Islamische Extremisten haben sich demokratische Öffnung zunutze gemacht

Trotz des Drucks: In Indonesien rund 20.000 Erwachsenentaufen jährlich

JAKARTA, 10. Dezember 2012 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Im bevölkerungsreichsten islamischen Land der Welt, in Indonesien, hat die religiöse Intoleranz zugenommen, sagt einer, der es wissen muss: Pater Franz Magnis-Suseno SJ, im Jahr 1936 in Schlesien als Franz Graf von Magnis geboren, ist einer der bekanntesten Gelehrten des Landes. In den mehr als fünfzig Jahren, die er bereits in Indonesien lebt, hat sich der Theologe und Sozialphilosoph große Verdienste im interreligiösen Dialog erworben. Der langjährige Rektor der Philosophischen Hochschule Driyarkara in der indonesischen Hauptstadt Jakarta erwarb 1977 die indonesische Staatsbürgerschaft und nahm den Namen Suseno an. Das Gespräch über das Erstarken des Islamismus und das interreligiöse Miteinander in dem bevölkerungsreichsten islamischen Land der führte Michaela Koller.

Der deusch-indonesische Gelehrte Pater Magnis-Suseno; Foto: M. Koller

Der deusch-indonesische Gelehrte Pater Magnis-Suseno; Foto: M. Koller

Aktivitäten islamischer Hardliner haben in Indonesien in der jüngsten Zeit zugenommen. Wie erklären Sie sich das?

Magnis-Suseno: Solche Aktivitäten hat es immer schon gegeben. Es gibt eine neue Welle von Hardlinern, Fundamentalisten, Extremisten, die sich die demokratische Öffnung nach 1998 zunutze gemacht haben. Sie konnten aus ihren Löchern herauskommen und können jetzt ihre Meinung frei sagen. Sie werden nicht mehr überwacht und müssen nicht mehr sagen, was das Religionsministerium ihnen vorschreibt. So benutzen also diese gröߟere Freiheit.

Der Mainstream-Islam ist in Indonesien durch zwei Organisationen vertreten, die traditionalistische Nahdatul Ulama und die Muhammadiyah, die inzwischen Angst vor diesen Extremisten haben. Es gibt Organisationen, die ideologisch nicht so stark sind, aber Gewalt verüben. Sie sind in der Phase der Festigung der Demokratie, teilweise von Leuten mit Polizei- und Militärhintergrund gegründet worden.

Es gibt auch die Hizb-ut-Tahrir-Organisation, die das Kalifat wiederherstellen will. Sie ist international organisiert, aber gewaltfrei. Auch sind andere, die an der Muslimbruderschaft in Ągypten orientiert sind, präsent. Dazu kommen einige Salafisten. Der wahabistische Einfluss aus Saudi-Arabien ist groß, aber auch der Widerstand dagegen. Die Nahdatul Ulama, gröߟte islamische Organisation der Welt, hat den Wahabismus in einer Fatwa als Irrlehre verurteilt. Diese Gruppen rekrutieren Nachwuchs und versuchen, den indonesischen Islam aus ihrer Sicht islamischer zumachen im Sinne eines arabischen Islam. Eigentlich ist der Islam in Indonesien offen und tolerant.

Schreitet die Arabisierung denn voran?

Magnis-Suseno: Ich habe nicht den Eindruck, dass sie da groߟe Erfolge haben. Sie sind nicht in der Lage ihre Ziele politisch umzusetzen.

Aber ein sunnitischer Mob hat kürzlich schiitische Studenten in Ostjava gejagt, von denen zwei getötet wurden. Polizisten standen daneben und der Religionsminister Suryadharma Ali schlug den Schiiten Konversion und Migration vor…

Magnis-Suseno: Der Hintergrund für diese Bedrohung anderer islamischer Gemeinschaften wie der Ahmadis oder Schiiten, aber auch der lokalen Einführung von Schariabestimmungen sowie des häufigen Widerstandes gegen den Bau von Kirchen ist eine noch weit verbreitete dröge Einstellung weniger gebildeter Muslime, die wenig mit Toleranz am Hut haben und im Islam keinerlei Pluralität anerkennen. Diese Einstellung zeigt auch der derzeitige Religionsminister, der als Lösung des Problems vorgeschlagen hat, die Ahmadis und die Schiiten sollten eben zum Sunni-Islam zurückkehren.

