Die gewaltsame Rückkehr des Mahdi

Über das Gottes- und Menschenbild im Iran

Von Michaela Koller

BRÜSSEL, BEIRUT, 4. Juni 2013 (Vaticanista/Explizit).- Was die Libanesen über alle Konfessionsgrenzen hinweg in diesem Jahr bislang einte, war der unbedingte Wille zum Frieden. Der Konsens ist offenbar brüchig geworden: Vor einer Woche rief der Chef der Schiiten-Miliz Hesbollah, Hassan Nasrallah, offiziell seine Unterstützung für Syriens Diktator Bashar Al-Assad aus. Die Antwort ließ nur wenige Stunden auf sich warten: Zwei Raketen schlugen in einem schiitischen Stadtteil am südlichen Rand der Hauptstadt Beirut ein. Die Hesbollah-Kämpfer, die ihren Treueeid auf die Revolutionsführung im Iran geleistet haben, sind ein festes Glied in der Achse Teheran-Damaskus-Beirut und damit Zielscheibe der sunnitisch-radikalen Rebellen-Konkurrenz im benachbarten Syrien.

Über das Weltbild dieser Achse, den schiitischen Totalitarismus, das Nasrallah dazu bewegt, auf dem Pulverfass sitzend zu zündeln, hat der Iranexperte Wahied Wahdat-Hagh eine erhellende Studie, die im deutschen Sprachraum ihresgleichen sucht, vorgelegt: „Der islamische Totalitarismus – Über Antisemitismus, Anti-Bahaismus, Christenverfolgung und geschlechtsspezifische Apartheid in der ‚Islamischen Republik Iran’“ (Peter Lang, Frankfurt, 2012). Der Politikwissenschaftler Wahdat-Hagh, der selbst iranische Wurzeln hat, greift darin fast ausschließlich auf Quellen in Farsi, der persischen Amtssprache des Iran, zurück. Damit entkräftet er von vornherein die häufig kolportierte Behauptung, offizielle Stellungnahmen von staatlich-iranischer Seite würden falsch übersetzt. Es sei ja alles nicht so bedrohlich, wie in westlichen Medien dargestellt.

Die Ideologie der iranischen Herrscher seit der Revolution von 1979 ist das Konzept der „Velayate Faqih“ – zu Deutsch „Statthalterschaft der Rechtsgelehrten“. „In der iranischen Verfassung ist verankert, dass die Fortsetzung der Islamischen Revolution im ‚In- und Ausland‘ zur ‚Errichtung einer einheitlichen Islamischen Weltgemeinschaft‘ das Ziel der staatlichen Politik sein muss“, schreibt Wahdat-Hagh. Bemerkenswert ist, dass der Autor die Entstehung dieses Konzepts auf einen schiitischen Theologen aus dem 18. Jahrhundert zurückführt, ein Zeitalter, das auch im sunnitischen Machtbereich eine Morgenröte des politischen Islam heraufkommen sah.

Mullah Ahmad Naraqi (1716 bis 1794) dachte, dass der Klerus die Herrschaft über die schiitische Gemeinschaft auszuüben habe. „Ein religiöser Rechtsgelehrter (Faqih) gilt als Repräsentant des ‚verborgenen Imams‘, als dessen Stellvertreter er regiert“, erklärt Wahdat-Hagh. Der Mahdi, der verborgene zwölfte Imam, sei nach schiitischer Vorstellung nicht gestorben, sondern im 10. Jahrhundert entrückt und seine Rückkehr bringe – nach einer letzten grausamen Schlacht gegen die Ungläubigen – der Überlieferung zufolge Friede und Erlösung. Vor allem der derzeitige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad und sein geistlicher Mentor Ayatollah Mesbahe Yasdi sind von einer endzeitlich-messianischen Idee ergriffen:

Die Wiederkehr des Mahdi stehe demnach kurz bevor, der gegen die Feinde des Islam kämpfen werde, die den Iran derzeit bedrohten, namentlich der US-Imperialismus und der Zionismus. „Der Islamismus postuliert unabhängig von der israelischen Politik einen Herrschaftsanspruch, der das Existenzrecht Israels in Frage stellt“, weist der Autor zudem nach. Mesbahe Yasdi und seine Anhänger glauben, dass der Mahdi bald in der Jamkaran-Moschee in der heiligen Stadt Ghom, etwas mehr als eine Autostunde südlich von Teheran, erscheinen werde. Ihre Glaube in allen Ehren. Aber Wahdat-Hagh schreibt: „Ernst wird es insbesondere, wenn iranische Religionspolitiker, so wie schon Khomeini es tat, davon ausgehen, dass die Muslime aktiv werden müssen, um das Erscheinen des Messias herbeizuführen, und dass diese Aktivität eine Gewalttat sein kann.“ Ahmadinedschads Gottesbild erlaubt demnach die Vorstellung von einem Gott, für den Gewalt nichts per se Böses darstellt.

