Ein Papabile aus Sao Paulo

Der brasilianische Kardinal Scherer im Fokus von Spekulationen

Von Michaela Koller

SAO PAULO, 7. März 2013 (Vaticanista/explizit.net).- Große deutsche Medien haben den Erzbischof von Sao Paulo, Kardinal Odilo Scherer, in den vergangenen Tagen als einen der Top-Favoriten für die Nachfolge von Papst Benedikt XVI. ausgemacht. Die erhöhte Aufmerksamkeit wurzelt in den mehrfachen Bezügen zu Deutschland: Aus dem saarländischen Ort Theley sind seine Vorfahren im 19. Jahrhundert nach Brasilien ausgewandert. Und im hessischen Bad Vilbel half er in den achtziger Jahren wiederholt in den Ferien als Pfarrer aus. Ein weiterer Grund für den Hype sind Meldungen, in denen er als Lieblingskandidat italienischer Kardinäle dargestellt wird. In ganz Lateinamerika ist der 63-jährige Oberhirte der drittgrößten Diözese der Erde zudem äußerst beliebt. Sein Bistum mit mehr als fünf Millionen Katholiken ist wie die Welt im Kleinen: Die meisten Paulistas haben italienische Vorfahren; hier leben zugleich reichlich arabische Migranten, darunter viele christliche Libanesen, in einer Stadt mit 120.000 Juden und der größten japanischen Auslandsgemeinde.

Kardinal Odilo Pedro Scherer; Foto: M. Koller

Kardinal Odilo Pedro Scherer; Foto: M. Koller

Aus allen Kontinenten ziehen in diesem Monat aussichtsreiche, weil polyglotte und profilierte Kandidaten ins Konklave ein. Eindeutige Lager sind schwer auszumachen. Trotzdem lohnt sich eine nähere Betrachtung des brasilianischen Kardinals: Als Blick über den Tellerrand Europas und Nordamerikas mit ihren berühmten Papstwählern – hinein in die Weltkirche. Dass er sich zu einem Papabile entwickeln könnte, dafür gab es bereits in den Jahren 2007 und 2008 Anzeichen: Knapp bevor die Kirche Brasiliens mit dem Besuch Benedikts XVI. im Mai 2007 in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet, versetzte der Papst den damaligen Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz, Weihbischof Odilo Pedro Scherer, auf den Bischofsstuhl der Megametropole. Dieser fungierte somit als Gastgeber bei der Pastoralvisite. Im Mittelpunkt des Besuchs stand die Eröffnung der 5. Generalkonferenz der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik (Celam). Innerhalb nur eines Jahres, in dem Scherer seinen 58. Geburtstag feierte, stieg er schließlich mit dem Konsistorium im November 2007 vom anfänglichen Weihbischof zum Kardinal auf.

Nur ein Jahr später, im Oktober 2008, fungierte er zusammen mit Kardinal Oswald Gracias von Bombay und dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, als Präsident der Bischofssynode. Der einstige Mitarbeiter der vatikanischen Kongregation für die Bischöfe (1994 bis 2001) wurde auf diese Weise in Rom von Bischöfen der Weltkirche wahrgenommen. Er gehört seit 2011 dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung an und wurde im Februar als einer der letzten Amtshandlungen Benedikts XVI. in der Kardinalskommission der Vatikanbank bestätigt. Trotz seiner exponierten Stellung reagierten Leser der deutschen Berichte über den Brasilianer in den sozialen Netzwerken wie Facebook teils verhalten: Noch immer sehen viele Deutsche Brasilien als Hort der Befreiungstheologie. Längst schon aber hatte Scherers Amtsvorgänger Claudio Hummes für Schlagzeilen gesorgt, weil er den Ausschluss des Befreiungstheologen Paulo Suess von der Uni Sao Paulo unterstützte.

Seit dieser von dort fort ist, war aber nichts mehr von Konfrontationen zu hören. „Die Zeit der Befreiungstheologie ist vorbei. Wir leben nicht mehr in den siebziger und achtziger Jahren, als in Lateinamerika vorwiegend Diktaturen herrschten. Die Zeiten haben sich geändert, und es gibt heute keine neuen Stellungnahmen noch neue Vertreter dieser Richtung“, sagte Kardinal Scherer im Gespräch mit der Autorin bei ihrem Besuch in seinem Bischofshaus im Juli 2009.

