Vertrauen auf das Gute bewahrt

Interview mit Charlotte Knobloch

MÜNCHEN, 3. Juni 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Jahrzehntelang hat die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, auf gepackten Koffern gesessen. Dank einer katholischen Hausangestellten ihres Onkels, Kreszentia Hummel, die sie auf ihrem fränkischen Bauernhof versteckte, überlebte sie den Holocaust. An die Gewalt, Zerstörung und Angst in der Progromnacht, die in diesem Jahr nun 75 Jahre zurückliegt, kann sie sich noch lebhaft erinnern. 68 Jahre später wusste die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: „Ich war hier angekommen und wollte hier bleiben“, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreibt. Michaela Koller sprach mit ihr über ihre Erinnerungen, ihren Glauben, ihr Vertrauen in Deutschland und den katholisch-jüdischen Dialog.

Frau Dr. Knobloch, was bedeutet Ihnen Ihr Glaube?

Charlotte Knobloch: Die Religion ist das Fundament unseres Daseins. Die religiösen Werte sind die Leitlinien unserer freiheitlich-demokratischen Grundhaltung. Das Prinzip der Nächstenliebe und das Streben nach einem respektvollen und friedlichen Miteinander sollten Maßgabe für unser Denken und Handeln sein. Ich versuche, diesem Anspruch gerecht zu werden, so gut ich kann.

Ihre Familie wurde früh auseinander gerissen und Ihr Vater Fritz Neuland sowie dessen Mutter, ihre Großmutter Albertine, wurden zu den wichtigsten Bezugspersonen in Ihrer Kindheit. Diese endete jäh, weil sie sich vor dem mörderischen Regime der Nationalsozialisten verstecken mussten. In dieser Zeit ging Ihnen aber offenbar etwas nicht verloren: Ihre Glaubenshaltung…

Charlotte Knobloch: Das ist richtig. Meine Haltung zu G-tt und der Welt konnte ich bewahren. Religion hat für mich auch viel mit Hoffnung und Vertrauen auf das Gute zu tun. Ohne diese Zuversicht, ohne ein gerüttelt Maß an unerschütterlichen Optimismus kann man weder überleben noch leben.

Sie haben zuvor bereits als Kind die schrittweise Entrechtung Ihrer Familie und der anderer Gemeindemitglieder als erster Phase der Verfolgung unter den Nazis direkt mitbekommen.

Charlotte Knobloch: Das verlief schrittartig, schleichend und doch rasant. Es begann mit kleineren Schikanen, nächtlichen Kontrollbesuchen über Arbeitsverbote in immer mehr Berufen bis hin zu immer weiteren Restriktionen im Alltag wie Eintrittverboten in Geschäften und Restaurants. Man hat den anderen Kindern verboten mit mir zu spielen, was besonders schlimm für mich war. Meine Klavierlehrerin durfte nicht mehr zu uns kommen. Ebenso erging es dem Kindermädchen. Wir waren irgendwann völlig isoliert und unser Lebensraum war auf unsere Wohnung beschränkt.

Und dann kam der 9. November 1938…

Charlotte Knobloch: … den ich an der Hand meines Vaters erlebte, als wir durch das rauchende und qualmende München hasteten, in dem sich Hass und Wahn ungezügelt Bahn zu brechen schienen und das von da an nicht länger meine Heimat sein konnte.

Nach der Shoa und nach dem Krieg wurden Sie einmal Zeugin einer antisemitischen Beschimpfung auf dem Schwarzmarkt an der Münchner Möhlstraße. In Ihren Lebenserinnerungen stellen Sie an dieser Stelle die Frage: Ist es schon wieder soweit? Hatte Sie diese Szene damals wirklich überrascht?

Charlotte Knobloch: Sie hat mich vielleicht nicht überrascht. Ich wusste ja, dass wir von denselben Menschen umgeben waren, die uns noch kurz zuvor diffamiert und angefeindet hatten. Aber es war für mich traumatisch, schon wieder diesen Hass und diese Ungerechtigkeit zu erfahren, die ich einfach nicht verstand. Bis heute weigere ich mich, zu verstehen, warum Menschen willkürlich und grundlos hassen können. Ich hatte und habe Angst, dass der Mensch wieder zu Unmenschlichkeit verführt werden kann. Diese Angst hatte ich damals extrem und heute spüre ich sie noch immer latent.

Dennoch verloren Sie auch nicht ganz ihren Glauben an die Menschen?

Charlotte Knobloch: Das würde ich so nicht sagen. Aber die ersten Jahre nach dem Krieg spürte ich ein gewisses Misstrauen, eine Verunsicherung. Aber das hat sich gelegt. Ich vertraue absolut auf dieses Land und seine Menschen. Die Bundesrepublik Deutschland und die Bundesbürger haben eine enorme und beeindruckende Entwicklung hinter sich. Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein sind stark ausgeprägt. Zum Teil erheblich stärker als bei unseren europäischen Nachbarn.

Sie träumten einst davon, mit Ihrem 1990 verstorbenen Mann Samuel Knobloch nach Übersee auszuwandern. Das Warten auf eine geeignete Gelegenheit ließ Sie aber wieder Wurzeln schlagen, in ihrem München und in Deutschland. Wann waren Sie sich dessen erstmals bewusst geworden?

