Mit Gott durch den Pazifik

Der Erfolgsfilm Life of Pi zeigt die synkretische Glaubenswelt seines Regisseurs

Von Michaela Koller

LOS ANGELES/ TAIPEH, 9. Februar 2013 (Vaticanista).- In zwei Wochen, am 24. Februar, könnte der Film „Life of Pi“ in Los Angeles den Oscar in der Kategorie „Bester Film“ erlangen. Für diesen und zehn weitere dieser begehrten Trophäen ist die Verfilmung des Bestsellers von Yann Martel nominiert. Mit mehr als 500 US-Dollar Einnahmen ist er schon jetzt ein Kassenerfolg. Rund 1,8 Millionen Zuschauer haben das Filmmärchen um einen jungen indischen Schiffbrüchigen, der gemeinsam mit einem Tiger Monate lang auf einem Rettungsboot überlebt, in den Kinos gesehen. Das Thema Religion spielt darin eine zentrale Rolle:

Der kleine Inder Pi wächst zunächst in der hinduistischen Glaubenswelt auf, liest nachts unter der Bettdecke abenteuerliche Geschichten über eine Vielzahl von Göttern. Durch die Begegnung mit einem Pfarrer lernt er Jesus kennen. Fasziniert von der Idee der Nächstenliebe geht er den Weg bis zur Taufe. Doch sein Eifer bei seiner spirituellen Suche führt ihn wieder weg vom christlichen Glauben und er geht fortan in die Moschee seines Viertels zum Beten. Seine Eltern blicken mit so einer Milde auf die verschlungenen Wege ihres Nachwuchses, wie sie wohl in der indischen Realität eher selten anzutreffen sein dürfte: Pi schaufelt gerade Reis beim gemeinsamen Essen in sich hinein, als sein Vater ihn ermahnt: „Wenn du an alles glaubst, glaubst du letztlich an gar nichts.“ Sein Sohn müsse sich für einen Weg entscheiden.

Filmplakat zu Life of Pi, Schiffbruch mit Tiger

Filmplakat zu Life of Pi, Schiffbruch mit Tiger

Immerhin bleibt diesem am Ende genügend Kraft an einen allmächtigen Schöpfer zu glauben, um die härteste Probe seines Lebens zu bestehen: Er überlebt auf einem Rettungsboot allein in Begleitung eines fleischhungrigen Tigers monatelang auf dem Weg quer durch den Pazifik. Wilden Stürmen, brennender Sonne, und endloser Einsamkeit hält er stand, bis er die mexikanische Küste erreicht.

Die Geschichte, die der taiwanesische Regisseur Ang Lee fürs Kino adaptiert hat, spiegelt durchaus den Synkretismus wider, dem ich vorigen Herbst in seiner Heimat beobachtet habe. Der Oscarpreisträger (darunter für Tiger and Dragon) schildert sich selbst in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt als Suchender: „Ich bin in einer chinesischen Kultur aufgewachsen, und deren Bestandteile sind das beständige Hin und Her, das Ausbalancieren von Konzepten und die Anerkenntnis, dass es viele Dinge gibt, die wir rational nie begreifen werden. Da hilft dann nur noch, zu glauben.“ Zur Glaubenswelt in Taiwan und dem gegenüber in Festlandchina habe ich drei Beiträge veröffentlicht. Nachfolgend lesen Sie eine Einführung, die auf Explizit.net erschienen ist.

