Glühen für seine Ideale

Zum 100. Geburtstag Otto von Habsburgs

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 21. November 2012 (Vaticanista).- Ein Politiker mit Visionen, der mit wohlüberlegter Entschlossenheit für diese eintrat, für ein geeintes christliches Europa, für einen Kontinent in Frieden und in regionaler Vielfalt. Und für ein Europa mit der Familie als Keimzelle. So haben Anhänger am Dienstagabend in der Kreuzkapelle der Münchner Jesuitenkirche St. Michael den Sohn des letzten österreichischen Kaisers, Otto von Habsburg geschildert. Sie gedachten dort dessen 100. Geburtstag mit einer Heiligen Messe. Der 2011 verstorbene Europapolitiker sei alles andere als lau gewesen, zeigte sich Pfarrer Michael Menzinger aus dem bayerischen Vöhringen in seiner Predigt überzeugt.

Otto von Habsburg 2002 im Gespräch mit Michaela Koller; Foto: privat

Otto von Habsburg 2002 im Gespräch mit Michaela Koller; Foto: privat

„Er konnte glühen für seine Ideale.“ Das geistige Erbe seiner Vorfahren, speziell seines Vaters, des seligen Kaisers Karl, habe er voller Ehrfurcht als Auftrag angenommen. Otto von Habsburg wurde am 20. November 1912 im niederösterreichischen Reichenau geboren und lebte mit seiner Familie von 1954 an bis zu seinem Tod am 4. Juli vorigen Jahres in der Nähe von München am Starnberger See, in der Villa Austria in Pöcking. Mit seiner Frau Regina, die am 3. Februar 2010 ihm in die Ewigkeit vorausging, hatte er fünf Töchter und zwei Söhne.

„Er ist ein privater Staatsmann, dem Europa vertrauen kann“, sagte der jüdische Publizist William Schlamm einmal über ihn. Der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers mag zwar nie den Thron bestiegen haben, aber auf eine der längsten politischen Karrieren konnte der langjährige Europaabgeordnete dennoch zurückblicken. Nicht einmal zehn Jahre alt war der Adelsspross, als Kaiserin Zita ihm nach dem Tod ihres Mannes eine schwere Bürde auferlegte: „Meine Mutter sagte mir, dass es jetzt meine Aufgabe sei, zu versuchen, für meine Landsleute so da zu sein, wie mein Vater es gewesen ist“, erinnerte sich Habsburg noch in hohem Alter, das er noch mit sehr viel Vitalität erreichte. Er sah sich zeit seines Lebens in der Verantwortung, aber zugleich froh darüber, kein Monarch zu sein. „Ich kann einen Politiker, der ein Esel ist, auch einen Esel nennen.“

Habsburgs politisches Bemühen beschränkte sich nicht auf seine „Landsleute“, sondern er kämpfte in der Tat für ein geeintes, freies und christliches Europa. „Vor Gott zählt nicht, ob wir Erfolg gehabt haben. Vor ihm zählt, ob wir uns mit all unseren Kräften für das Gute eingesetzt haben.“ Bereits in jungen Jahren suchte Otto von Habsburg für die Verwirklichung seiner Ziele Kontakt zu Männern mit großen Namen. Um etwa mehrere Zehntausend überwiegend jüdische Flüchtlinge vor den Nazis in Sicherheit zu bringen, spannte er gar den spanischen Diktator Francisco Franco ein.

In die Geschichtsbücher ging das Paneuropa-Picknick am 19. August 1989 im ungarischen Sopron an der Grenze zu Österreich ein. Seit Wochen hatten sich DDR-Bürger in der Botschaft der Bundesrepublik in Budapest verschanzt. Als Habsburgs Tochter Walburga bei der Veranstaltung symbolisch mit einer Schere ein Stück Stacheldraht des Eisernen Vorhangs zerschnitt, nutzten mehr als 600 DDR-Bürger die Gelegenheit zur Flucht in den Westen.

Bereits 1982 hatte Habsburg eine Resolution im Europäischen Parlament durchgesetzt, die die symbolische Aufstellung eines leeren Stuhls für die Europäer vorsah, die „aus verschiedenen Gründen noch nicht in dieser Volksvertretung Sitz und Stimme haben“. Als er 1997 im EU-Parlament als Alterspräsident amtierte, sprach er zu den Abgeordneten in fünf Sprachen, darunter auch auf Ungarisch: „Ich wollte sie nur auf die Zukunft vorbereiten.“

Ein steiniger Weg führte ihn an das politische Ziel eines geeinten friedlichen Europas: 1919 wurde die Herrscherfamilie enteignet und aus Österreich verbannt. Zunächst lebte er in der Schweiz, dann auf Madeira, in Spanien und Belgien. Sein Heimatland sollte Habsburg erst 1966 wieder betreten können. Sogar mit Adolf Hitler legte er sich an. Als dieser 1933 den damals 21-jährigen Chef des Erzhauses zu einem Gespräch aufforderte, lehnte dieser ab. Er wollte sich nicht vor den falschen Karren spannen lassen.

Habsburg trat stattdessen 1936 der Paneuropa-Union des Richard Graf Coudenhove-Kalergi bei. Sein Einsatz gegen den Anschluss Österreichs an Deutschland machte ihn zu einem gefährlichen Mann für die Nazis, die ihn steckbrieflich suchen ließen. Erneut ging er ins Exil; dieses Mal in die USA. Bei einem solchen Lebenslauf mag es daher kein Wunder sein, dass Habsburg als Nationalität „Europäer“ angab. Erst mit 66 Jahren zog er als Abgeordneter ins Europäische Parlament ein, dem er bis 1999 angehörte, zunächst parteifrei, später als Mitglied der CSU.

Noch mit Mitte 90 war Habsburg politisch aktiv. Einladungen zu Ansprachen führten ihn etwa nach Paris und nach Sarajewo. Es bekümmerte ihn, dass Europas keine Verfassung mit Gottesbezug hat, enttäuschte ihn. Der Verfechter eines interreligiösen Dialogs gab sich optimistisch: „Ich bin überzeugt, dass es zu einer Re-Christianisierung kommt.“

 

 

 

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