Papst Franziskus in ersten Porträts

Als Kardinal wohnte er schon „extrem spartanisch“

Von Michaela Koller

FREIBURG, AUGSBURG, 6. Juni 2013 (Vaticanista/Explizit).- Der argentinische Priester Don Jorge Chichizola ist ein guter alter Freund von Papst Franziskus aus demselben Weihejahrgang. Nach einem Telefonat mit dem Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken verriet er gegenüber Medien, Franziskus lebe weiterhin im Gästehaus der Heiligen Martha, um „nicht isoliert zu bleiben“. Die für ihn vorgesehene Wohnung im Apostolischen Palast sei ihm viel zu groß vorgekommen. Was Nörgler für eine Marotte halten, ist lediglich ein Zeichen in Kontinuität zum Lebensstil des Kardinal Bergoglio vor seiner Wahl zum Nachfolger Petri. Dies belegen die Beobachtungen des Autorenduos Francesca Ambrogetti und Sergio Rubin in dem Interviewband „Mein Leben – mein Weg. El Jesuita“.

Verleger Manuel Herder überreicht die Übersetzung von El Jesuita; Foto: Fotografia Felici

Manuel Herder überreicht die Übersetzung von El Jesuita; Foto: Fotografia Felici

Der frühere Erzbischof von Buenos Aires verblüffte seine Gäste aus der schreibenden Zunft damit, welche Räume er zum Leben und Arbeiten ausgewählt hatte: An einem kleinen Schreibtisch in einem kleinen Raum arbeitete er. Als Wohnung begnügte er sich mit dem Zimmer, das er bereits als Generalvikar bewohnte und das Ambrogetti und Rubin als „extrem spartanisch“ beschreiben. Am meisten verabscheue er den Hochmut, „dieses Sich-für-etwas-Besseres-Halten“, sagt er im Gespräch mit ihnen. Die Genügsamkeit entspringt seiner Identität als Ordensmann, der dem heiligen Ignatius folgt, sowie seinem Grundmotiv: Auf die pfiffige Frage, wie er sich einer Gruppe vorstellen würde, die ihn nicht kennt, antwortet er: „Ich bin Jorge Bergoglio, Seelsorger. Ich bin nämlich gerne Seelsorger.“ Diese Haltung geht beim Bergoglio-Papst auch mit einer Demut einher, wie sie nur aus einer tiefen Erforschung des Gewissens erfolgt: „Was mich am meisten schmerzt, ist: oft nicht genügend verständnisvoll und gelassen gewesen zu sein“, antwortet er geradeaus auf die Frage, was er sich am meisten vorhalte.

Das Gespräch, die direkte Begegnung sowie die Anteilnahme an den Lebensbedingungen des Volkes ist für Papst Franziskus‘ Verständnis der Menschenwürde zentral. Das belegen nicht nur Stellungnahmen im Gespräch mit den beiden Journalisten, sondern auch die Reflexion über das argentinische Nationalepos Martín Fierro im Anhang. Diese Gedanken sind sicher in politischer Hinsicht als ein leidenschaftliches Plädoyer zu sehen: für das Engagement der Menschen sowie für einen gesunden und positiven Patriotismus in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Aber die Überlegungen gehen darüber hinaus und spiegeln Franziskus‘ Antwort auf die Frage wider, was denn der Mensch sei.

Sich dabei auf den heiligen Augustinus berufend schreibt er: Kommunikation sei das, was den Menschen ausmache, sowie die Beziehung, die Liebe zu seinesgleichen. „Es ist das Wort, das uns miteinander in Kontakt bringt und verbindet, durch das wir Gedanken und Gefühle teilen können, immer und nur dann, wenn wir wahrhaftig miteinander sprechen, immer und ausnahmslos“, schreibt er in seinem Essay aus dem Jahr 2002. Wenn das Wort die Menschen miteinander in Kontakt bringt, dann entstehen Freundschaften.

