Geplauder aus der Schublade

Hundertmal Kaffeetrinken wurde zum Aufreger Sinus-Milieu-Studie

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 1. Februar 2013 (Vaticanista).- Die vergangenen zwei Wochen waren rund um die Themen Religionen, Ideologien und ihre Beziehungen zueinander vollgepackt, dass es einem den Atem rauben konnte: darunter Top-Aufreger die Präsentation der Sinus-Milieu-Studie zum Lage der katholischen Kirche und der Besuch des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi in Berlin.

Auf der anderen Seite standen die stillen Gedenken an den 80. Jahrestag der Machtübergabe an die Nazis mit der Vereidigung Adolf Hitlers als Reichskanzler sowie drei Tage zuvor der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. In einem anderen Teil dieser Erde befasste sich in der vorigen Woche ein hochkarätiges Symposium mit 70 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik China auf Taiwan, ein derart stilles Jubiläum, dass im Oktober bereits an uns vorüber rauschte.

Die Präsentation der Sinus-Studie in München, die ich vorige Woche in der katholischen Akademie erlebte, hätte mich fast in eine Identitätskrise gestürzt: Mit keinem der zehn Milieus, die das Heidelberger Sozialforschungsinstitut gleichen Namens für die Deutschen entwickelt hatte, konnte ich mich identifizieren. So lange ich nachgrübelte, kam bei mir nur eine Mischform annähernd infrage. Als katholische, glaubenstreue Internetjournalistin bin ich wohl expeditiv-etabliert. Auch viele, viele Menschen, denen ich in Deutschland schon begegnet bin, kommen darin einfach nicht vor. Nicht die Tausende Teilnehmer der Kongresse Weltkirche von Kirche in Not, auch nicht die Weltjugendtagspilger, Nightfever-, Stay-and-Pray, Prayerfestival-Besucher. Ihnen allen geht sicher nicht zentral darum, dass die Kirche moderner werden muss. Wozu auch? Bewegt die Kritiker wirklich die Sorge, dass die Kirchen wieder voller werden? Dann wäre doch das Beste, alte Traditionen zu hegen und zu pflegen: Ein Satsang mit dem Dalai Lama ist ja auch besser besucht als ein evangelischer Sonntagsgottesdienst.

Man musste es den Autoren der Studie schon aus der Nase ziehen, bis doch mal herauskam: „Es gab unter den konservativ Etablierten einige solche Stimmen.“ Diejenigen, die doch mal ein gutes Haar am Petrusnachfolger lassen, sind übrigens die mit den dicken Villen, wie den Journalisten in einer Diaschau eindrucksvoll vermittelt wurde. Ein Marktforschungsinstitut fand immerhin unter 80 Millionen Deutschen 100 Mitglieder der katholischen Kirche, die auskunftsfreudig genug waren. Weil man die Studie „qualitativ“ nennt, im Gegensatz zu einer quantitativen Studie, ist man auf der sicheren Seite. Der Verdacht drängt sich allerdings auf, dass 100 Kaffeeplauschereien ziemlich viel Wirbel verursachen können, wenn es kirchenkritisch von der Kirche selbst verbreitet wird. Alle Teilnehmenden ließen sich in jeweils eine, und nur eine, von zehn Schubladen pressen. Wumms, da waren sie erst einmal drin und plauderten aus dem Nähkästchen.

Auch in konservativen und traditionellen Milieus sei infolge der Missbrauchsskandale Unmut über die katholische Kirche gewachsen. Betroffenheit und Verunsicherung verbreiteten sich unter ihnen. Diese Erkenntnis präsentierte in München die MDG Dienstleistungsgesellschaft, die Unternehmensberatung der katholischen Kirche in Deutschland, als eine der zentralen Ergebnisse der Studie „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus“. Es liegt weniger an den einzelnen Missbrauchsfällen durch katholische Geistliche und Mitarbeiter der Kirche. Vielmehr der Umgang mit diesen ist es, der der obersten Kirchenleitung angelastet wird. Katholische Sexualmoral, Strukturprozesse und Papst nannte MDG-Geschäftsführer Wilfried Günther als Reizthemen. „Die Kritik zieht sich durchgängig durch alle Milieus“, sagte er. Die Kirche müsse sich ändern, „in der heutigen Zeit ankommen“, forderten diese Befragten „aus der Mitte der Gesellschaft“. Es gibt der Studie zufolge kein eindeutig kirchenidentifiziertes Milieu mehr.