Aufschlussreich ist auch das Menschenbild, über das der Leser dank Wahdat-Hagh mehr erfährt. Im Kapitel über die Verfolgung von Andersdenkenden gewährt er einen Einblick in den iranischen Menschenrechtsdiskurs, aus dem sich dieses ableiten lässt. Mohammed Larijani, Direktor des Menschenrechtsstabs der iranischen Justiz, spricht von seiner Position aus berufenem Munde über die Strafe der Steinigung gegenüber der unabhängigen iranischen Nachrichtenagentur ISNA: „Sie sagen uns, dass wir gemäß den internationalen Vereinbarungen keine Folter anwenden oder dass keine inadäquaten Strafen verhängt werden dürfen. Wir sagen, dass wir dies akzeptieren, antworten ihnen aber, dass Steinigung weder Folter noch eine inadäquate Strafe darstellt.“ Larijani, der in Kalifornien Mathematik studierte, rechnet offenbar nicht mit der menschlichen Fähigkeit zu Reue und Umkehr, denn Wahdat-Hagh zitiert ihn mit dem Satz: „Den Westlern können wir nicht die Entscheidung darüber überlassen, wie abscheulich der außereheliche Geschlechtsverkehr ist.“

Gemäß der iranischen Staatsdoktrin sind zudem nicht alle Menschen gleich viel wert. Dabei unterscheidet das iranische Straf- und Zivilrecht zwischen Muslimen, Anhängern anerkannter religiöser Minderheiten und anderen Nichtmuslimen. Ein Muslim wird nicht zum Tode verurteilt, wenn er einen Nichtmuslim tötet, umgekehrt sehr wohl schon; auch Entschädigungszahlungen für fahrlässige Tötungen etwa im Straßenverkehr fallen bei nichtmuslimischen Opfern niedriger aus.

Zu den traditionellen ethnischen Christen zählen Armenier, Assyrer und Chaldäer, die ihre Gottesdienste nicht in persischer Sprache abhalten dürfen. Die Regierung fürchtet, so könne Interesse außerhalb der ethnischen Minderheit an der christlichen Botschaft geweckt werden. Auch Zoroastrier und Juden gehören zur zweiten Kategorie, die im Sinne des islamischen Rechts Dhimmis, Schutzbefohlene, sind. In Bezug auf Bildung und Arbeit werden sie systematisch diskriminiert. Sie müssen sich unter das islamische Recht unterordnen, somit unterliegen ihre Frauen auch dem Gesetz der Zwangsverschleierung. Faktisch sind Dhimmis Bürger zweiter Klasse, weil sie nicht dieselben Rechte haben wie die Schiiten.

„Am 8. Februar 2011 verbrannten Revolutionswächter in der Nähe der türkischen Grenze Hunderte Bibeln“, berichtet Wahdat-Hagh. Dabei ging kein Aufschrei durch die westliche Welt. Die Frohe Botschaft war selbstverständlich illegal ins Land der Mullahs gelangt, zur geistigen Versorgung der stetig wachsenden Hauskirchenbewegung. Ihre Anhänger leben wirklich gefährlich. Die Konvertiten gelten als Apostaten, als vom Islam Abgefallene, und können hingerichtet werden. Im Islam darf ein Muslim nicht zu einem anderen Glauben übertreten. Darauf steht die Todesstrafe.

Die Bahai teilen nicht einmal den Dhimmi-Status der autochthonen Christen. Sie gelten quasi als vogelfrei. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand im Iran aus dem Islam heraus das Bahaitum, eine Religion, die mittlerweile weltweit fünf bis acht Millionen Anhänger zählt. In ihr treffen sich abrahamitischer Monotheismus, der Glaube an die fortschreitende Offenbarung Gottes und moderne humanitäre Grundsätze. Freier Wille und Vernunft werden sehr stark betont, weswegen ihre Lehre der iranischen Staatsideologie diametral entgegen gesetzt ist.

Die Geschichte der Verfolgung der Bahai reicht schon in die Schah-Zeit zurück. „Das Blut der Bahai zu vergießen“, so schreibt der Politikwissenschaftler, „gilt als halal, als gottgefällig“. Die Konsequenz: Die stattliche Summe von umgerechnet drei Millionen US-Dollar bewilligte das iranische Parlament im Jahr 2009 für den Kampf gegen „Bahai, Sufis und Teufelsanbeter“. Bahai dürfen nicht an der Universität studieren, ihre heiligen Stätten und Friedhöfe werden zerstört.

Wahied Wahdat-Hagh ist Mitarbeiter der „European Foundation for Democracy“ in Brüssel. Die Stiftung erforscht seit 2005 den Islamismus weltweit und erhält unter anderem von der Europäischen Union und nationalen Regierungen öffentliche Fördermittel.

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.