Papst Franziskus und der Dialog der Freundschaft

Eine Spurensuche in den Beziehungen zum Judentum und Islam

Von Michaela Koller

ROM, 6. Juni 2013 (Vaticanista/Explizit).- Als „das aufrichtige und getreue Zeugnis eines tiefen Dialogs zwischen zwei Freunden“ hat Rabbiner Abraham Skorka seine Verbindung zu Papst Franziskus bezeichnet. Beide hätten ihr Leben der Suche nach Gott verschrieben, stellte er in seinem Vorwort zum bislang einzigen autobiographischen Buch Papst Franziskus‘ El Jesuita fest. „Soweit ich weiß, ist es wohl das erste Mal in der zweitausendjährigen Geschichte der beiden Religionen, dass ein Rabbiner ein Vorwort für einen Text schreibt, der das Denken eines katholischen Priesters dokumentiert“, schrieb der jüdische Freund des ehemaligen Erzbischofs von Buenos Aires gleich im ersten Satz. Papst Franziskus‘ Verhältnis zum Judentum ist in der Tat von einer einzigartigen Herzlichkeit geprägt, die der seiner Vorgänger, darunter Papst Johannes Paul II., in nichts nachsteht.

Foto: Wikipedia

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Wenig überraschend war auch: Ronald S. Lauder, Präsident des jüdischen Weltkongresses, war zur Antrittsmesse mit seinem Generalsekretär Maram Stern nach Rom angereist. Das Vorwort von Rabbiner Skorka, so zeigt sich, ist bei weitem nicht das einzige Zeugnis einer lebendigen Freundschaft mit unseren älteren Brüdern. Weniger Hinweise liegen allerdings hinsichtlich seiner Einstellung zum Islam, der jüngeren monotheistischen Weltreligion, vor. Eine Spurensuche ist dennoch ergiebig.

Die Erinnerung an die Aufregung um den Gründonnerstagabend, an dem der Papst im römischen Jugendgefängnis Casal del Marmo mit 50 Insassen die Abendmahlmesse feierte, mag das Deutlichste sein, das ins Thema einführt. Zwölf Strafgefangene waren ausgewählt worden, um von dem argentinischen Papst die Füße gewaschen zu bekommen.Unter diesen Zwölf in der Gefängniskapelle war auch eine Muslima mit serbischem Pass, ob bosnischer oder albanischer Herkunft, darin unterscheiden sich die Meldungen. Mit der Fußwaschung folgte der Papst dem Vorbild des demütigen Dienstes Jesu an seinen Jüngern vor dem letzten Abendmahl.

Einen Tag darauf, am Karfreitag, pries Papst Franziskus laut Agenturmeldungen beim traditionellen Kreuzweg die „Freundschaft so vieler muslimischer Brüder“. Eine Stellungnahme zu den Beziehungen mit dem Islam lag nahe, da junge Gläubige aus dem Libanon die Meditationstexte zu den 14 Kreuzwegstationen unter Anleitung des maronitisch-katholischen Patriarchen Bechara Boutros Rai formuliert hatten. Das Schicksal der Christen in Nahost stand somit ebenso im Mittelpunkt wie ein Rückblick auf die letzte Pastoralreise seines Vorgängers, die diesen in das Land der Zedern geführt hatte. „Diese Begebenheit war ein Zeichen an den Nahen Osten und an die ganze Welt: Ein Zeichen der Hoffnung“, erinnerte Papst Franziskus.

Gleich am Tag nach seiner Antrittsmesse an Sankt Joseph traf sich das Kirchenoberhaupt nicht nur mit Vertretern anderer christlicher Konfessionen, sondern auch mit Repräsentanten anderer Religionen, darunter des Judentums und des Islam. Dabei ermutigte Papst Franziskus die Vertreter der Weltreligionen zum gemeinsamen Einsatz für Gerechtigkeit. Franziskus wandte sich an die Muslime, „die den einzigen, barmherzigen Gott verehren“. Ihre Anwesenheit sei ein sichtbares Zeichen des Wunsches nach wachsender gegenseitiger Achtung und Zusammenarbeit für das Wohl der Menschheit.