Buddhistisch-taoistischer Longshan Tempel in Taipeh; Foto: M. Koller

Buddhistisch-taoistischer Longshan Tempel in Taipeh; Foto: M. Koller

„Es liegen keine Berichte über Verstöße gegen das Recht auf Religionsfreiheit vor“, bemerkt der jüngste Jahresbericht des US-amerikanischen Aussenministeriums zur Situation in Taiwan. Der Staat erlaube eine allgemein freie Praxis der Religionsausübung, erzwungene Konversionen seien ebenso wenig bekannt wie gesellschaftliche Diskriminierung. Für Letztere fanden die Diplomaten wenige Ausnahmebelege. Einer betraf einen sehr speziellen Konfliktfall zwischen einer katholischen Schule und zwei mormonischen Lehrerinnen. Der gegen die Schule erhobenen Vorwurf der Diskriminierung, für die sie eine Strafe von fast 20.000 US-Dollar zahlen musste, könnte in der Zukunft aber durchaus ein großes Thema werden, mit Blick auf die Gleichstellungsbestrebungen Homosexueller, die auch auf der Insel eine Lobby haben. Immerhin gab es in diesem Jahr schon die Homo-Hochzeit auf Taiwan im buddhistischen Ritus. Weitere Kritik legte den Finger eher in die Wunde schwacher Sozialstandards in der Arbeitswelt, die katholischen Fremdarbeitern oft nicht einmal Zeit zum Sonntagsgottesdienst lassen.

Das Innenministerium in Taipeh fördere hingegen aber den interreligiösen Dialog durch Finanzierung oder Bezuschussung entsprechender Begegnungen zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Bekenntnisse. Im krassen Gegensatz dazu kritisieren die US-Diplomaten im Internationalen Bericht über Religionsfreiheit die politische Praxis der Volksrepublik China gegenüber Religionsgemeinschaften. China verzeichne einen starken Rückgang der religiösen Freiheit, der vor allem tibetische Buddhisten und uigurische Muslime im Autonomen Gebiet Xianjing betreffe, stellten sie fest. Jahrzehntelange Sinisierungspolitik konnte offenbar die starken Bestrebungen nach einer eigenständigen Identität ausmerzen.

Taiwan, zu dem die USA auf einer gesetzlichen Grundlage, des Taiwan Relations Act von 1979, besondere Beziehungen pflegen, gilt dagegen als Musterschüler in Sachen Menschenrechte: Dabei bewahrt es erst recht dessen religiös-kulturelle Eigenständigkeit. „Meine Mitbürger, die demokratischen Errungenschaften der Republik China hier auf Taiwan finden in der gesamten chinesisch-sprachigen Welt Beachtung. Taiwan hat bewiesen, dass die Demokratie im Rahmen der chinesischen Kultur wurzeln und Früchte hervorbringen kann“, sagte in der vorigen Woche Taiwans Präsident Ma Ying-jeou in seiner Ansprache zum Nationalfeiertag am 10. Oktober selbstbewusst.

Während Peking die Republik China auf Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet, sieht sich Taiwan als souveräner Staat und ist dies de-facto auch. Nur 23 Regierungen haben ihn anerkannt. Der Konflikt zwischen Festlandchina und Taiwan geht zurück auf den chinesischen Bürgerkrieg, als die Kuomintang-Regierung (KMT) der Republik China unter Chiang Kai-shek und die Kommunisten gegeneinander kämpften. Die KMT war samt Staatsapparat und Eliten 1949 nach Taiwan geflohen und hatte die Insel sowie einige dem Festland vorgelagerte Inselgruppen unter ihre Kontrolle gebracht. Erst zwischen 1987 und dem Jahr 2000 vollzog sich schrittweise die Demokratisierung Taiwans. Sie begann mit der Aufhebung des Kriegsrechts 1987 durch Chiang Kai-sheks Sohn Chiang Ching-kuo, der als Präsident auch die Einparteienherrschaft abschaffte und zum ersten Mal überhaupt Opposition zuließ.

Nicht nur hinsichtlich der Demokratie, auch hinsichtlich der Menschenrechte klafft ein Riesenspalt zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße. Die Sektion für Religionsfragen in der Abteilung für Verwaltungsangelegenheiten des taiwanesischen Innenministeriums kennt dem aktuellsten Bericht zufolge allein 27 Religionen auf der Insel, die bei ihr gemeldet sind. Es ist kein Fall bekannt, in dem eine Registrierung behindert oder gar verweigert worden wäre. Im Bericht des Jahres waren es gerade 13 Religionen. Registrierte Gemeinschaften genießen Steuerbefreiung, müssen aber jährlich Finanzberichte abliefern, vergleichbar mit den gemeinnützigen Vereinen in Deutschland.

