Römische Wehmut

Eine Woche, die in die Papst-Geschichte eingeht

Von Michaela Koller

ROM, CASTELGANDOLFO, 3. März 2013 (Vaticanista).- Papst emeritus Benedikt XVI. hat sich am Donnerstag in Castelgandolfo als ein einfacher Pilger bezeichnet und von der Öffentlichkeit verabschiedet. Der Stuhl Petri ist nun vakant. In der Heimat Benedikts, in Regensburg, begingen am Samstag Gläubige – auf Einladung des Vereins Deutschland pro Papa – einen besonders würdigen Abschied. Eine Woche, die in die Geschichte eingeht, liegt hinter uns. Vaticanista war ganz nah dabei. Beginnen wir zunächst mit einer Reportage von der Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz, die auf Explizit.net erschienen ist:

Es gibt Momente, die so eine Vielzahl von Stimmungen widerspiegeln, dass sie wohl kaum in einem Wort ausgedrückt werden können. Dazu gehört gewiss der bewusste Abschied von einem Papst, der sich einst als „einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“ Rom und dem Erdkreis vorstellte. Von einem Kirchenoberhaupt, das alles, was sein Gegenüber jemals von ihm gehört hatte, offenbar vergessen machen kann und einem Global Player, der als ein besonders aufmerksamer Zuhörer beschrieben wird. Im größten katholischen Land der Erde, in Brasilien, kennen die Menschen ein Wort durch die ehemaligen portugiesischen Kolonialherren, dass alles umschreibt, was sich am diesem Mittwoch bei der Generalaudienz abspielte: Saudade. Es wurde einmal zu den schönsten Wörtern der Welt gekürt und beschreibt eine Wehmut, die nicht aus der Not gewachsen, sondern vielmehr gesucht wird. Saudade. Das zeigte sich rund um den Petersplatz: Tränen, Be-ne-detto-Rufe, Standing Ovations.

„Schock, Trauer, Respekt und Dankbarkeit“, so verrät der Buchautor Michael Hesemann, „habe ich seit der Amtsverzichtserklärung Papst Benedikt XVI. empfunden“. Mit dem ehemaligen Regensburger Domkapellmeister Georg Ratzinger zusammen schrieb er den Bestseller „Mein Bruder, der Papst“ und begleitete den deutschen Pontifex auf einem Großteil seiner Reisen. Der Historiker erlebte ihn in Situationen, die sich unauslöschlich in seiner Erinnerung eingebrannt haben: Eine heilige Messe in der spanischen Küstenstadt Valencia mit dem Santo Caliz, dem Kelch, mit dem der Überlieferung nach Jesus das letzte Abendmahl feierte. Oder eine Begegnung im Heiligen Land, bei der der Nachfolger Petri just unterhalb der Stelle, wo Petrus einst Jesus verleugnete, im Jahr 2009 mit arabischen Gläubigen zusammentraf. Für diese Momente empfindet Hesemann, der dem Papst am Donnerstag noch in den letzten Stunden des Pontifikates nach Castel Gandolfo folgen möchte, Dankbarkeit. Wie Hesemann erlebten auch andere eine Achterbahn der Gefühle nach der Erklärung Benedikts, auf sein Amt zu verzichten.

Und weil er sie so bewegte und bewegt, finden sich Hunderte schon vor sechs Uhr morgens an den Eingängen zum Petersplatz ein, ausgestattet mit Brotzeit, Klappstühlen, Fähnchen und Transparenten. Darunter wartet auch die Thüringerin Eva Benedicta Sherpa. Sie hält eine Fahne mit mehr als zwei Dutzend Luftballons in weiß, blau und gelb, also den Farben Bayerns und den Vatikans in den Armen. Die Fahne ist ganz aus transparentem Organza, kunstvoll bemalt mit dem Wappen des Papstes und seinem Konterfei, das Benedikt XVI. betend zeigt. Darunter steht der Name des Vereins „Deutschland pro Papa“. „Ich habe früher mal Porzellanmalerin gelernt“, antwortet sie auf den erstaunten Blick ihres Gegenübers.

Eva Benedicta Sherpa fand durch Benedikt XVI. zum Glauben; Foto: M. Koller

Eva Benedicta Sherpa fand durch Benedikt XVI. zum Glauben; Foto: M. Koller

„Früher“, das war ihre Zeit in der DDR, als sie weder getauft noch gläubig war. „Ich habe eine lange Suche hinter mir. Fasziniert von der Frömmigkeit der Buddhisten, war ich sogar im Himalaya“. Dort fand sie zwar nicht den Glauben, traf aber erstmals ihren Mann. Erst als sie begriff, dass Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. „einen Riesenanteil am Fall der Mauer“ hatte, begann sie sich fürs Christentum zu interessieren. Sie überzeugte schließlich „Einführung in das Christentum“ und „Salz der Erde“ von Joseph Ratzinger. „Er ist für mich wie ein Vater. Wegen ihm wurde ich Christin“, bekennt sie ganz ernst.