Die Frage nach der irdischen Gerechtigkeit, die die Befreiungstheologie aufwarf, ist für ihn jedoch nicht obsolet: Jedenfalls residiert er zeichenhaft immer noch in demselben kleinbürgerlichen Häuschen, das einst sein Vorvorgänger, der Kardinal Paulo Evaristo Arns erwarb, nachdem er das Bischofspalais zugunsten der Armen veräußert hatte. „Das Haus gehört nicht einmal der Diözese“, verriet er. Obwohl schon zu der Zeit, als Benedikt XVI. noch Kardinal war, dieser sich sogar mit dem Begründer der Befreiungstheologie Gustavo Guttierez an einen Tisch gesetzt hat, argwöhnen immer noch einige Theologen, der Papst emeritus habe die Option für die Armen für nachrangig gehalten. Vor diesem Vorwurf verteidigte Scherer ihn und nannte dessen Sozialenzyklika Caritas in veritate als Beleg unter vielen. „Die Enzyklika bestätigt einmal mehr, dass man dem Vorurteil gegenüber Papst Benedikt widersprechen muss,“ sprach er als ein Kirchenmann, der die soziale Frage nicht allein aus dem Sessel aus betrachtet: Er geht in die Favelas, jene wildwuchernden Stadtviertel der Marginalisierten, in denen meist Drogenkartelle herrschen. Seit mehr als drei Jahren ist eine Kirche seines Bistums 24 Stunden am Tag geöffnet, für Menschen am Rand der Gesellschaft.

Er hat aber auch mit anderen Herausforderungen zu kämpfen: Missionarisch agile, charismatische Schwärmer locken in kleinsten Pfingstkirchen mit schneller Erleuchtung. Diese missionierten auch unter Katholiken aggressiv, beklagte Scherer. Ihre Zahl wachse schnell, an Personal mangele es ihnen nicht: Die Ausbildung zum Pfingstkirchen-Pastor ist nicht aufwendig, manche schulten sich sogar selbst. Mit eine derartig zahlreichen Aussendung von Missionaren könne die katholische Kirche schon wegen der jahrelangen akademischen Ausbildung ihrer Priester schwer mithalten. „Wir haben auch heute noch zu wenig Personal in der Kirche Brasiliens“, beklagte er in dem Gespräch. Und das angesichts dieser Herausforderungen „Die katholische Lehre muss ausdrücklicher weitergegeben werden“, sagte der Kardinal.

Scherer, der selbst in Brasilien und an der römischen Gregoriana studierte, weiß wovon er spricht: Er bildete in den siebziger und achtziger Priester aus und lehrte lange sowohl Theologie als Philosophie, teilweise neben seiner Tätigkeit als Seelsorger. Er setzt auf die Unterstützung von Laien als Katechisten, um die Evangelisierung und Neuevangelisierung voran zu treiben. „Wir versuchen die gesamte katholische Bevölkerung dazu zu bewegen, missionarisch zu handeln, nicht nur in der Liebe, im Sozialen, sondern auch im Glauben, um ihn an die Kinder weiterzugeben.“ Als siebtes Kind unter elf Geschwistern einer katholischen Kleinbauernfamilie erfuhr er selbst, wovon er spricht. Das Vorbild des Gemeindepfarrers, der die Familie öfters besuchte, weckte in ihm die Berufung zum Priester.

Das Heranwachsen in einer großen Familie auf dem Land dürfte aber auch seinen Charakter nachhaltig geprägt haben: In Bad Vilbel, wo er sich mit zwei Familien anfreundete, wird er laut Lokalpresse als „besonnener und bescheidener Mann“ beschrieben. „Eine gute deutsche Suppe isst Odilo am liebsten“ zitiert die Nachrichtenagentur dapd zudem die Saarländerin Mathilde Ludwig. Sie lernte ihn vor 30 Jahren bei seinem Besuch der Heimat seiner Ahnen kennenlernte. Auch gegenüber der Autorin gab der Kardinal sich wie ein Pastor im besten Sinne und nicht wie ein Kirchenfürst: Beim Abschied ließ er sich nicht nehmen, dem Taxifahrer persönlich den Weg zum nächsten Ziel seiner Besucherin zu erklären, um sie ja in Sicherheit zu wissen.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 6. März 2013]

 

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