Als die Stimmung kippte

Geteiltes Echo nach wenigen Tagen des neuen Pontifikats

Von Michaela Koller

ROM, 24. März 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Mit seinen ersten Auftritten hat Papst Franziskus bereits viele Herzen für sich gewinnen können, auch außerhalb der Kirche. Aber das Echo ist nicht ungeteilt.

Rund 300.000 Gläubige haben sich vor einer Woche zum ersten Angelus-Gebet mit Papst Franziskus auf dem Petersplatz und in der Umgebung versammelt. Inzwischen sind auch viele seiner Landsleute angereist, was die große Zahl argentinischer Fahnen dokumentierte. Ein buntes Bild ergaben die Flaggen vieler Länder und Plakate von Pfarreien und katholischen Gemeinschaften. Jubel brandete auf, als Franziskus im Apostolischen Palast ans Fenster trat.

Er kam bei seiner Ansprache – wie schon am Vortag vor Journalisten – auf seine Namenswahl zu sprechen. (Franziskus – „der Mensch der Armut und des Friedens; der Mensch, der die Schöpfung schützte“.) Er erinnerte daran, dass der heilige Franz von Assisi, nach dem er sich benannt hat, auch Patron Italiens ist. Auch seine Vorfahren kommen daher, wie er in flüssigem Italienisch betonte. Wenigstens ein bisschen ist der Bischof von Rom wieder Italiener. Die Römer zeigten ihm bereits vor dem Angelus, wie herzlich sie den Mann „vom anderen Ende der Welt“ willkommen heißen:

Vor der Porta Santa Anna, wo die Sankt-Anna-Kirche steht, drängelten sich die Menschen, um einen Blick auf Papst Franziskus zu erheischen. Es ist die Pfarrkirche des Vatikans. Dort zelebrierte der Nachfolger des heiligen Petrus am Sonntagmorgen eine heilige Messe wie jeder römische Pfarrer auch in seiner Pfarrkirche. Wie viele von ihnen, begrüßte auch er nach dem Gottesdienst jeden einzelnen Besucher der Feier persönlich. Die Botschaft ist eindeutig: In Rom sitzt ein wahrer Hirte, ein Pastor, auf dem Stuhl Petri.

Papst Franziskus beim Empfang für Medienvertreter; Foto: M. Koller

Papst Franziskus beim Empfang für Medienvertreter; Foto: M. Koller

Papst Franziskus, über den schon jetzt feststeht, dass er als Papst der Armen in die Geschichte eingehen wird, zeigte sich in den ersten Tagen seines Pontifikats vor der feierlichen Einführung in das Amt ebenso volksnah wie auch geistreich-witzig: Beim Empfang für Journalisten brachte er die Medienvertreter mit der Bemerkung zum Lachen, er hätte auch den Namen Clemens wählen können, und zwar als Revanche für Clemens XIV., der 1773 die Aufhebung des Jesuitenordens anordnete. Und bei der kurzen Ansprache zum Angelus-Gebet gibt er gleich zwei Kostproben seines Humors: Zunächst als er davon spricht, wie gut ihm die Lektüre des Buchs über Gottes Barmherzigkeit aus der Feder des deutschen Kardinal Walter Kasper getan habe: „Denkt aber nicht, dass ich Werbung für die Bücher meiner Kardinäle mache, so ist das nicht.“ Und als er über die Begegnung mit einer einfachen, alten Frau berichtete, die sich von der Barmherzigkeit Gottes umfangen wusste, kommentierte er: „Ich habe in mir Lust verspürt, sie zu fragen, ob sie an der Gregoriana studiert habe.“

Erste Berichte über eine angebliche Verbindung des neuen Papstes zur Militärjunta Argentiniens in seiner Zeit als Ordensprovinzial der Jesuiten waren bald als „antiklerikale Kampagne“ widerlegt. Weltweit verdrängten wohlwollende Kommentare Kirchenferner, die schon lange auf ein glaubhaftes Zeugnis der Armut gewartet haben, die ersten Vorwürfe. Aber nun tauchen neue Anklagen auf. Und diese gehen inzwischen nicht nur von traditionalistischen Kreisen aus, die in Zeiten eines Latino-Pontifikats um das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ bangen:

