„Willkommen, Heiliger Großvater!“

Zur Amtsniederlegung eines Unbestechlichen

Von Michaela Koller

ROM, MARKTL, 11. Februar 2013 (Vaticanista).- Gerade am Wochenende hat Papst Benedikt XVI. den Chinesen zu ihrem Neujahr gratuliert. Es ist für sie das Jahr der Schlange, das große Veränderung verheißt. Auch wenn ich Voraussagen, einschließlich meiner eigenen Träume eher skeptisch begegne: Hier in diesem Fall ist die Verheißung zufällig sehr deutlich eingetroffen. Meine Gedanken sind nun bei denen, für dieser Schritt ein großes Zeichen sein kann, denen, die unter Machtgier und Korruption leiden, und auch denen, die diesen Versuchungen erliegen. Ich erinnere mich an die Tränen einer chinesischen Ordensfrau, der ich auf dem Freisinger Domberg begegnete, wo dieser Papst am 29. Juni 1951 zum Priester geweiht wurde. Sie war so gerührt, als sie sich an die erste Lektüre des Brief von Papst Benedikt XVI. an die chinesischen Katholiken vom 27. Mai 2007 erinnerte. Welche Ermutigung er doch für sie bedeutete und wie viel Aufmerksamkeit zugleich sie und ihre Glaubensgeschwister dadurch erfuhren.

Meine Gedanken sind weniger bei meinen deutschen Landsleuten. Die Bild-Zeitung hatte zwar festgehalten: Wir sind Papst? (Schlagzeile vom 20. April 2005). Haben sie wirklich begriffen, von welchem Schatz sie jetzt loslassen müssen? Die Fügung wollte es, dass ich ausgerechnet für diesen Montag eine Fahrt nach Marktl samt Familie geplant hatte, im Rahmen des 21. Welttags der Kranken. Am Mittag gab uns Bürgermeister Hubert Gschwendtner ein Interview, das ehrlich war: „Ich gebe zu, dass ich ein wenig traurig bin, denn für so einen kleinen Ort ist es von großer Bedeutung, wenn er der Geburtsort des Papstes ist.“ Er habe jedoch großen Respekt vor seiner Entscheidung, vor allem vor dem Mut. „Es ist mutig, dass er sich dazu durchringt, das zu tun, was das Beste für ihn ist.“

Das klingt sehr realistisch und auch einfühlsam. In den nächsten Tagen werden wir aber sehen, dass es Menschen gibt, die nicht loslassen können, weil sie jahrelang versuchten, ihn für ihre Zwecke einzunehmen. In Rom erzählt man sich eine Geschichte über den damaligen Kardinal Ratzinger. Er war in der Universität eines wohlhabenden Ordens eingeladen einen Vortrag zu halten. Im Anschluss offerierten ihm seine Gastgeber einen Umschlag mit Geld. Er lehnte strikt ab. Es ist eine typische Geschichte für Papst Benedikt, den Unbestechlichen. Er fragt nicht, wie es aussieht, wenn er für einen Nachfolger Platz macht. Und an diesem gewaltigen Amt klebt er erst recht nicht. Er beschämt damit all diejenigen, darunter viele Priester, die zu lange gewartet und sich auf ihrer Stellung ausgeruht haben, obwohl Anspruch und Wirklichkeit in ihrer Amtsführung inzwischen weit auseinanderdrifteten. Gerade weil er im Gegensatz zu diesen Getriebenen aus ehrenvollstem Grund ausscheidet, dem ehrwürdigen Alter.

Es wird mich noch lange die Frage beschäftigen, welches Zeugnis er mit seinem Schritt ablegt. Zum Abschluss in Marktl hatte ich auch noch ein bewegendes Gespräch mit Bischof Berislav Grgic von Tromso in Norwegen. Er fragt sich, was es für ihn persönlich bedeutet, dass er gerade im Altötting und Marktl, in der Heimat dieses Papstes war, als er von der Amtsniederlegung erfuhr. Zum Abschluss hörte ich noch, wie er so etwas sagte wie: „Wir werden dann wohl einen Heiligen Großvater haben.“ Ein Großvater, das wissen wir, muss nicht mehr erziehen. Er darf seine Enkel auch mal verwöhnen. Und sie können sich freuen, dass er einfach nur sie da ist, auch wenn nur im stillen Gebet.

 

 

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