Das Wirken des Heiligen Geistes entzieht sich der Kontrolle der Partei

Interview zur Kirche in China

ST. AUGUSTIN, 4. Juni 2013 (Vaticanista/Explizit).- Mit einer heiligen Messe und einer Prozession haben kürzlich wieder mehrere tausend Gläubige in China nahe Shanghais am Marienwallfahrtsort Sheshan den Tag Unserer Lieben Frau von China gefeiert. Die Stimmung war getrübt, da der bisherige Bischof Aloysius Jin Luxian am 27. April verstorben ist. Und sein Koadjutor Thaddeus Ma Daqin, der eigentlich seine Nachfolge antreten sollte, wird noch immer an unbekanntem Ort von den Behörden festgehalten. Immerhin war ihm erlaubt worden, einen Tag vor dem Fest am 24. Mai geistliche Meditationen auf seinem Blog hochzuladen. Papst Franziskus rief die Katholiken in China anläßlich ihres Feiertags dazu auf, mit Demut und Freude den Auferstandenen zu verkünden und der Kirche und dem Nachfolger Petri treu zu sein. Den Gedenktag der Madonna von Sheshan in Shanghai hatte Vorgänger Papst Benedikt XVI. 2007 zum Weltgebetstag für die Kirche in China erklärt.

Die Privilegien ausländischer Missionare trugen einst dazu bei, dass das Christentum vielen Chinesen fremd blieb. Erst recht die Kommunisten betrachteten die christlichen Kirchen als Einrichtungen, die der Einmischung von Imperialisten das Tor öffneten. Die Ernennung von Bischöfen durch den Papst ist noch immer das größte Problem zwischen Rom und Peking, wenn auch in vielen Einzelfällen Übereinstimmung erzielt werden konnte. Seit der Zeit der Verfolgung während der Kulturrevolution (1966 bis 1976) hat sich in China ein Christentum entwickelt, das nicht länger fremd ist, sondern vielmehr an Ausstrahlungskraft gewonnen hat. Schätzungen zufolge sind zwischen 45 und 65 Millionen Chinesen getauft. Das Zeugnis der Christen in der Bedrängnis trug zum Wachstum ebenso bei, wie die Suche nach Sinn in der aktuellen Phase des Umbruchs.

Im Jahr 2007 rief Papst Benedikt XVI. die Katholiken in China, die in eine Untergrundkirche und eine offizielle Kirche gespalten sind, zur Einheit und zum missionarischen Aufbruch auf. Michaela Koller sprach mit dem Steyler Missionar Pater Anton Weber, der von 2004 bis 2012 Direktor des China-Zentrums in St. Augustin bei Bonn war, über die Bedeutung des Gedenktags und die aktuelle Situation.

Zum sechsten Mal wurde in diesem Jahr der 24. Mai als Weltgebetstag für die Kirche in China begangen. Was ist so besonders an der kleinen Herde in China, das 1,2 Milliarden Katholiken auf der Erde dafür beten sollen?

Pater Anton Weber: Der Reiz dieses Gebetstags liegt in dem Wissen, dass diese sogenannte „kleine Herde“ Zukunft hat. Man spricht heutzutage so viel vom Aufbruch Chinas in eine neue Zeit und denkt dabei meist nur an den Wandel in der Gesellschaft und den wirtschaftlichen Fortschritt. Dass dieser Aufbruch einer spirituellen Dimension bedarf, um nicht in eine materialistisch orientierte Massenbewegung zu deformieren, wird meist vergessen. Diese kleine Herde soll der Träger der spirituellen Initiative werden. Das Gebet der ganzen Welt vermittelt die Solidarität der Universalkirche und stärkt das Vertrauen in die kirchliche Großgemeinschaft, aber auch den eigenen missionarischen Auftrag. Dieser Auftrag wird in den christlichen Gemeinden Chinas heute sehr ernst genommen. Alle Taufbewerber werden schon in der Vorbereitung dazu hingeführt, mit der Taufe auch die Sendung zu übernehmen, in ihrem sozialen Umfeld aktiv zu werden und den Glauben weiterzugeben.

Wie sieht es denn mit der Religionsfreiheit aus? Besteht denn nicht mehr das bekannte Bedürfnis des Regimes, das gesamte religiöse Leben zu kontrollieren?

