Ein demütiger Mann des Dialogs mit einer Vision für die Kirche

Zu ersten Reaktionen nach der Papstwahl

Von Michaela Koller

ROM, 15. März 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- In einer kaum zu überbietenden Geste der Demut hat sich Papst Franziskus am Mittwochabend auf dem Balkon der Mittelloggia des Petersdomes verneigt, um das Gebet der Gläubigen aus aller Welt zu empfangen. Zuvor hatte er sich nochmals mit den Kardinälen zum Gebet in der Capella Paolina eingefunden. Mehr als eine Stunde warteten die auf dem Petersplatz Versammelten nach dem ersten weißen Rauch, länger als bei jedem anderen Papst in der jüngeren Geschichte. Franziskus nahm sich auch noch Zeit für ein Telefongespräch mit seinem Vorgänger. Und er begann bald nach seinen entwaffnend schlichten Worten „Guten Abend“ mit einem Gebet für den emeritierten Papst Benedikt XVI.. Das Konklave hatte einen Kardinal zum Bischof von Rom erwählt, der U-Bahn statt Mercedes fährt und anstelle eines Palais ein schlichtes Haus bewohnt. Einen „Kardinal der Armen“.

Verhalten reagierten die Menschen zunächst, nachdem der Kardinalprotodiakon Jean-Louis Tauran den Namen genannt hatte. Einige blickten schlicht ratlos, konnte den spanisch-italienischen Namen nicht einmal einem Land zuordnen. In den Massenmedien war er nie als Top-Favorit gehandelt worden. So dürften an dem Abend nur wenige auf dem Platz unter der Loggia seine Biografie gekannt haben.

Als "Kardinal der Armen" ins Konklave eingezogen; Foto: Wikipedia

Als "Kardinal der Armen" ins Konklave eingezogen; Foto: Wikipedia

Dennoch löste sich in den nächsten Stunden bereits eine Lawine schwerer Vorwürfe gegen den ersten Jesuiten auf dem Stuhl Petri. „Junta-Papst“ nannten ihn Schlagzeilen im Internet. Was darauf folgte, war die eine Lesart einer Geschichte, die uns in die Zeit der Militärdiktatur Argentiniens zurückführt. Bergoglio war damals Provinzial seines Ordens. Zwei Mitbrüder gerieten in den Verdacht, Kontakte zur Guerilla zu unterhalten. Er habe die zwei Jesuiten angeblich an das Regime verraten, woraufhin diese entführt wurden. So behaupten es die Autoren. „Eine Verleumdung“, so wehrte sich Bergoglio bereits gegen die Vorwürfe, die ein Menschenrechtsanwalt erstmals öffentlich erhob.

Die zweite Lesart klingt weniger einfach: In der Verantwortung für seinen Orden sei er sehr vorsichtig gewesen, erzählen sich die Argentinier. Er fürchtete, die gesamte Provinz könne in die Untergrundaktivitäten der zwei Mitbrüder hineingezogen werden. Der Provinzial, der sich nicht leicht tat, warnte sie vergeblich. Und nun ist es ein Papst in einer Reihe von Petrusnachfolgern, die alle die besonderen Bedingungen der Kirche in der Diktatur im eigenen Leben kennenlernten. Eine großer Teil der Christenheit erleidet aktuell sogar unmittelbar um des Glaubens willen Verfolgung. Papst Franziskus wird den Bedrängten mit seiner Erfahrung begegnen können.

Seine argentinische Heimat war im 20. Jahrhundert auch Ziel auf der Flucht vor dem Rassenwahn der Nationalsozialisten. Seit dieser Zeit ist das Judentum ein lebendiger Bestandteil des Gewebes südamerikanischer Gesellschaften. Mit den jüdischen Gemeinden führte Bergoglio offenbar einen herzlichen Dialog des Alltags, des Miteinanders:

Rabbiner David Rosen, der Direktor für interreligiöse Angelegenheiten des American Jewish Committee, sagte gegenüber der Agentur JTA, dass der neue Papst ein „warmer, süßer und bescheidener Mensch“ sei. Nach dem Bombenattentat auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994 habe sich der katholische Hirte mit der jüdischen Gemeinde solidarisch gezeigt: Im Jahr 2005 war Bergoglio die erste prominente Persönlichkeit, die die Forderung nach Gerechtigkeit für den blutigen Anschlag unterschrieb. Israel Singer, der frühere Präsident des World Jewish Congress, erinnert sich sogar an gemeinsame Verteilaktionen an Bedürftige vor rund einem Jahrzehnt in Buenos Aires. „Er war stets der Bescheidenste“, berichtet er.