„Und es ist die Freundschaft, auch die soziale Freundschaft, mit ihrem „langen Arm“ der Gerechtigkeit, die den größten Schatz darstellt, dieses Gut, das keinem anderen geopfert werden darf und das vor allen anderen behütet werden muss.“ Aus diesen Worten erschließt sich auch, warum er als Papst nicht in den vornehmen Palast auf der anderen Seite des Petersplatzes umziehen möchte: Es ist eine Form der Kommunikation, eine Erinnerung an alle Christen, die Gerechtigkeit nicht zu vergessen. Und er signalisiert: Er ist als Oberhaupt auch nur ein Teil der weltweiten Gemeinschaft der Katholiken sowie ein Kind Gottes wie alle Menschen. Durch den breiten Austausch, den er im Gästehaus pflegt, indem er „den Tisch, die Nachrichten, die Kommentare“ mit anderen teilt, zeigt er auch: Seine Informationen filtert niemand, er ist demnach schwerlich zu manipulieren. Auch das dient der Gerechtigkeit.

Nicht nur aufgrund biologischer Faktoren bildeten Menschen ein Volk, sondern auch durch den freien Willen der Einzelnen, dem Geist, der für die transzendente Dimension offen ist. Und vom freiwilligen Einsatz jedes Menschen hängt es ab, ob die Werte, die jedem ins Herz eingeschrieben sind, entfaltet werden können. Erst in einer konkreten Gemeinschaft eines Landes, die aufgrund von naturgegebenen Bedingungen sowie freien Entscheidungen eine eigene Weise des Menschseins erschafft, bilde sich ein gemeinsames Ethos heraus. Der damalige Kardinal Bergoglio plädiert auch für die Anerkennung des Naturrechts, ein Anliegen, das ihn mit seinem Vorgänger Papst Benedikt XVI. verbindet. „Werte kann man nicht vereinbaren, sie sind einfach“. Das Naturgesetz werde „mit den Jahren befestigt, mit der Zeit erweitert, mit dem Alter feiner ausgebildet“, zitiert er Vinzenz von Lerin.

Die große Bedeutung der Reife im Alter ist ein Punkt, den er beim ersten großen Empfang der Kardinäle zwei Tage nach seiner Wahl in Erinnerung ruft. Bei der Ansprache zeigte sich, dass eine authentische Bescheidenheit durchaus mit einer gesunden Selbstsicherheit einhergehen kann. Diese versuchte er an die Kardinäle weiterzugeben: Cari fratelli forza – Liebe Brüder, los! An diese Worte erinnert Mario Galgano in seinem kurzen und kompakten Band „Franziskus – Der Papst vom anderen Ende der Welt“. Er habe die Purpurträger zu neuer Verve bei der Verkündigung des Christentums aufgerufen, heißt es da. Die Alten hätten die Weisheit, motivierte der Oberhirte die betagte Runde. Diese gelte es an die Jungen weiterzugeben. Galganos Buch ist eines der ersten über Papst Franziskus, die nach seiner Wahl entstanden sind.

Noch vor Ende März lag dem Verlag das Manuskript über den gerade erst am 13. März Neugewählten vor. Der Autor hat das offensichtliche Ziel erreicht, erste programmatische Akzente dieses Papstes herauszukristallisieren, erste Eindrücke zu ordnen und die Ergebnisse einem breiten Publikum schnell in die Hand zu geben. Ärgerlich ist nur die Falschinformation, der Jesuitenprovinzial Bergoglio habe die Mitbrüder Orlando Yorio und Franz Jalics aus dem Orden ausgeschlossen. Yorio ging auf eigenen Wunsch und Jalics hatte zum fraglichen Zeitpunkt bereits die feierlichen Professgelübde abgelegt. Die Fakten sind in „El Jesuita“ recherchiert. Erfreulich in dem Band ist, was die Leserschaft über Prägungen des Padre Bergoglio und späteren Kardinals erfährt. Durch den griechisch-katholischen Ukrainer Stepan Czmil lernte er die Spiritualität der byzantinischen Kirchen kennen. Und durch die argentinischen Theologen Lucio Gera und Rafael Tello die „Theologie de Volkes“, die eine Begleitung der Armen im Alltag frei von Ideologie vorgedacht haben. Spätestens wenn Papst Franziskus das Gästehaus des Vatikans verlässt, um seine „Esposa“ (Gattin), wie er Buenos Aires Galgano zufolge nennt, zu besuchen, wird die Welt darüber mehr erfahren.

Papst Franziskus. Mein Leben – mein Weg. El Jesuita. Herder, Freiburg, 2013.

Mario Galgano. Franziskus – Der Papst vom anderen Ende der Welt. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg, 2013.

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Bücher/CD/DVD, Nachrichten, Vatikan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.