Aufgrund der Freiheit, die allen zugleich zuteil wird, hat sich ein regelrechter Wettbewerb unter den Bekenntnissen entwickelt, eine ganz besondere Herausforderung auch für die mehr als 150 Jahre alte Katholische Kirche auf Taiwan. Die Katholiken, rund 300.000 von 23 Millionen Einwohnern, sind mit zahlreichen medizinischen und sozialen Einrichtungen, darunter Kindergärten, Zentren für geistig Behinderte und Altenpflegeheimen, sehr gut aufgestellt. Allerdings müssen sie auch einen Blick auf die Ausdehnung anderer Religionsgemeinschaften haben: Der Anteil an den Religionen, die ursprünglich aus China nach Taiwan kamen, steigt. Inzwischen sind laut CIA-World-Factbook 93 Prozent der Taiwanesen Buddhisten, Taoisten oder Anhänger der chinesischen Volksreligionen, die durch Geisterglauben und Ahnenverehrung gekennzeichnet sind. Angaben des taiwanesischen Innenministeriums zufolge lag der Anteil der Buddhisten sowie der Taoisten 1999 noch bei jeweils 22 Prozent. Der neueste Bericht bezifferte den Anteil der Buddhisten auf 35 Prozent und den der Taoisten auf 33 Prozent. Die kleine katholische Gemeinschaft schrumpfte zwischen 1999 und 2012 von 1,5 auf 1,3 Prozent. Dabei ist ein Umstand bei der Betrachtung wesentlich: Die Zugehörigkeit zum Buddhismus, Taoismus und zu den Volksreligionen ist oft alles andere als exklusiv: Synkretische Glaubenspraxis ist hier eher die Regel als die Ausnahme.

Besonders gut sichtbar wird dies im großen und zentral gelegenen Longshan Tempel in Taipeh, der im 18. Jahrhundert von Siedlern aus dem Festland gegründet wurde: Wie viele Tempel in Taiwan vereint er buddhistische, taoistische und volksreligiöse Verehrungsstätten. Bunt geflieste Skulpturen von Drachen und andere Fabelwesen markieren das Dach. Mit Statuen von vielen Göttern und semi-theistischen historische Figuren angefüllt, herrscht dort oft Hochbetrieb für Fürbitten, Orakelbefragungen und Opferungen. Süßes Gebäck, Früchte, Salzcracker stapeln sich auf Tischen neben Blumengebinden, Gaben an die Gottheiten. Der Rauch roter, einen halben Meter langer Räucherstäbchen, die die Gläubigen in den Händen halten, bis sie sie in Rauchgefäßen darbringen, durchzieht die Anlage, in der buddhistische Gebetsmühlen und die Statue der in Südostasien verehrten Meeresgöttin Matsu nur wenige Meter voneinander entfernt stehen.

Eine neue buddhistische Denkrichtung, genannt Buddhismus in Aktion, hat die in Taiwan heimische buddhistische Meisterin Cheng Yen entwickelt. Sie findet starken Zulauf und verzeichnet auch Konversionen aus dem Christentum. Sie propagiert, dass gute Taten zu vollbringen letztlich ein Privileg sei. Ihre 1966 gegründete Sozialstiftung Tzu-chi ist inzwischen in mehreren Dutzend Ländern weltweit unterwegs, auch etwa auf den überwiegend katholischen Philippinen. Sie bietet eigenen Angaben zufolge immer auch „spirituelle Hilfe“ an.

Wenn es auch 14 Prozent religiösen Indifferentismus gibt, so haben die Taiwanesen doch generell ein sehr starkes Bedürfnis nach Spiritualität. Auch charismatische Schwärmer locken missionarisch aktiv in ihre Pfingstlergemeinden, versprechen schnelle Erleuchtung gerade auch für alltägliche Herausforderungen. Insgesamt macht die Christenheit in der Republik China auf Taiwan nur 3,9 Prozent aus.

 

 

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