Dabei sprach er auch die von einem kämpferischen Atheismus ausgehende Gefahr an, die alle Religionsvertreter miteinander besorgt: „Wir wissen, wie viel Gewalt in der jüngsten Geschichte der Versuch produziert hat, Gott und das Göttliche vom menschlichen Horizont zu eliminieren.“ Jedoch baute er auch die Brücke hinüber zu Menschen, die als Zweifelnde auf der Suche nach der Wahrheit sind: Er sprach sich für eine verstärkte Zusammenarbeit mit denjenigen aus, die sich keiner religiösen Tradition zugehörig fühlen, aber nach Wahrheit, Güte und Schönheit strebten. Diese seien „wertvolle Verbündete beim Einsatz für die Verteidigung der Menschenwürde, für ein friedliches Zusammenleben der Völker und den Schutz der Schöpfung“.

Bereits die programmatische Namenswahl lenkt den Blick auf dieses Anliegen, den Frieden zu schaffen, sich auf die Seite der Armen zu stellen und Gottes Schöpfung zu schützen. Im Dialog mit dem Islam setzte der heilige Franziskus, dessen Zeugnis unseren Papst inspirierte, ebenso einen eigenen Akzent: Nicht-franziskanische Quellen belegen, dass Franziskus 1219 sogar vor Sultan Al-Kamil predigte, der sich im Lager seines Heeres bei Damiette am Nildelta aufhielt. Dieser sah offenbar in den Bekehrungsbestrebungen des Bettelmönches nichts Feindseliges, beschenkte ihn und ließ ihn wieder ziehen. Zahlreiche künstlerische Darstellungen erzählen auch von der Feuerprobe, die er den Imamen des Sultans anbot: Um die Wahrheit seines Glaubens zu bezeugen, wäre der Poverello bereit gewesen durchs Feuer zu gehen. Den Test lehnte jedoch sein muslimisches Gegenüber ab. Dem Heiligen ging es, soweit ist der Überlieferung zu glauben, bei aller Friedensliebe in erster Linie um die Wahrheitsfrage. Es ist nicht zu erwarten, dass ausgerechnet der erste Papst, der den Namen Franziskus gewählt hat, diese preisgeben wird.

Theologisch-philosophische Grundlagen seines Dialogverständnisses lassen sich aus dem eingangs zitierten Buch El Jesuita ableiten. Seine Reflexionen über das argentinische Nationalepos Martín Fierro im Anhang des Bandes gehen zunächst auf die Situation in einer globalisierten Realität ein, in deren Rahmen sich ja auch der muslimisch-christliche Dialog bewegt: Rund 1,6 Milliarden Menschen gehören der islamischen Glaubensgemeinschaft an, und nunmehr 1,2 Milliarden bekennen sich allein zum Katholizismus. Beide Gemeinschaften zusammen stellen 40 Prozent der Weltbevölkerung. Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen war nicht nur zur Zeit der Kreuzzüge, zu der der heilige Franziskus lebte, konfliktreich: Diskriminierung und Verfolgung von Christen in muslimischen Ländern, religiös verbrämte ethnische Konflikte in Afrika sowie Islamfeindlichkeit in säkularen Ländern führen zu beiderseitigen Irritationen, Spannungen und gar Hass.

Trotzdem spricht aus dem vorliegenden Text sehr viel Hoffnung: „Noch nie zuvor hatte die Menschheit die Möglichkeit zur Bildung einer facettenreichen solidarischen Weltgemeinschaft, wie wir sie heute haben“, schreibt der damalige Kardinal Bergoglio im Jahr 2002. Soziales Ungleichgewicht, kulturelle Dominanz und Umweltzerstörung sieht er als globale Probleme, die uns von der Utopie einer solidarischen und brüderlichen Menschheitsfamilie entfernen. Der Essay ist von dem Gedanken durchzogen, eine Grundlage finden zu müssen, auf der etwas Gemeinsames erschaffen werden kann. „Das Bewusstsein der Menschlichkeit kann in der Praxis einzig und allein durch den Dialog und die Liebe wachsen.“

