Gesucht war: „Ein Mann des Dialogs“

Vorahnungen bei der Geburtstagsfeier von Kardinal Kasper?

Von Michaela Koller

ROM, 15. März 2013 (Vaticanista).- Hat Walter Kardinal Kasper schon bei seiner Geburtstagsfeier am vergangenen Wochenende in Vallendar geahnt, wer aus dem Konklave als Nachfolger Petri hervorgehen wird? Jedenfalls konnten die Festgäste in seine Ausführungen über gewünschte Eigenschaften ein bestimmtes Profil hinein interpretieren: „Ein Mann des Dialogs“. Und einer, der staatliche Unterdrückung kennt und mit der Erfahrung der Mehrheit der Christen aus der südlichen Hemisphäre vertraut ist. Die Beschreibung entspricht auch Papst Franziskus, der als „Kardinal der Armen“ in Argentinien bekannt wurde.

Ein großer Teil der Menschheit lebt in Armut. Etwa 852 Millionen Menschen weltweit hungern gar. Auch die Millenium Development Goals der Vereinten Nationen erzielten da wenig Erleichterung. Bei dem Festakt für Kasper bekam der älteste Kardinal im Konklave dies von Alt-Bundespräsident Horst Köhler zu hören. Er gehört einem Expertenteam von 26 Vertretern aus allen Erdteilen an, die UN-Generalsekretär Ban Ki-moon beraten, wie es nach 2015 weitergehen soll, wenn die Frist zur Erreichung der Ziele abläuft. Köhler bekannte, dass ihn die Sozialenzyklika von Benedikt XVI. Caritas in veritate beeinflusst habe. Sie spiegelt eine Anthropologie wider, die zu der kulturprägenden Kraft wurde, mit der sich die Gäste in Vallendar ebenso beschäftigt haben. Auf diesem Pfad wird nun Papst Franziskus ganz eigene Schritte tun.

Im Folgenden lesen Sie hier den ausführlichen Bericht über die Tage in Vallendar, wie er am Donnerstag in der Tagespost erschienen ist:

Kardinal Kasper vor dem Einzug ins Konklave; Foto: W. Scholz

Kardinal Kasper vor dem Einzug ins Konklave; Foto: W. Scholz

Walter Kardinal Kasper hat am vergangenen Wochenende in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar seinen 80. Geburtstag gefeiert. Er ist der älteste Kardinal im Konklave. Das weltkirchliche Geschehen wirkte auch in die Feier hinein. Nicht nur die großen Themen des Jubilars, wie Ökumene, Christologie und Europa kamen zur Sprache, auch kreisten sich viele Gedanken in den Ansprachen und Tischgesprächen um die Zukunft der Kirche. Die Gäste warteten gespannt auf das Eintreffen des Konklaveteilnehmers. Am eigentlichen Festtag, am vorigen Dienstag, saß Kardinal Kasper ebenso in der Sitzung der Generalkongregation wie noch am Samstagvormittag.

Aber endlich am späten Nachmittag kam Kardinal Kasper lächelnd und flinken Schrittes in den Festsaal, wo etwa Altbundespräsident Horst Köhler als Festredner und Erzbischof Robert Zollitsch sowie der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider mit Grußworten auf ihn warteten. Im Saal standen viele katholische und evangelische Geistliche zum Applaus auf, erkennbar an ihren Kollarhemden. Mit ihnen feierten Verwandte und Weggefährten Kaspers sowie Freunde des Kardinal Walter Kasper Instituts.

In seiner frei gehaltenen, leidenschaftlichen Ansprache bekannte der vormalige Präsident des Einheitsrates, ihm sei es immer ein Anliegen gewesen, in der ganzen Welt über Grenzen hinweg Freundschaften zu knüpfen. So vernetzte er sich mit evangelischen, anglikanischen und orthodoxen Christen sowie mit jüdischen Gesprächspartnern. Im Alter von acht oder neun Jahren, so erinnerte sich der 80-Jährige, sei er auf der Suche nach Lebensmitteln zu einer Bäuerin gekommen, die ihm Eier, Mehl, Milch mitgab. Er wusste, dass sie nicht katholisch war. Die Frau, die so freigebig teilte, war gläubige Pietistin. „Da sah ich, dass die Evangelischen doch nicht so schlimm sind“, erzählte Kasper verschmitzt lächelnd.

Selbstredend sollte auch der nächste Papst ein „Mann des Dialogs“ sein. Damit meinte er nicht nur die große Herausforderung des Dialogs mit dem Islam. „Er sollte auch mit denen Dialog führen können, für die Gott ein verborgener Gott ist “, sagte Kasper. Er und die anderen Kardinäle hätten bei ihrer Bestandsaufnahme zur Vorbereitung des Konklaves „offene, ehrliche und vielfältige Gespräche geführt“, und dabei über die Grenzen Europas hinaus geblickt, auch auf die schwierige Lage der Christen in Ländern Afrikas und Asiens. „Welchen Mut diese Christen doch haben“, bemerkte der Kardinal. Er habe dabei festgestellt, dass weit mehr Kandidaten Deutsch sprechen können, als erwartet. Kasper gab sich optimistisch, dass der neue Pontifex binnen drei Konklave-Tagen gewählt werde.