Charlotte Knobloch: Das war ein langsamer Prozess, den ich anfangs gar nicht wahrgenommen habe. Ich sage heute schlicht: Es hat sich eben so ergeben. Der bewusste Entschluss, auf Dauer hier zu bleiben, fiel aber tatsächlich erst mit der Grundsteinlegung zum neuen jüdischen Zentrum in München am 11. November 2003. Ich sprach damals davon, dass ich an diesem Tag meine Koffer ausgepackt habe und das trifft es sehr gut. Mit der Eröffnung der neuen Hauptsynagoge drei Jahre später fühlte ich mich dann endgültig angekommen – in München und in Deutschland. Ich bin glücklich und stolz, dass ich meinen Teil dazu beitragen könnte, dass das Judentum in Deutschland wieder eine Zukunft und eine Heimat hat.

Sie sind die letzte Zeugin der Shoa, die den Zentralrat der Juden in Deutschland anführte. Sie hatten dennoch den Mut, einen Wechsel zuzulassen. War die Zeit dafür reif?

Charlotte Knobloch: Aber selbstverständlich.

Dennoch bemerkten Sie aber recht bald nach dem Wiedergutmachungsabkommen 1952 schon die Tendenz, sich in die Politik Israels einzumischen. Prominente jüdische Stimmen bemerkten deswegen schon, Deutschland sei auf andere Weise antisemitischer geworden. Wie sehen Sie das?

Charlotte Knobloch: Man muss hier sehr klar zwischen der Politik und bestimmten Teilen der Gesellschaft unterscheiden. Die deutsche Politik hält sich mit Einmischungen sehr bewusst zurück. Auf der anderen Seite gibt es Tendenzen in der deutschen Gesellschaft, den Staat Israel auf unsachliche und überzogene Weise zu kritisieren. Das grenzt häufig an Diffamierung und Delegitimierung und lässt leider nur allzu oft die singuläre geopolitische Situation im Nahen Osten außer Acht. Hier wünsche ich mir mehr Empathie und mehr Verständnis für die Sorgen und Interessen des jüdischen Staates, dessen Menschen mit einer unerträglichen Bedrohungssituation konfrontiert sind, die sich die meisten Kritiker nicht bewusst machen.

Sie haben umgekehrt auch die deutschen Juden vor dem Vorwurf aus Israel in Schutz genommen, dass Deutschland eigentlich kein Land sei, in dem sie leben sollten. Dazu gehört einiges Selbstbewusstsein, ja aber auch Liebe zu diesem Land…

Charlotte Knobloch: Das ist wahr. Wobei diese Vorwürfe heute nicht mehr laut werden. Das war in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg der Fall. Heute ist die Bundesrepublik auch und gerade in der jüdischen Gemeinschaft in aller Welt ein sehr anerkannter und geschätzter Staat. Nicht zuletzt die enorme Zuwanderung aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion seit 1989 belegt eindrucksvoll, welchen hohen Stellenwert Deutschland in der internationalen jüdischen Gemeinschaft hat. Das Vertrauen in die deutsche Politik und das stabile freiheitlich-demokratische System, den Rechtsstaat und die staatlichen Institutionen ist über jeden Zweifel erhaben.

Die katholische Kirche hat seit kurzem einen neuen Papst, den Sie mit sehr herzlichen und warmen Worten beglückwünscht haben. In Ihrem Schreiben nannten Sie die jüdisch-katholische Zusammenarbeit eng und fruchtbar. Was verstehen Sie unter Dialog?

Charlotte Knobloch: Auf der Basis unserer gemeinsamen Werte bilden wir Bündnisse und arbeiten in einzelnen Projekten eng zusammen. Wir treten gemeinsam für Toleranz und Menschenrechte ein. Das ist eine großartige Entwicklung. Unser Glaube verbindet uns und endlich, nach so vielen Jahrhunderten stehen unsere vielen Gemeinsamkeiten, unsere Geschwisterlichkeit im Vordergrund und nicht mehr das wenige, was uns unterscheidet.

Und was erwarten Sie sich vom künftigen Dialog zwischen Judentum und katholischer Kirche unter Papst Franziskus?

Charlotte Knobloch: Ich erwarte, dass der neue Papst welt- und gesprächsoffen ist. Das hat er ja auch schon bewiesen. Und doch steht er für die unverrückbaren Werte der Religion ein. Das ist insbesondere im modernen Westen vonnöten. Ich hoffe, dass es uns gelingt, den Menschen gerade in den westlichen Industriestaaten Glauben und Religion wieder schmackhaft zu machen. Viele haben sich abgewandt – und suchen doch weiter nach Halt und Geborgenheit in einer immer schneller und unübersichtlicher werdenden Welt. Als Religionsgemeinschaften sind wir gefordert, Hilfestellungen und Perspektiven anzubieten. Es ist die Bibel, die nach wie vor die zentralen Botschaften für ein erfülltes und glückliches Leben im menschlichen Miteinander enthält. Gemeinsam mit dem neuen Papst wollen wir als Juden und Christen für diese Erkenntnisse eintreten und neue Begeisterung dafür wecken.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 25. Mai 2013]

 

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