Die Stimmung kippte am Tag zuvor, als Papst Franziskus auf einen feierlichen Segen für die Journalisten verzichtete. „Wissend, dass manche von euch nicht zur katholischen Kirche gehören und andere nicht glauben“, lautete die Begründung des Pontifex. Nun muss diese Begründung nicht einleuchten, schon gar nicht vor dem Hintergrund der aktuellen Situation im Dialog zwischen den Religionen und mit den Nichtgläubigen. Für manche Journalisten aus Deutschland war dies aber nur ein weiterer, willkommener Modernismus-Beweis des Papstes aus dem Kontinent der Befreiungstheologie:

Mit dem Titel „Franziskus greift wieder zum Sperrholz-Altar“ entfachte die Tageszeitung „Die Welt“ mit einem Artikel von Paul Badde eine erste größere Debatte. Deutschen, die noch immer wehmütig an „ihren“ Papst Benedikt denken, wird darin klargemacht: Der Neue ist nicht etwa bescheiden, sondern enorm selbstbewusst. Und er habe schon jetzt mehrfach gegen die Tradition und den Willen seines Vorgängers entschieden, angefangen von der Szene mit der Mozzetta, jenem Samt-Umhang mit Hermelin-Pelz. Franziskus verzichtete darauf, diese nach dem Habemus Papam zu tragen. „Dann ziehen Sie es doch selbst an“. So lautete Gerüchten zufolge die Antwort des gerade zum Pontifex gewählten Bergoglio bei der Ankleide in der „Kammer der Tränen“ an Zeremonienmeister Gudio Marini. Gegenüber Explizit äußerte eine Quelle sogar, dass Papst Franziskus dabei laut geworden sei. Ungeklärt bleibt allerdings der genaue Hintergrund und Zusammenhang dieser ersten Auseinandersetzung.

Im Anschluss an die Begegnung mit den Medienvertretern waren solche Szenen Tischgespräch unter deutschen Journalisten. Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, stand am selben Abend beim Wein das Urteil fest: Die ersten Gesten signalisieren einen Bruch mit dem Pontifikat des deutschen Vorgängers. „Aber wir haben ja noch unseren Benedikt und er lebt noch“, sagte ein Journalist, als habe es dessen Treueversprechen gegenüber seinem Nachfolger nie gegeben. Es ist ein Kopfkino-Flirt mit dem Schisma.

Der emeritierte Papst wusste genau, was er tat, als er ein Leben, „vor der Welt verborgen“, ankündigte. Und es war gut, dass die Informationsflüsse über Spaziergänge, Fernsehverhalten und Lektüre-Titel bald nach dem Amtsverzicht versiegten. Es zeugt auch von geringer Kenntnis der wahren Wirkung dieses Kirchenlehrers auf dem Stuhl Petri, von ihm jetzt weiter Wegweisung zu erwarten: Gerade er war es doch, der durch seine Bücher viele Menschen zum Glauben, ja Freundschaft mit Christus geführt hat. Auf den Schultern der Berichterstatter aus Rom lastet in diesen Tagen die enorme Verantwortung, Spaltungen nicht zu befördern, nur weil sich dieser Argentinier so anders zeigt als „unser“ deutscher Papst. Sie sollten vielmehr zu einer sachlichen Beurteilung dieser historischen Umbruchphase beitragen.

Dazu zählen auch folgende Erwägungen: Auf den ersten Blick mag es so aussehen, wie Kritiker sagen: Mit dem Verzicht auf Mozzetta, rote Schuhe, ein edleres Brustkreuz und einen massiv-goldenen Ring mache dieser Petrusnachfolger nicht sich persönlich, sondern das Amt kleiner. Um Zweideutigkeiten zu vermeiden, wird es hier möglicherweise zu Anpassungen kommen müssen. Der Papst, einst „Kardinal der Armen“ wandelt nun in ungewohnter Renaissance-Herrlichkeit. Ein Kulturschock der anderen Art, denn er kommt auch in ästhetischer Hinsicht „vom anderen Ende der Welt“.

Er ist der Erste aus der Neuen Welt, die aus den Abenteurern und den Armutsflüchtlingen der Alten Welt errichtet wurde. Eine Welt, weitab von Gotik und Renaissance, weitab von der Heimat der Gebrüder Asam, Johann Baptist Zimmermanns und Franziskus‘ Vorgängers. Und es ist eine Welt, die immer noch von der Realität der Armut gekennzeichnet ist. Und dort hat Franziskus die Erfahrung nach Rom mitgebracht, dass in oftmals erbärmlicher Umgebung viele tausendmal täglich ein schlichtes Stück Brot in den Leib Christi verwandelt wird. Wie sagte er auch vor den Journalisten: „Christus ist das Zentrum.“

 

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