Der Dialog und die Liebe sind demnach laut Papst Franziskus die Basis, auf der die Welt menschenwürdiger gestaltet werden kann. Nun ist der Mensch nicht nur in eine globale Menschheitsfamilie hineingeboren, sondern auch in eine Familie und in eine Nation. Er zitiert dabei einen Kirchenvater, der für seinen Vorgänger Benedikt XVI. bereits von großer Bedeutung ist: „Augustinus beschreibt das Volk als ‚eine Gemeinschaft denkender Wesen, die durch die geteilte Liebe zu bestimmten Dingen vereint ist‘.“ Unsere Zugehörigkeit zu einer Nation präge nicht allein das biologische Erbe, sondern es ist auch durch unsere Willensfreiheit gekennzeichnet. Das ‚Natürliche‘ wachse so weiter, „zum ‚Kulturellen‘, ‚Ethischen’“, schreibt er weiter.

Unter den Bedingungen eines Zeitalters massenhafter Migration ist dies von entscheidender Bedeutung für eine Nation, eine Gesellschaft, die sich faktisch aus unterschiedlichen Abstammungen und Religionsgemeinschaften zusammen setzt. „Und all das hat ein festes Fundament in den Werten, die Gott unserem menschlichen Wesen eingeschrieben hat“, heißt es in den Überlegungen weiter. An dieser Stelle verteidigt der frühere Erzbischof von Buenos Aires das Naturrecht als gemeinsame Wertegrundlage der Menschen, als das unabänderliche Gesetz. In dem bequemen Spiel Werte zu vereinbaren, laufe man immer Gefahr nach unten zu nivellieren, warnt er.

„Das Wort und die Freundschaft“ – das sind für ihn die beiden Wege, diese Werte miteinander zu teilen. Es sei das Wort, das uns miteinander in Kontakt bringe und durch das wir Gedanken und Gefühle teilen könnten. Die Freundschaft, auch und gerade die soziale Freundschaft, die sich in der Gerechtigkeit zeige, erweise sich zudem als größter Schatz. Durch das Wort, die Liebe und den freien Willen sieht Franziskus die menschliche Würde zutiefst verwirklicht.

Obwohl sich die biblisch begründeten Gedanken auch an die Philosophie der Freundschaft anlehnen, erinnert sein Dialogkonzept auf den ersten Blick auch an das von Papst Johannes Paul II., der ihn 2001 zum Kardinal kreierte. Als Philosoph zeigte Karol Wojtyla einst die metaphysische Dimension des Begriffs der Menschenwürde auf. Für ihn hing das Wissen, was die menschliche Person überhaupt ist, eng mit seiner Gottesbeziehung zusammen. Aus der Gottesebenbildlichkeit ließen sich die menschlichen Fähigkeiten des Erkennens und Liebens ableiten, da Gott Wahrheit und Liebe ist. Für ihn war Religiosität daher Ausdruck der menschlichen Würde. Vor dem Hintergrund eines mörderisch-gottlosen 20. Jahrhunderts war Johannes Paul II. um Zusammenarbeit mit allen Gottgläubigen bemüht.

Franziskus unmittelbarer Vorgänger Benedikt XVI. hob mehr auf einen ethischen Dialog mit den Muslimen ab, um einem gemeinsamen Fundament von Prinzipien Raum zu geben. Er stellte somit neben die Koalition der Gottgläubigen die Koalition der Vernunft: In einer Rede vor der Internationalen Theologischen Kommission im Oktober 2006 – und oftmals später ähnlich – sprach er vom natürlichen Sittengesetz, um die Grundlagen einer universalen Ethik zu rechtfertigen. Da es von jedem vernünftigen Wesen zu fassen sei, biete es die Grundlage für einen Dialog mit allen Menschen guten Willens. Auch dieser Gedanke findet sich im Essay des gegenwärtigen Papstes wieder.

 

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