Pater Anton Weber: Das Bestreben, das gesamte religiöse Leben nicht nur zu kontrollieren, sondern es für die Ziele des Sozialismus umzuformen und auszuwerten, besteht tatsächlich auch heute noch. Dem ist nichts anderes entgegenzusetzen als das Gebet und die Offenheit gegenüber dem Wirken des Geistes, der die Seele aller religiösen Aktivität bleiben muss. Die Religionsfreiheit ist zwar auch in der chinesischen Verfassung verankert, aber die Bewertung und die praktische Umsetzung dieser Freiheit hat sich die kommunistische Partei als in den Bereich ihrer Kompetenz gehörend vorbehalten. Der Machterhalt als Garant der Stabilität ist ihr dabei das größte Anliegen. Das Wirken des Geistes entzieht sich jedoch der Kontrolle der Partei. Wie sehr sie dieses unvorhersehbare Wirken des Geistes fürchtet und wie sehr sie es einzuschränken versucht, zeigte sich in der Nervosität, mit der sie auf die Entscheidung des neuen Bischofs von Shanghai nach der Weihe, sich von der Patriotischen Vereinigung abzusetzen, reagiert hat.

Wie steht denn wohl die neue Führung in Peking zu der These des chinesischen Wirtschaftsprofessors Zhao Xiao, die USA seien wegen ihres christlichen Bekenntnisses zu kommerziellem Erfolg gelangt, und nicht so sehr aufgrund natürlicher Ressourcen, des Finanzsystems oder der Technologie?

Pater Anton Weber: Die Führung in Peking wird die Thesen des Herrn Zhao Xiao ernstlich prüfen, aber kaum ernst nehmen. Die Regierung hat zahllose hochbegabte Wissenschaftler und ausgebildete Fachleute, die sich auch intensiv mit religiösen und religionswissenschaftlichen Fragen beschäftigen. Diese Leute sind zu realistisch, um nicht überzeugt zu sein, dass kommerzieller Erfolg und technologischer Fortschritt nicht in einen direkten kausalen Zusammenhang mit dem christlichen Bekenntnis gebracht werden können.

Dass aber echter religiöser Glaube andere Voraussetzungen schafft, der Welt und ihren Ressourcen in Offenheit und Ehrfurcht zu begegnen und ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen zu erkennen – diese Erkenntnis muss noch an Raum gewinnen. In diesem Zusammenhang wird die noch kleine Herde von Gläubigen mit ihrem Denken, ihren spirituellen Erfahrungen und ihrem Gemeinschaftsleben mehr und mehr zu einem nicht zu übersehenden  Potential in diesem Land unbegrenzter Möglichkeiten werden. Tatsächlich scheinen auch immer mehr Menschen aus den höheren Schichten den Zugang zu diesem Potential zu suchen.

Erkennen Sie noch andere westliche Einflüsse in China?

Pater Anton Weber: Beim heutigen Globalisierungsprozess in allen Bereichen und bei der Entwicklung der Medien wirkt es immer obsoleter, von westlichen Einflüssen zu reden. Es geht ja immer mehr um Austausch und gegenseitige Beeinflussung. Und China hat dabei viel zu bieten. Dennoch bleibt auch heute immer noch die Wissenschaft der Bereich, der weiterhin das größte Interesse der Chinesen am Westen einnimmt und seinen Einfluss auf sie ausübt. Aber auch die westliche Kunst gewinnt in der chinesischen Bevölkerung stark an Akzeptanz, wobei dann aber bei den Künstlern auch häufig starke einheimische Elemente mit einfließen. Wer einmal den jungen chinesischen Klaviervirtuosen Lang Lang die westlichen Klassiker hat spielen hören und spielen sehen – und dies auswendig, spürt etwas von der Faszination, die diese Musik auf ihn ausübt und wie er sie verarbeitet hat. Vielleicht kommt auch noch die Zeit, zu der die vielen Touristen aus China, welche in steigenden Mengen die westlichen Länder besuchen, um ihre Sehenswürdigkeiten abzulaufen, ohne Fotoapparate auskommen, um die Werte zu entdecken, die dort verborgen auf sie warten, um sich von ihnen inspirieren zu lassen.

Wie sollte dieser Gedenktag alljährlich in Deutschland begangen werden?

Pater Anton Weber: Dass Papst Benedikt im Anschluss an seinen Brief 2007 an die chinesische Kirche den 24. Mai zum allgemeinen Gebetstag für China eingeführt hat, war von der pastoralen Sorge des Heiligen Vaters für den christlichen Glauben dieses größten aller Völker motiviert und von der Wahrnehmung des Kairos – des gottgeschenkten Augenblicks, die Initiative für die Glaubensverbreitung aufzugreifen, und von dem Bemühen, einer Kirchenspaltung vorzugreifen, beeinflusst.

Eine entsprechende Hinführung durch geeignete Programme, Vorträge, Einführungen innerhalb oder außerhalb der Gottesdienste, um auf die Situation der Kirche Chinas aufmerksam zu machen, wäre natürlich naheliegend. Ein Wortgottesdienst oder eine Eucharistiefeier unter dem Thema: Die Kirche Chinas und die Weltkirche wären zu empfehlen. Das China-Zentrum in St. Augustin ist immer bereit, sachgerechte Hinweise zu geben und geeignetes Material zur Verfügung zu stellen (www.china-zentrum.de).

 

 

 

 

 

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