Hochkarätige Zeugen von Kaspers Vernetzungswirken hörten die Gäste bereits am Vorabend, in der Uraufführung eines Films über den Kardinal und den Dialog mit den Mitchristen. Der französische Filmemacher Silvère Lang von der Gemeinschaft Chemin Neuf hatte dazu den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. ebenso befragt wie den früheren Präsidenten des Lutherischen Weltbundes (LWB), Christian Krause. Sie erzählen darin von persönlichen Begegnungen, Annäherungen und den geistlichen Grundlagen, auf denen der gemeinsame Weg möglich wurde. „Wir haben Brücken gebaut, die von beiden Seiten begehbar sind“, resümierte Kasper selbst am Samstag bescheiden.

Der evangelische Altbundespräsident Horst Köhler ist einer derjenigen, die sich mit dem ehemaligen Präsidenten des Einheitsrates über die Konfessionsgrenzen hinweg verbunden sehen. In seinem Festvortrag warnte er davor, Religion nur als Wellness-Produkt zu betrachten. Köhler ist derzeit einer von 26 Experten, die auf Wunsch von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon neue Entwicklungsziele für die Zeit nach 2015 erarbeiten sollen. Im Vorfeld, so bekannte Köhler in seiner Rede, habe er sich von den Sozialenzykliken Populorum progressio (Papst Paul VI. 1967) und Caritas in veritate (Papst Benedikt XVI. 2009) zu der Erkenntnis leiten lassen, dass Entwicklung der neue Name für Frieden ist. Besonders Bildung und Beschäftigung der Jugend betrachte er als Schlüssel dazu: „Afrika hat das Potential für einen unglaublichen Aufschwung“, zeigte sich Köhler überzeugt.

Zusammen mit Kardinal Kasper im Flieger aus Rom kamen Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, langjährig Vorsitzender der Ökumene-Kommission der deutschen Bischofskonferenz, sowie Kardinal Kurt Koch, der 2010 Kaspers Nachfolger an der Kurie wurde. Müller würdigte in seiner Laudatio vor allem den theologischen Beitrag Kaspers: „Ich würde heute noch sagen, dass die „Einführung in den Glauben“ zur Pflichtlektüre für angehende Theologie-Studenten gehört.“ Und von evangelischer Seite, von EKD-Ratsvorsitzendem Nikolaus Schneider, hörte Kasper: „Sie sind für uns ein lebendiger Brief unseres gemeinsamen Herrn Jesus Christus, in dem wir lesen, wie Menschen aus Gottes Gerechtigkeit leben.“ Eine 800 Seiten starke Festschrift zur Christologie unter dem Titel „Mein Herr und mein Gott – Christus bekennen und verkünden“ überreichten dem Jubilar die Herausgeber, die Pallottiner und Theologie-Professoren George Augustin und Markus Schulze sowie Missio-Präsident Prälat Klaus Krämer.

Dem Geburtstagsfest war ein Symposium zur hochaktuellen Frage vorausgegangen, wie der Glaube die Kultur prägen kann. Der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann stellte seine Debatte mit dem Philosophen Hans Joas vor, die aber einseitig verläuft, weil Joas bislang noch nicht auf die faktengestützten Anfragen Püttmanns eingegangen ist. Der Sozialphilosoph aus Freiburg war im Sommersemester 2012 Inhaber der Gastprofessur der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er vertritt die These, dass Säkularisierung nach bisheriger Erkenntnis nicht zum Moralverfall führe. Püttmann kritisierte, dass Joas zwar ankündige, seine Aussage empirisch zu stützen, sie aber nur unzureichend belege. „Es gibt inzwischen in Deutschland eine Reihe von Umfrageanalysen, die moralische Einstellungen und Verhaltensaussagen nach Konfession, religiöser Selbsteinschätzung und kirchlicher Praxis ausdifferenzieren. Bei Joas spielen sie keine Rolle.“ Der Politologe nannte eine Reihe von Studien, darunter eine Allensbach-Umfrage. Derzufolge stimmten 2005 doppelt so häufig unter 40jährige, kirchennahe Katholiken als Konfessionslose dem Satz zu:„Ich will nicht fragen: Was tut der Staat für mich, sondern: Was tue ich für den Staat“.

Der Berliner Philosoph und evangelische Theologe Richard Schröder, bekannt für seine Kritik am Neuen Atheismus, betonte vor allem das Moment der Selbstkritik, das das Christentum von anderen Religionen positiv unterscheide. Er warnte aber mit Verweis etwa auf den Enttäuschungs- und den Gleichgültigkeitsatheismus davor, diesen von der Toleranz auszuschließen. Der Philosoph Holger Zaborowski (Vallendar) lehnte eine Verteidigung der Religion mit Blick auf ihre Funktion ab. Dadurch gerate ihr Wahrheitsanspruch in den Hintergrund.„Weder kann der Glaube den Zielen politischer oder kultureller Vernunft untergeordnet werden, noch darf die Kirche sich selbst unmittelbar und direkt aufs politische Parkett bewegen oder sich die Kultur einfach unterordnen“, sagte Zaborowski.

 

 

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