„Dann lieber lebendig und kritisiert“

Tage des Gedenkens und ihre Konsequenzen

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 3. Februar 2013 (Vaticanista).- Am heutigen Sonntag vor 70 Jahren ist der sorbische Priester Alois Andritzki im Konzentrationslager Dachau durch eine Giftspritze ermordet worden. Wegen seiner Kritik an der nationalsozialistischen Ideologie war der Kaplan an der Hofkirche in Dresden am 21. Januar 1941 von den Schergen abgeholt worden. „Heimtückische Angriffe auf Staat und Partei“, nannten seine Mörder das, was ihm zur Last gelegt wurde. Der Kolping-Präses Andritzki war seinem Gewissen gefolgt und hatte Nazi-Verbrechen kritisiert. Selbst im Konzentrationslager folgte er seinem Weg und bildete zusammen mit anderen Priestern, die dort inhaftiert waren, einen Studienkreis zur Bibellektüre. An Pfingsten vor zwei Jahren ist er schließlich als erster Sorbe selig gesprochen worden. Aus Anlass des 70. Todestags fand am Morgen in der Kirche des Karmel „Heilig Blut“ in Dachau ein Gedenkgottesdienst statt.

Die Feier reiht sich in eine dichte Woche des Gedenkens ein, die hinter uns liegt. „Die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 ist ein Datum der deutschen Geschichte, das mahnt: Nie wieder!“. So schrieb die Gemeinschaft Sant‘ Egidio in ihrer Einladung zur Gedenkveranstaltung am vergangenen Montag in München. Sie versteht dieses Memento als Aufruf, zu einer „menschlicheren und solidarischen Gesellschaft“ beizutragen. Die 1968 im Armenviertel Trastevere in Rom gegründete Gemeinschaft besuchte bereits 1989 gemeinsam mit arabisch-muslimischen Freunden Auschwitz.

Jetzt ließ sie Rita Prigmore von den Sinti zu Wort kommen: „Dieses Gedenken ist ein wichtiges Zeichen. Alle haben gemeinsam gelitten und wurden gemeinsam verfolgt: Juden, Sinti und Roma, Kranke und Behinderte, sogenanntes unwertes Leben.“ Mit den Juden habe alles begonnen, und deshalb ist weshalb es wichtig sei, dass sie sich im Gedenken zusammenschließen. „Ich möchte mich besonders an die Jugendlichen wenden, damit sie sich diese Ereignisse zu Herzen nehmen“, sagte Prigmore weiter. Als Kind überlebte sie medizinische Versuche im Rahmen der Zwillingsforschungen Josef Mengeles und verlor dabei ihre Zwillingsschwester.

Das diesjährige Gedenken, dass zeitlich auch mit dem 80. Jahrestag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten zusammenfiel, sollte weitergehende Konsequenzen haben als nur Tote zu betrauern und Neonazis zu bekämpfen. Antisemitismus ist in jeder Form brandgefährlich. Und Katholiken sollten sich nicht damit begnügen, sich zum Untergang von Kreuz.net, der pseudokatholischen, antisemitischen Kampfplattform zuzuprosten bis die Fastenzeit das Feiern unterbricht. Und es bringt auch nichts, wenn uns ein namentlich bekannter Mainzer Diözesanpriester, der dort als Leserbriefschreiber bekannt wurde, die Rolle des Sündenbocks übertragen bekommt.

Wie ich den Informationen der Gesellschaft Katholischer Publizisten entnahm, musste kürzlich das Erzbistum Köln den Text eines Jesuiten zurückziehen. Pater Dieter Böhler hat nicht auf denselben Internetseiten wie Antisemiten geschrieben, sondern seine Elaborate waren offenbar selbst anstößig. Hanspeter Heinz, Vorsitzender des „Gesprächskreises Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken las darin, der Kreuzestod Jesu sei als „Sühneopfer für den Ungehorsam des ganzen jüdischen Volkes“ zu sehen.

Dabei hätte Pater Böhler nur Papst Benedikt XVI. folgen müssen: Vor zwei Jahren, nach Erscheinen des zweiten Bands der Jesus-Reihe des Papstes hatte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, in einem Interview gesagt, es sei ein „wichtiges Zeichen für Freundschaft, Vertrauen und Versöhnung mit dem Judentum“, dass der Papst darin in klaren Worten eine jüdische Kollektivschuld am Tod Jesu verneine.

Es gibt nicht nur rassistischen Antisemitismus und den Jahrtausende alten christlichen Antijudaismus. Auch die Delegitimierung Israels ist ein Aggregatzustand des Antisemitismus. Die protestantischen Kirchen in den USA, einschließlich der Lutheraner, haben Ende vorigen Jahres den US-Kongress gedrängt, wegen der Situation der Palästinenser Hilfen an Israel einzufrieren. Zum Massenmord im Nachbarland Syrien und zu Übergriffen auf Christen im gesamten Nahen Osten schwiegen die Kirchenleitungen jedoch. Es gibt nur ein Wort für so ein Missverhältnis: Ausgrenzung. Zu diesem Thema empfehle ich nur kurz beispielhaft den folgenden Blogeintrag des Autors und Regisseurs Gerd Burrmann:

Darin steht ein wunderbarer Satz, der die Frage aufwirft, warum eigentlich tote Juden beweint, aber lebenden Juden nicht in der Konsequenz zugestanden wird, sich zu schützen. Nach dieser Woche des Gedenkens gebe ich ihn hier abgewandelt wieder: „Ich kann Dir versichern, wenn sich Juden entscheiden müssten zwischen tot von Israelkritikern gemocht und lebendig von diesen kritisiert, dann würden sie sich mit Sicherheit mehrheitlich für die zweite Variante entscheiden.“

 

 

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