Weisheit und Mitgefühl als gemeinsamer Nenner?

Taiwans Museum der Weltreligionen

Von Michaela Koller

TAIPEH, 10. Februar 2013 (Vaticanista).- Taiwan, immerhin eine der bedeutendsten Wirtschaftsnationen weltweit, gilt hinsichtlich seiner Religionsfreiheit international als vorbildlich. Die Bedingungen für einen interreligiösen Dialog sind dort entsprechend einladend. Eines der Ergebnisse der Bemühungen, den Austausch unter Menschen unterschiedlichster Bekenntnisse zu fördern, ist das Museum für Weltreligionen in der Hauptstadt Taipeh. Für Europa, wo Indifferentismus, Relativismus und Nihilismus schon jetzt großen spirituellen Flurschaden angerichtet haben, ist so eine Einrichtung dringend zur Nachahmung empfohlen, allerdings nicht in den Details.

Sehr stark werden dort die Gemeinsamkeiten betont. Leider spiegelt sich dort auch die Tendenz wider, Religion und Kultur miteinander zu identifizieren. Und so geriet dann einiges durcheinander: katholische mexikanische Volksfrömmigkeit indentifizierten die Museumsgestalter mit der Kultur der heute noch in Südmexiko lebenden Maya. Es folg mein Artikel darüber, der in Explizit.net veröffentlicht wurde:

In Taiwans Hauptstadt Taipeh an einem milden Abend: Bei einem Bummel entlang der Hauptverkehrsader Zhongxiao Road mischt sich ein herber blumiger Duft unter das Gemisch aus beißenden Abgasen und appetitlicheren Garküchendüften. Es sind die Räucherstäbchen der Opferungen, vollzogen in Geschäfts- und Wohnhäusern. Außernatürlichen Schutz im Alltag, Hilfe in der Not und Segen immerzu erhoffen sich die Menschen hier als Erwiderung auf ihre Opfergaben. Rauch zieht auch von verbrannten Paradiesbanknoten auf, einem taoistischen Ritual zur Ahnenverehrung an kleinen bunten Hausaltären.

Unter Kennern gilt Taiwan als der traditionellste Fleck unter den von der chinesischen Kultur geprägten Gebiete. Da die Kulturrevolution auf der anderen Seite der Taiwanstraße endete, konnten die seit dem 17. Jahrhundert gewachsenen Traditionen noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hier richtig gedeihen: In diesem Zeitraum wanderten massenhaft Han-Chinesen zu, zunächst aus der chinesischen Provinz Fujian, später aus dem gesamten Gebiet der heutigen Volksrepublik China.

Die Realität des Landes ist aber multikulturell und multireligiös. Diesem Umstand trägt sogar ein Museum der Weltreligionen in der Hauptstadt Taipeh Rechnung. Taiwans Ureinwohner sind austronesischer Abstammung; 14 indigene Völker sind anerkannt. Unter ihnen verbreiteten Niederländer und Spanier im 17. Jahrhundert erstmals das Christentum auf der Insel.

Mit der japanischen Kolonialisation (1895-1945) drangen darüber hinaus religiöse Überzeugungen aus dem Kaiserreich auf die chinesisch geprägte Insel. Um auf dem Wege kultureller Assimilierung Loyalität durchzusetzen wurden 1937 alle älteren religiösen Traditionen Taiwans verboten, schließlich war die Insel Basis der japanischen Expansion in Südostasien.

Mit der Flucht der Kuomintang 1949 nach Taiwan kamen zum zweiten Mal in größerer Zahl auch Chinesen muslimischen Glaubens auf die Insel, nach einer ersten Wanderungsbewegung aus Fujian im 17. Jahrhundert. Aber diese Weltreligion blieb auf der Insel sehr klein: Selbst mit den indonesischen Arbeitsmigranten, die den größten Anteil an den Muslimen ausmachen, reicht es gerade einmal für 0,3 Prozent der Bevölkerung.

Die auf Taiwan herrschende Religionsfreiheit, die sogar unter den autoritären Bedingungen vor der Demokratisierung ab 1987 schon relativ weit reichte, war ein einladender Faktor für Migranten unterschiedlichen Bekenntnisses. Vor allem aber ist Taiwan als Hochtechnologieland und eine der 15 wichtigsten Handelsnationen der Welt, in dem etwa 90 Prozent aller Notebooks und Smartphones hergestellt werden anziehend für weitere Einwanderung.

Die Sorge, dass in dem prosperierenden Land nur noch schneller Erfolg und schnelle Profite als „Werte“ überleben könnten, trieb den buddhistischen Meister Hsin Tao, Gründer des erwähnten Museums der Weltreligionen um. Nachdem er zehn Jahre zu Fuß als Eremit durchs Land gezogen war, zwei Jahre gefastet und anschließend ein Kloster gegründet hatte, wandte er sich dem interreligiösen Dialog zu. Er gelangte zu der Idee, in einem Museum für Religion zu werben, religiöse Lehren zu vermitteln. Es wurde daraus ein weltweit einmaliges Unterfangen, das jedoch unter Fernosttouristen noch weitgehend unbeachtet geblieben ist.

