich Gott. Dazu zählt auch das Hören der Sakralmusik.“ Und nächstes Jahr soll in diesem Sinne ein besonderer Wunsch des Papstes im Juni in Erfüllung gehen: Ein Besuch des Leipziger Thomaner-Chors im Vatikan auf Initiative von Maestro Palombella.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 17. November 2012]

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