„Engel halten keine Vorlesungen“

Abschiedskonzert für Benedikt XVI.

Von Michaela Koller

REGENSBURG, 6. März 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Ein Gedanke tröstet nach dem Amtsverzicht Papst Benedikts XVI.: Die Vorstellung, dass er jetzt wieder Zeit für seine Musik hat. Zu den vielen Aufnahmen, die der Papst emeritus in seine vorübergehende Residenz nach Castelgandolfo mitgenommen hat, kommt nun noch eine ganz persönliche hinzu: Das bislang einzige Abschiedskonzert in Deutschland – aufgenommen in seiner einstigen Wahlheimat Regensburg – unter Schirmherrschaft seines Bruders Prälat Georg Ratzinger

Schon der Ort, an dem die Arien und geistlichen Musikstücke dargeboten wurden, war von besonderer Bedeutung: Die Alte Kapelle in Regensburg, seit dem 18. Jahrhundert im verspielt-goldenen bayerischen Rokoko gestaltet, gilt als älteste Kirche Bayerns. Zwei Besonderheiten verbinden dieses Gotteshaus gleich mit zwei Päpsten gleichen Namens: Benedikt VIII. schenkte 1014 Kaiser Heinrich II. zu dessen Krönung das Gnadenbild, das die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind zeigt. Benedikt XVI. weihte die Orgel der Alten Kapelle persönlich während seines Besuchs am 13. September 2006 ein. Ihm zu Ehren heißt sie „Papst-Benedikt-Orgel“.

Wolfgang Nöth, Baptiste Pawlik und Wolfgang Kraus (v.l.n.r.); Foto: DpP

Wolfgang Nöth, Baptiste Pawlik und Wolfgang Kraus (v.l.n.r.); Foto: DpP

Der frühere Domkapellmeister wird die Aufzeichnung dem Papst im Ruhestand mitbringen, wie der 89-jährige gegenüber den Veranstaltern, dem Verein Deutschland pro Papa, ankündigte. Und bereits am Abend nach der Aufführung am Samstag haben die Gebrüder Ratzinger über das Ereignis miteinander telefoniert. „Sowohl vor als auch nach dem Konzert hielt sich der Heilige Vater darüber auf dem Laufenden. Was kann es Schöneres geben?“, fragte Wolfgang Nöth rhetorisch. Der kraftvolle Tenor überzeugte mit Franz Schuberts Ave Maria, César Francks „Panis Angelicus“ sowie Wilhelm Kienzls „Selig sind, die Verfolgung leiden“ aus „Der Evangelimann“. Als letztere Arie erklang, öffnete der weltbekannte einstige Chorleiter Ratzinger die Augen weit auf und beugte sich aufmerksam lauschend leicht nach vorne. Die Veranstalter hatten den Regensburger Künstler Nöth, der selbst praktizierender Katholik und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem ist, bereits Monate vorher für ein Konzert gewinnen können.

Und die Veranstalter holten den Bariton Tobias Neumann von der Bayerischen Staatsoper und dessen Mutter, der Sängerin Gabriele Neumann aus dem Opernchor des Staatstheaters Nürnberg sowie seine Frau, die Sopranistin Nastasja Dokalou dazu, die unter anderem Schülerin von Francisco Araiza war. Die Choräle interpretierte das Ensemble Passero, junge Männer, die ihre erste professionelle Prägung als Regensburger Domspatzen erfuhren. Birgitta Erl, spezialisiert auf die Gestaltung von Anbetungen, ließ Harfenmeditationen erklingen; Organist Wolfgang Kraus saß im zweiten Teil des Nachmittags an der Papst-Benedikt-Orgel und Geigenstar Baptiste Pawlik spielte auf einer italienischen Meistergeige aus dem Jahr 1778.