Hier sind die offeneren Muslime gefordert. Aber auch die Regierung tut nicht genügend ihre Pflicht. In einem Land wie Indonesien hat sie die Aufgabe, die Menschen zur Toleranz zu erziehen. Aber es scheint der Staatsführung an Mut zu mangeln, etwas zu sagen, was vielleicht von bestimmten Gruppen der Muslime nicht gut angenommen würde, etwa dassŸ Angehörige von Minderheiten auch Staatsbürger sind, die ein Recht auf Schutz und auf Gottesdienst nach ihrer Überzeugung haben. Mit vielen Mainstream-Muslimen sind aber unsere Beziehungen viel besser geworden. So bewachen zum Beispiel seit vielen Jahren Milizen der Nahdatul Ulama an Weihnachten und Ostern unsere Kirchen. Die Situation in Indonesien ist also sehr kompliziert.

Einen Lackmustest für Vernunftgebrauch und Dialogbereitschaft stellte ja das Mohammed-Video dar…

Magnis-Suseno: Bereits nach der Veröffentlichung der dänischen Mohammed-Karikaturen vor einigen Jahren führte die Situation bei vielen Muslimen in Indonesien zur einer Reflexion. Sie verstanden, dass die weltweiten gewalttätigen Reaktionen in der islamischen Welt auf die Karikaturen genau das Vorurteil bestätigen werden, der Islam sei eine gewalttätige Religion. In der Tat hielten sich die Reaktionen auf die Karikaturen in Indonesien in Grenzen.

Vor der geplanten Koranverbrennung durch den Prediger Terry Jones in Florida vor ein paar Jahren trafen sich Bischof Martinus Situmarang, Vorsitzender der indonesischen Bischofskonferenz, sowie Andreas Yewangu, Leiter der protestantischen Dachorganisation PGI mit Habib Rizieq, der Chef der für gelegentliche Gewaltaktionen berüchtigten Islamischen Verteidigungsfront. Das Ergebnis war, dassŸ Rizieq zwar darauf bestand, dassŸ alle an der Koranverbrennung Beteiligten mit dem Tode zu bestrafen seien, dassŸ aber die Christen in Indonesien damit nichts zu tun hätten und daher in Indonesien keine Gewaltaktionen stattfinden dürften.

Wie erleben Sie sonst den interreligiösen Dialog in diesem bevölkerungsreichsten islamischen Land der Erde?

Magnis-Suseno: Der Dialog zwischen Christen und Muslimen in den letzten 30 Jahren hat große Fortschritte gemacht, die sich auch in den beiden Bürgerkriegen zwischen Christen und Muslimen in Ostindonesien vor zwölf Jahren bewährten. Es begann damit, dass sich christliche und islamische Intellektuelle austauschten über Probleme des Landes und eben auch zwischen den Religionsgemeinschaften. Inzwischen kennen viele Bischöfe ihre islamischen Counterparts persönlich. Das ist zum Teil auch schon auf Ebene der Pfarreien der Fall.

Verschiedene Orden und Priesterseminare ermöglichen ihren Priesterstudenten sogenannte Live-Ins in islamischen Boarding-Schools. Sind einmal solche Beziehungen aufgebaut, kommt es nicht mehr zu Gewalttätigkeiten. Dabei spielt der Bezug auf traditionelle indonesische Werte wie Toleranz und Akzeptanz der Vielfalt eine wichtige Rolle. „Wir sind schliesslich alle Indonesier“. Wir sind uns dabei einig, dassŸ gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung, wir nennen das Pluralismus, nicht bedeutet, dass alle Religionen gleich sind. Letztlich überlassen wir es Gott, wie er mit der von ihm zugelassenen Vielfalt umgeht.

Sie haben einmal gesagt, dass Mission bedeute, Zeugnis abzulegen. Was bedeutet dies im indonesischen Kontext?

Magnis-Suseno: Mission bedeutet, dass man durch sein Leben, dadurch, wie man mit anderen Menschen umgeht, mit seiner Familie lebt, wie man seine Arbeit tut und dadurch, dass man nicht korrupt ist, ein Zeugnis dafür ablegt, dass Gott die Liebe ist. Es sollten also die Anderen erfahren, dass die Anwesenheit der christlichen Gemeinschaft ein positives Element ist. Wenn dann jemand fragt, was die Quelle unserer Freude ist, dann werden wir von Jesus sprechen und uns freuen, wenn Menschen zur Taufe finden. In Indonesien gibt es jedes Jahr rund 20.000 Erwachsenentaufen. Darunter sind auch Muslime.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 8. Dezember 2012]

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Interreligiöser Dialog, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.