Claudio Epelmann, Leiter des Lateinamerikanischen Weltkongresses, kennt den Papst sogar von Begegnungen mit jüdischen Jugendlichen: „Wir kennen seine Werte und Stärken. Wir hegen keinen Zweifel, dass er sich an der Spitze der Katholischen Kirche großartig bewähren wird.“ Mit dem Moment, da Papst Franziskus den berühmten Balkon betrat, erwiesen sich Befürchtungen als unbegründet, der von Papst Johannes Paul II. begonnene Pfad könne nun nach Benedikts Rücktritt ins Leere führen.

Aber der neue Pontifex ist schon jetzt heftiger Kritik ausgesetzt, auch jenseits seiner Rolle in Argentiniens Geschichte: „Ein Feind der Tradition“, so bezeichnete ihn ein rechtskatholisches Internetforum bereits am Donnerstag. Traditionalisten schäumen, sogar „einen schnellen Tod nach 33 Tagen“ wünscht ihm ein katholischer Ultra im sozialen Netzwerk Facebook. Gläubige, denen es um die Bewahrung des römischen Ritus in der außerordentlichen Form geht, fürchten den Widerruf des Motu proprio Summorum Pontificum vom 7. Juli 2007, mit dem der emeritierte Papst diesem wieder Raum gab.

Monsignore Joachim Schroedel, Auslandspfarrer in Kairo, der selbst regelmäßig auch im ordo extraordinario zelebriert, teilt die Befürchtungen nicht. Der neue Papst und Schroedel verbindet beide die Kenntnis östlicher Liturgien: Als Bischof war Bergoglio zuständig für Gläubige der orientalischen Riten. Und Schroedel erklärt: „Mehrfach haben mir andere Christen nach dem 7. Juli 2007 gesagt, es sei nun eine Brücke zu den orientalischen Kirchen wieder errichtet worden; jetzt hätten wir wieder eine gemeinsame Richtung bei der Verehrung des Herren, ad orientem, zum Osten hin.“ Es gibt demnach durchaus Anzeichen, die hoffen lassen, dass sich auch dieser Papst als liturgiesensibel erweist.

Die Polemik richtet sich auch gegen Franziskus‘ Zugehörigkeit zum Jesuitenorden, der den Reinigungsprozess im sogenannten Missbrauchsjahr 2010 ins Rollen brachte. Kränkungen durch Pauschalverurteilungen mögen eine Rolle bei der Kritik spielen. Aber ebenso ist es eine Geschichte, die von verletzter Ehre und gekränktem Stolz erzählt. Das Leid der Opfer hatten jedenfalls nicht alle so im Blick wie Papst Benedikt XVI, der sich mit ihnen persönlich traf. Eine machtvolle Kirche ohne Fehl und Tadel, das ist nicht die Vision des Realisten auf dem Stuhl Petri. Franziskus, noch als Kardinal, sagte in einem Interview mit dem Vatikanisten Andrea Tornielli nach dem letzten Konsistorium: „Es ist eine Einladung an die Kirche, das Heilige wie auch das Sündige zu sehen, so wie es ist, nach bestimmten Schwächen und Sünden zu suchen, ohne darüber die Heiligkeit so vieler Männer und Frauen zu vergessen, die in der Kirche heute wirken.“

Er prangert in dem Gespräch auch die Eitelkeit kirchlicher Würdenträger an, die er als eine der schlimmsten Verfehlungen betrachtet: „Eitelkeit und Angeberei sind Haltungen, bei denen sich die Spiritualität auf ein weltlich Ding reduziert, was die schlimmste Sünde ist, in die die Kirche sich verstricken kann.“ Die Frage bleibt, wie diese Vision von Kirche nun in der nächsten Zeit zur realen Entfaltung kommen wird. Dass dieser geistige Samen auch Früchte trägt, war offenbar der Wunsch einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Konklave.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 14. März 2013]

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Vatikan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.