Desaströser Einfluss islamistischer Regime

Bürgerkriegsgefahr in Nigeria

Von Michaela Koller

ABUJA, 4. Juni 2013 (Vaticanista/Explizit).- Der Einfluss islamistischer Regime in Afrika wächst. In Nigeria ist nun die Gefahr eines Bürgerkriegs akut. Davon ist der katholische Publizist und Entwicklungshelfer Ernst Sagemüller überzeugt. „Die bereits seit Jahrhunderten bestehenden politischen, religiösen Gräben haben sich erheblich vertieft“, berichtet er in einem im Interview. Inzwischen deckten auch Christen, vor allem Anhänger neugegründeter Freikirchen, sich mit Feuerwaffen und Kampfstoffen ein: „Ich habe selbst mitbekommen, dass neu entstehende christliche Resistenzarmeen mit Sprengstoff beliefert wurden“. Von 1999 bis Ende 2012 starben Schätzungen zufolge etwa 12.000 Nigerianer bei Terroranschlägen, religiös motivierten gewaltsamen Auseinandersetzungen und Gegenmaßnahmen von Sicherheitskräften und paramilitärischen Gruppen. Zu einem Höhepunkt der Gewalt kam es nach den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren, aus denen der Christ Goodluck Jonathan als Sieger hervorging.

Die Zahlen der Opfer würden von der Regierung heruntergespielt, ist Sagemüller überzeugt. Der Grund liege darin, dass Staatspräsident Jonathan und andere nigerianische Repräsentanten um Investitionen fürchten, um die sie im westlichen Ausland werben. Ende April seien gerade drei Ingenieure von einer deutschen Firma ermordet worden. Sogar die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) habe inzwischen ihre Mitarbeiter aus dem Norden abgezogen. „Von 900 Firmen sind weniger als fünfzig noch geblieben“, schätzt Sagemüller.

Anfang Mai kam es etwa zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen im Nordosten des Landes an der Grenze zu Kamerun. Die amtliche Zahl der Todesopfer betrug 39 Tote. Sagemüller kennt jedoch einen Arzt, der dort eingesetzt war. Der Mediziner sprach ihm gegenüber von 175 Menschen, die starben, und weiteren 120 von 400 Verletzten, die in Lebensgefahr schwebten. Sagemüller trifft regelmäßig mit Priestern, Ärzten und Traumatologen zusammen, die überall im Land eingesetzt sind.

Speziell der Terror der radikal-islamischen Bewegung „Boko Haram“ (Westliche Bildung ist Sünde), der im Jahr 2002 begann, steigerte sich in den vergangenen zwei Jahren. Die Gruppe verfolgt nach eigenen Angaben die Umwandlung ganz Nigerias in einen radikal islamischen Schariastaat. Bereits seit 1999 gelten die islamischen Bestimmungen in neun Bundesstaaten mit muslimischer Mehrheit und in Teilen dreier weiterer Staaten. Die Scharia betrifft in zivil- und strafrechtlichen Belangen eigentlich nur Muslime, soll aber auf alle Bewohner ausgedehnt werden. Sie erklärte zudem, christliche Spuren im Land auslöschen zu wollen. Der bekannte Führer der Sekte Boko Haram, Imam Shekau, kündigte in einem Interview mit der BBC an, dass sie alle Menschen, die nicht zum Islam konvertieren wollen, töten würden. Shekau sagte: „Ich würde sogar meinen Vater umbringen, wenn er nicht zum Islam gehören wolle. Das ist der Wille Allahs.“ Neben christlichen Zentren sind vor allem auch staatliche sowie islamische Einrichtungen Ziel der Terrorakte.

„Boko Haram hat kein in sich geschlossenes System“, sagt Sagemüller. Die Gruppe habe sieben christenfreundliche Imame ermordet und mehrere Moscheen abgebrannt, in denen gläubige Muslime starben. Und in der Nacht, nachdem Boko Haram im Norden angekündigt hatte, die Waffen niederzulegen, ereigneten sich wieder schwere Verbrechen in ihrem Namen: 38 Studenten wurden auf einem Universitätsgelände erschossen.

Das Phänomen sei von außen gesteuert und zeige sich in vielen Spielarten. Dahinter werden staatliche Stellen Saudi-Arabiens vermutet. Als Indiz dafür nannte der Entwicklungshelfer den Umstand, dass die vier Hauptkommandeure von Boko Haram an der staatlichen Wahabistischen Hochschule in der Nähe der saudischen Hauptstadt Riad ausgebildet wurden. „Auch der Einfluss westlicher Geheimdienste, Kontrolle in Ländern wie Nigeria ausüben, liegt sehr nahe“, sagt er.

Es handele sich hingegen nicht um einen Glaubenskrieg. „Die überwiegende Mehrheit der muslimischen Bevölkerung ist entsetzt und lehnt diese brutalen Übergriffe ab. Viele Muslime sind sogar bereit, Christen zu helfen“, betont Sagemüller. Die Hauptursache für die Auseinandersetzungen sei vielmehr der von wirtschaftlichen Interessen geleitete Einfluss von äußeren Mächten, neben Saudi-Arabien auch der Iran und westliche Staaten. „Dahinter steckt eine Destabilisierungsstrategie.“ Sagemüller zufolge ist der Einfluss der Volksrepublik China, der zwar unauffällig, aber stark sei, problematisch für das Land. Er beobachtete, dass chinesische Vertreter in Afrika Aufträge übernehmen, diese aber weiterleiteten. Sie behielten jedoch die Kontrolle über die Projekte, die vordergründig von anderen ausgeführt werden. Und US-amerikanische Entwicklungsagenturen hielten Landwirte dazu an, Monokulturen für Biosprit anzulegen.

„Es gibt diesen Run auf den unvorstellbaren Reichtum an Bodenschätzen“, erklärt er. An der Grenze zu Niger seien enorme Gasvorkommen bei Probebohrungen entdeckt worden, die Schätzungen zufolge die Zweitgrößten der Erde sein könnten. Der Bundesstaat Plateau sei darüber hinaus offenbar mit Silber, Bauxit und Uran unterkellert, wie weitere Probebohrungen amerikanischer Geologen ergaben. Die Ölvorkommen würden auf das Sechsfache dessen geschätzt, was die Vorkommen aller arabischen Staaten betrage.

Ein „Divide et impera“ – (Teile und herrsche) sei aufgrund von jahrhundertealten Konflikten unter den mehr als 3.500 Fürstentümern möglich, an deren Spitze sogenannte Obas stehen. „Diese kooperieren stets mit der Macht, die ihnen gerade das meiste zuschiebt.“ Bereits die britische Kolonialmacht habe diese Strukturen künstlich am Leben gehalten. In Nigeria gibt es mehr als 2.000 Sprachen und Idiome, die die Zersplitterung widerspiegeln.

Das bevölkerungsreichste Land Afrikas mit seinen rund 170 Millionen Einwohnern ist ungefähr zu 60 Prozent muslimisch; rund 40 Prozent der Nigerianer, die Angaben variieren da je nach Quelle, sind Christen, zum Teil auch vermischt mit traditionellen afrikanische Kulten. Gerade in letzter Zeit gab es vermehrt Tote und Verhaftungen bei kultischen Ritualen. „Alle Nigerianer sind irgendwie religiös“, bestätigt Sagemüller. Es gebe rund 3.000 registrierte Kirchen aller Arten, darunter viele Pfingstlergemeinschaften nordamerikanischen Ursprungs; die meisten davon verfügten über phantasievolle Namen wie „The first Seraphim Church of Nigeria“.

 

 

 

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