Das erklärte Ziel des Meisters klingt gar zu ehrgeizig: an diesem Ort die Herzen zu öffnen, die Menschen aus der Verwirrung heraus zu Liebe und Frieden zu führen. Er setzt dabei auf die Weisheit traditioneller Kulturen, um dem modernen Menschen aus seiner misslichen Lage zu verhelfen. Am 9. November 2001 eröffnete er das Museum der Weltreligionen. Es soll nicht bloß Lehranstalt, sondern auch ein moderner Erlebnisraum sein – mit Videos, Touchscreens und symbolträchtigem Design der Räume. Ein Freizeitort eben, gerade für junge Leute.

Den Blick auf die Vitrine mit Kultgegenständen der taiwanesischen Volksreligion gerichtet, wo gruselige Fratzen aus Holz lokaler Gottheiten die Ehrfurcht des Betrachters zu erzwingen suchen, dringen vertraute Gesänge von hinten ans Ohr: Klingen diese zunächst wie das Schma Jisrael, so gipfeln diese anscheinend in einem Choral. Aus einer meterhohen Nachbildung der Kathedrale von Chartres dringt dieser quer durch die Halle herüber. Vor dem Modell glänzt im Scheinwerferlicht die goldene Kuppel einer wohlvertrauten Moschee – des Felsendoms. Dazwischen erstreckt sich breit Borobudur: die berühmte buddhistische Tempelanlage auf Java/Indonesien – mit ihrer schier unendlichen Zahl von Stupas das 1200-jährige Symbol des Universums.

Ein virtueller Pilgerweg führt an diesen Ort, der zehn Religionen, stellvertretend für alle Bekenntnisse, auf engstem Raum mit ihren Kultgegenständen zusammenführt. Bereits die Anreise ist eine kleine Pilgerschaft. Das Museum liegt am südlichen Stadtrand von Taipeh, dort, wo nicht mehr so viele Taiwaner arbeiten, die Englisch sprechen. Im Pacific-Kaufhaus an der Jhongshan Road ist im Aufzug weder sechster noch siebter Stock aufgeführt, so wie in vielen Häusern im chinesischen Kulturraum der vierte Stock bei der Zählung aus Aberglauben übersprungen wird.

Aber nicht diesem, sondern den Religionen ist diese Eigenheit geschuldet: Im siebten Stockwerk begrüßen den Besucher in großen Lettern unterhalb der Decke die Worte: „Weisheit und Mitgefühl, begleitet vom Schlüssel des Herzens sind die Türen zur Güte“ – der Eingang zum Museum der Weltreligionen. Entlang an einer Wand von Wasser, Symbol für Reinigung in vielen Religionen, und an Schatten von Pilgern unterschiedlicher Bekenntnisse führt der Weg in einen goldenen, kuppelförmigen Empfangsraum mit schwarzer Decke samt Sternenbild. Symbole aus Religionen, aber auch magische und astrologische Zeichen liegen dem Betrachter zu Füßen.

Da der Initiator ja beabsichtigte, ein erlebnisorientiertes Museum für Herz und Seele zu schaffen, stehen vor allem Riten und Kultgegenstände im Vordergrund. Eine Etage – die Hall der Lebensreise – ist zudem den ungelösten Rätseln des menschlichen Daseins gewidmet, die schon die Konzilserklärung Nostra Aetate erwähnte. Kleine Einführungen in die jeweilige Lehre im Stockwerk darüber liefern gerade noch so viel Aufschluss, um etwa zwischen monotheistischen und pantheistischen Überzeugungen unterscheiden zu können.

Meister Hsin Tao lässt die Lehrinhalte weitgehend außen vor, um die Gemeinsamkeiten aller Religionen stärker herauszustellen. Die Reduktion auf den Kult verleitet Unbedarfte dazu, die Religionen als jeweils kulturspezifische Wege zu der einen Wahrheit zu betrachten. Das wird nicht nur nicht ihrem Wahrheitsanspruch, sondern auch ihrer jeweiligen Universalität nicht gerecht: Besonders auffällig gilt das für das Christentum: Ein gotisches Reliquiar, ein orthodoxes Kreuz, ein barockes Ölgemälde, das Christus als guten Hirten zeigt, suggerieren: Diese Religion ist ein europäisches Phänomen. Es fehlt Hinweis etwa darauf, dass die benachbarten Philippinen mehrheitlich christlich geprägt sind, mehr als 80 Millionen unter mindestens 300 Millionen asiatischen Christen. Vor allem täuscht es darüber hinweg, dass deutlich mehr als 700 Millionen Anhänger des Christentums in Anglo- und Lateinamerika leben und nur etwas mehr als 500 Millionen in Europa. Es verwundert daher kaum noch, dass ausgerechnet das Gnadenbild der Jungfrau von Guadalupe im Museum für Weltreligionen in der Vitrine zum Maya-Kult hängt – immerhin ist es der weltweit meistbesuchte Wallfahrtsort der christlichen Welt .

Der Text in englischer Sprache neben dem Schaukasten zum Christentum gibt andererseits korrekt wieder: „Über die beinah zwei Jahrtausende seit Jesus auf der Welt lebte, haben christliche Gemeinden, die kollektiv die Kirche genannt werden, sich über die gesamte Erde verbreitet, und sind in viele Kulturen eingetaucht.“ Die Eigenheit, Kulte und Riten als Gesichter der Religionen zu präsentieren, mag auch der alltäglichen Erfahrung von Spiritualität in Taiwan geschuldet sein.

 

 

 

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