Während Sherpa sich an ihr Kunstwerk klammert, verteilt ein junger hochgewachsener Mann Visitenkarten: „Adopt a cardinal“ steht darauf. Wer sich unter www.adoptacardinal.org anmeldet, bekomme einen von mittlerweile wohl 115 Kandidaten zugeteilt, erklärt der Student der Theologie. Das Gebet um das Wirken des Heiligen Geistes gelte dem Wähler, der die richtige Wahl treffen möge. Obwohl er sich offenbar bestens auf die Zeit nach Benedikt XVI. vorbereitet hat, knüpft Gebetsinitiator Ulli Heckl heute wehmütig an eine Tradition seines Studienjahres in Rom an: „Mittwochsvormittag war immer Vorlesung beim Papst“, berichtet er mit Anspielung auf seinen wöchentlichen Besuch der Generalaudienz. In deren Rahmen erläuterte der Professoren-Papst seinen Zuhörern einmal das Zeugnis von Heiligen und ein andermal die Bedeutung des Gebets im Leben Jesu.

Richard Evans aus London, ein älterer Herr im roten Fleece-Shirt, stellt sich als einer der ehemaligen Angehörigen der Kirche von England vor, die im zu Ende gehenden Pontifikat mit ihrem Ritus in die katholische Kirche aufgenommen wurden. Das Wasser steht ihm in den Augen. „Es ist ein ökumenischer Papst“, sagt Evans weiter, als ihm schließlich eine Träne über die Wange rinnt.

Noch drei Stunden bis zum Beginn der Generalaudienz: Ganz vorne werden nach stundenlangem Warten endlich die ersten Pilger auf den Petersplatz gelassen. Im strahlenden Sonnenlicht füllt sich das Zentrum der Weltkirche schlagartig kunterbunt. „Wir fühlen uns nicht aufgegeben, sondern bestärkt“, bestätigt eine Pfarrei aus Sizilien auf einem Plakat mit einer Marienikone dem Bischof von Rom. „Benedetto ci mancherai – Benedikt – wir werden Sie vermissen“ ist auf einem Spruchband zu lesen, in schwarzen Lettern – daneben ein trauriges Smiley mit einer Träne unter dem Auge. Aus einer Gruppe streckt jeweils ein Pilger einen Buchstaben in die Kameras: GENOVA TI. Der Letzte hält ein riesiges rotes Herz hoch. Will heißen: „Genua liebt Dich“. Zunehmend mehr Banner von Pfarreien, Bewegungen wehen über dem Meer von Köpfen, dazu Fahnen aus vielen Ländern: Von Albanien, Bayern und Brasilien über Kroatien, Mexiko und Polen bis zu Südafrika. Jeweils ein Monsignore begrüßt Pilgergruppen in Französisch, Italienisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Polnisch und Arabisch. In allen diesen Sprachen wird der scheidende Brückenbauer später zu den rund 300.000 Audienzteilnehmern sprechen, sogar in Arabisch. Gläubige aus Ägypten, Libanon, dem Irak und Syrien danken ihm enthusiastisch rufend.

Als Benedikt XVI. sich zunächst in Italienisch an die Gläubigen wendet, wird er mehrfach vom Applaus unterbrochen: Gott danke er aus tiefstem Herzen, ihm vertraue er die Kirche in aller Welt an. „Aber immer habe ich gewusst, dass der Herr mit im Boot ist, und immer habe ich gewusst, dass das Schiff der Kirche nicht mir gehört, auch nicht uns gehört, sondern dem Herrn, der es nie sinken lassen wird“, sagt er mit leicht brüchiger Stimme. „Viva il Papa“ und „Be-ne-detto“ erklingt es skandierend, während sich der ganze Platz zu einem langen Beifall erhebt. Nach Begrüßung der deutschsprachigen Pilger, insbesondere der Bayern, erschallen auf einmal weit hinten auf dem Platz ein letztes Mal vertraute heimatlich vertraute Klänge. „Vergelt‘ Gott, vor allem der Traunsteiner Blaskapelle, dass sie uns die Bayernhymne so schön gespielt hat“, dankt der Pontifex aus dem Land um Inn und Salzach. Und so verhallen die letzten bayerischen Worte im Zentrum der Weltkirche. Es ist ein leichtes, feines Bayerisch, gesprochen von einer sehr charakteristischen Stimme. Sie erhebt sich noch ein letztes Mal zu einem öffentlichen Pater noster und zu einem letzten Segen für die Kirche, die nicht allein seine ist, wie er betont, sondern zuallererst die Kirche Jesu Christi. Im Vertrauen darauf gehen die Massen vom Platz, nicht in Trauer, aber mit Saudade.

 

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