„Viele Befragte verstehen sich nicht als gläubig im traditionelle Sinn und suchen auch nicht aktiv nach einer Beziehung zu Gott“, heißt es wörtlich in einer Zusammenfassung der Ergebnisse. Glaube und Religion spielten unter jungen Leuten und in der Unterschicht häufig gar keine Rolle mehr. Aber nur am äußersten postmodernen Rand sei die Austrittsbereitschaft sehr hoch. Die Kernklientel hingegen wünsche sich mehr Mitspracherecht und eine Demokratisierung der Kirche. Bei den Befragungen zeichnete sich Günther zufolge ab, dass die im Dialogprozess vorgebrachten Punkte nicht bloß Anliegen von wenigen Berufskatholiken seien, sondern „ganz reale Themen“.

„Trotz aller Kritik sind sich weite Teile der Katholiken einig: Die Kirche wird gebraucht“, sagte Marc Calmbach vom Heidelberger Sinus-Institut, das wissenschaftlicher Partner dieser Studie ist. Ihre Rolle in der Gesellschaft und in der Welt werde geschätzt, als Korrektiv zu Neoliberalismus und als Mahner des Werteverfalls. Viele Befragten erachteten soziale Dienstleistungen, spirituelle Orientierung und seelsorgerische Begleitung, auch durch Laien, als wichtig. „Weithin überlebt hat sich allerdings die traditionelle (volkskirchliche“ Frömmigkeit“, heißt es in der Zusammenfassung über die Situation von Glaube und Religion in Deutschland.

In den unterschiedlichen Milieus blickten die Befragten sehr verschieden auf Papst Benedikt XVI. .“Wegen seines scharfen Intellekts und seiner theologischen Präzision bewunderten ihn einige Befragten aus bildungsnahen Milieus“, sagte Calmbach. Andere unterstellten ihm einen Rückfall hinter das Zweite Vatikanische Konzil. Als Papst des Volkes werde er im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht wahrgenommen.

Einen Masterplan für die Zukunft der Kirche hatten die Befragten jedoch nicht. „Es zeichnet sich keine Reformation 2.0 ab“, sagte Calmbach. Auf der Studie fußend empfiehlt die MDG der Kirche, eine bessere Vernetzung und die Pflege persönlicher Kontakte vor Ort, das Miteinbeziehen engagierter Laien. Einigen Hirten sei eine aktivere Medien- und Kommunikationsarbeit anzuraten.

Die qualitative Studie wurde unterstützt von Missio und Misereor, ebenso wie vom Katholischen Militärbischofsamt, dem Erzbischöflichen Ordinariat München sowie der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral. Dafür sprachen im Frühjahr vorigen Jahres 100 Katholiken in leitfadengestützten Interviews eineinhalb bis zwei Stunden lang über ihre Wahrnehmung der katholischen Kirche, ihre Wünsche, Erwartungen sowie ihre Spiritualität und ihr Engagement. Sie legten zudem ihre Alltagswelt, Lebensphilosophie und Glücksmomente offen. Ein Marktforschungsinstitut hatte zuvor jeweils zehn Befragte aus zehn Milieus ermittelt, um ein Modell von der Realität zu erhalten. Die Befrager besuchten sie zu Hause, um ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild von der Lebenswelt der Teilnehmenden zu bekommen, fotografierten dazu Wohnzimmer und Hausaltäre.

Das Sinus-Institut hat ein eigenes Milieumodell der deutschen Gesellschaft entwickelt. Das Sinus-Milieumodell wird beständig an die gesellschaftlichen Veränderungen angepasst, die in Trendstudien und Untersuchungen der Lebenswelten der Menschen ermittelt werden. „In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Gesellschaft stark verändert“, begründete Projektleiter und Theologe Georg Frericks die Notwendigkeit, die Sinus-Milieus 2010 neu zu strukturieren. Auf dieser Basis wurde das nun präsentierte Handbuch erstellt.

Das Institut beansprucht für sich, mit Hilfe seines Milieu-Modells „die Lebenswelten der Menschen ganzheitlich wahrzunehmen“. Jedoch bleibt mit der Studie unbeantwortet, aus welchen Milieus neue geistliche Bewegungen wachsen, warum eucharistische Anbetungen wie auch Weltjugendtage guten Zulauf aus der Jugend erfahren und im Internet ein immer breiteres Angebot an glaubenstreuen Medien und Blogs entstehen kann. Auf die Frage, wo sich denn die durchaus hörbaren papstfreundlichen Katholiken in der Studie widerspiegeln, räumte Studienleiter Calmbach ein: „Es gab unter den konservativ Etablierten einige solche Stimmen.“

 

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