Pawlik galt schon im zarten Alter von vier Jahren als Wunderkind. Yehudi Menuhin schenkte ihm nach einem Konzert prompt seinen Dirigentenstab. Der international tätige Musiker spielte zudem als erster Geiger von Celine Dion. „Ich möchte mit meinem Instrument sprechen, das, was in meiner Seele ist, transportieren“, sagte er nachdem er mit Jules Massenets Thais Meditation die Zuhörer den Atem anhalten ließ. Beobachter hörten, wie Domkapellmeister Ratzinger im Anschluss ihm für seine „außergewöhnlich wertvolle Musik“ dankte.

Niemand unter den Künstlern konnte bei den ersten Planungen ahnen, dass sie damit ein Abschiedskonzert für Benedikt XVI. vorbereiten. Der Publizist Michael Hesemann, der die Einführungsrede hielt, sieht die Entwicklung der Ereignisse als „wunderbare Fügung“ an: „Denn sie gibt uns die schöne Gelegenheit, dem Heiligen Vater Dank zu sagen – Dank für seine Aufopferung. Dank für alles, was er uns geschenkt hat. Dank, dass er die Kirche so sicher durch die Stürme der Zeit geführt hat.“ Er dankte zudem für die „zutiefst humane Theologie“ mit der Quintessenz Gott ist die Liebe. „Die Schönheit der Kunst zeigt auch die Wahrheit unseres Glaubens“, sagte Bischof Rudolf Voderholzer, der mit Gebet und Segen den Dank an Benedikt XVI. abschloss.

Mit Worten des gerade zwei Tage zuvor aus dem Amt geschiedenen Pontifex führte der Lektor jeweils in ein, zwei oder drei Arien, Choräle oder geistlich-meditative Instrumentalstücke ein. Die Zitate aus Botschaften, Ansprachen und Lehrschreiben erzählten etwa vom Heilsplan Gottes, der Rolle der Kirche in ihm, sowie von Gottes Schöpfung und der unveräußerlichen Würde des Menschen. Die Auswahl der Musik sowie die Art der Darbietung waren durchaus geeignet, die Zitate des „größten Theologen der Gegenwart“ (M. Hesemann) klingend fortzuführen. „Auch er begriff, dass Worte nicht genügen, um Gott angemessen zu preisen und dass die Engel keine Vorlesungen halten, sondern singen“, sagte der Buchautor Michael Hesemann, Gründungsmitglied von „Deutschland pro Papa“. Musik habe den Papst emeritus von Kindesbeinen an begleitet, ihn inspiriert und zu Gott geführt. Das habe nicht nur an der Nähe seiner Heimat zur Mozartstadt Salzburg gelegen, sondern auch an der Prägung vom bayerischen Barock mit seiner jubilierenden Sinnesfreude. „Er wuchs in einer musikalischen Familie auf, vor allem aber an der Seite eines so begnadeten Musikers“, erinnerte Hesemann, der mit Georg Ratzinger „Mein Bruder, der Papst“ herausbrachte.

Beinah familiär war auch der geistlich-musikalische Nachmittag unter dem Motto „Glaube als Passion“ geprägt: Kirchenmusiker Wolfgang Kraus, der die weltweit einzige vom emeritierten Papst gesegnete Orgel erklingen ließ, verbindet mit beiden Ratzinger-Brüdern persönliche Erinnerungen: Sein 2003 verstorbener Vater Eberhard Kraus war zu der Zeit Domorganist in Regensburg, als Georg Ratzinger die weltberühmten Regensburger Domspatzen leitete, bei denen auch Wolfgang Kraus im Konzertchor mitsang. Durch den Domkapellmeister wurde er ebenso wie durch seinen Vater musikalisch geprägt: „Ich erinnere mich an manches Domkonzert, das der damalige Kardinal Ratzinger besuchte.“ Anschließend sei der spätere Papst noch in die Dienstwohnung seines Vaters mit zur geselligen Runde dazugestoßen. Vielleicht wird sich auch der Papst emeritus an diese Zeiten erinnern, wenn er in einem Monat die DVD mit der Aufnahme aus der Hand seines Bruders erhält.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 5. März 2013]

 

 

 

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Vatikan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.