Mehr Katechese, weniger Kirchenpolitik

Die Frage des „pro multis“ beim Eucharistischen Kongress

Von Michaela Koller

KÖLN, 12. Juni 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Sowohl der Augsburger Dogmatiker Thomas Marschler als auch der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding haben beim Eucharistischen Kongress davor gewarnt, Kirchenpolitisches in den Übersetzungen des „pro multis“ im Eucharistischen Hochgebet zu sehen. „Die Liturgie soll man nicht zum Kampffeld machen“, mahnte Professor Marschler in seinem Vortrag über die Hintergründe dieser Debatte sowie ihre theologische Dimension. „Mit der Allerlösungsthese kam im 20. Jahrhundert auf einmal ein neuer Subtext in die Diskussion“, sagte er. Dennoch sei das Ringen um die Frage, für wen Jesus Christus am Kreuz gestorben sei, fast 2.000 Jahre alt. Einer derjenigen, die maßgeblich im 20. Jahrhundert sich zu dieser Frage der Einsetzungsworte äußerten, war der lutherische Theologe und Orientalist Joachim Jeremias (Die Abendmahlsworte Jesu, 1935), der Jesu Worte dem Hintergrund des zeitgenössischen Judentums zu verstehen suchte. Er verwies auf die Verbindung zum 4. Gottesknechtslied im Alten Testament in Jesaja 52,13–53,12.

Schwerlich lasse sich jedoch ermitteln, was Jesus denn nun tatsächlich damals im Abendmahlssaal gesagt hat: „Auf der historischen Ebene gibt es nicht zu beseitigende Unsicherheiten“, betonte Marschler. Schließlich seien beide liturgischen Versionen biblische Mischtexte. Wichtig sei, den universalen Heilswillen Christi nicht infrage zu stellen. Marschler wehrte sich gegen die Behauptung, die wohl Kardinal Karl Lehmann während des Kongresses erhoben hat, Papst Benedikt XVI. habe mit seiner Entscheidung und seinem Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Robert Zollitsch vom 24. April vorigen Jahres kirchenpolitische Absichten mit Blick auf die Piusbruderschaft verfolgt. Marschler verwies aber darauf, dass die für die Sakramente zuständige römische Kongregation bereits 2001 mit Anstrengungen begonnen hat, die Übersetzungen weltweit zu vereinheitlichen. Als Lösung favorisiert er, die Worte so wie sie in der Heiligen Schrift und in der langen Tradition überliefert sind, zum Klingen kommen zu lassen und erst dann zu interpretieren. Das heißt im Klartext: Pro multis sollte mit „für viele“ übersetzt und dann ausgelegt werden. Es müsse klar werden, dass nicht diejenigen, die nicht an der Eucharistiefeier teilnehmen, vom Heil ausgeschlossen seien.

Professor Thomas Söding, Neutestamentler von der Ruhr-Universität Bochum, hofft ebenso dringend darauf, dass „dogmatische Verdächtigungen von der Bildfläche verschwinden“. Obwohl er Papst Benedikt XVI. in der Sache widerspricht, verteidigte er ihn letztlich vor dem Vorwurf, kirchenpolitische Absichten zu verfolgen. Söding betonte, dass der emeritierte Papst in seinem Brief an die deutschen Bischöfe den Vorwurf der Häresie an die Befürworter der Übersetzung „für alle“ entkräftet habe. Vielmehr halte Benedikt die Übersetzung für „theologisch korrekt“, mit der Begründung, dass es keinen Zweifel geben könne, dass Gott das Heil aller will. Zugleich verteidigte der Papst emeritus die von ihm favorisierte Übersetzung „für viele“ gegen die Unterstellung, „restriktiv, traditionalistisch und skrupulös“ zu sein. Die Übersetzung sei Benedikt zufolge nah am griechischen Wortlaut des Neuen Testaments und einheitlich zu halten.

Das Mitglied der Internationalen Theologenkommission im Vatikan redet aber einer interpretierenden Übersetzung das Wort, konkret dem „für alle“. In der Tradition von Jeremias betrachtet er die Worte des eucharistischen Hochgebets im gesamtbiblischen Zusammenhang. Das „für viele“ lade zur Auslegung ein, sei „nicht abgeschlossen, sondern aufgeschlossen“. „Spätestens in nachösterlicher Zeit ist es heilsuniversalistisch gedeutet worden, wie die matthäische und markinische Missionstheologie beweisen“, sagte Söding. Um seine Argumentation in seinem Vortrag im Rahmen des Theologischen Forums beim Eucharistischen Kongress einem breiten Publikum zu vermitteln, bediente er sich einer Skizze aus der Reihe von Adaptionen Andy Warhols vom Letzten Abendmahl Leonardo da Vincis. Das Bild zeigt die Hand eines Gebenden, zwei Finger leicht gespreizt auf einen Laib Brot deutend. „Er folgt der Bildführung Leonardos, der die Gestik Jesu ins Zentrum seines Bildes rückt. In dieser Konzentration tritt das vor Augen, was die Eucharistie ausmacht: der Dank und der Segen, die Gabe und das Geben, das Ich und das Für Jesu“, interpretiert Söding. Ihm kommt es darauf an zu betonen, die Eucharistie werde zwar nicht von allen, sondern für alle gefeiert.

Im Publikum verwies eine Frau auf die Verunsicherung unter einfachen Gläubigen in den Pfarreien durch eine erneute Änderung von der Formel „für alle“ zu einem „für viele“. Eine andere Frau aus ihrer Gemeinde habe ihr gegenüber eingestanden, dann nicht mehr glauben zu können, Christus sei auch um ihrer Erlösung willen am Kreuz gestorben. Eine ähnliche Wortmeldung war auch im Plenum bei Professor Marschlers Vortragsveranstaltung zu vernehmen. Offensichtlich geht es bei der Frage um Übersetzungen und Interpretationen um viel mehr als nur um einen Lackmustest für die Glaubenstreue des jeweiligen Priesters. Schließlich verwies Söding zurecht darauf, dass die Eucharistiefeier sich nicht als Demonstration für Rechtgläubigkeit eigne.

Es geht offenbar um den Kern der Verkündigung des Glaubens an Jesus Christus in seiner Fülle zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes, aufgehängt am Ringen um ein kleines Wort. Und um die Frage, wie heutzutage durch die Feier der Eucharistie der Glaube an einen liebenden Gott erschlossen werden kann. Aber wie sagte doch Professor Söding in der Diskussion: „Gott sei Dank hört man wieder hin und setzt sich damit auseinander.“ Und mehr Katechese zur Vertiefung des Glaubens ist schließlich auch ein Kernanliegen Papst Benedikts XVI. in seinem Schreiben vom vorigen Jahr zur Frage der Übersetzung gewesen.

Mit einem feierlichen Schlussgottesdienst endete der Eucharistische Kongress am Soonntag in Köln. Von Mittwoch an waren mehrere zehntausend Teilnehmer in der Domstadt zu Gast. Der Eucharistische Kongress stand unter dem Leitwort „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ (Joh 6,68). Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, dankte den Gläubigen für ihr öffentliches Zeugnis während des Eucharistischen Kongresses. Christus sei in der Mitte der Menschen, er sei die Kraftquelle für den Glauben.

Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, unterstrich in seiner Predigt die Bedeutung der Eucharistie: „Nirgendwo erhält der Mensch und unsere Welt einen so unwahrscheinlichen Wertzuwachs wie in der heiligen Eucharistie.“ Eucharistie sei immer auch das Fest des Menschen. „Christus bekennt sich zu uns und zu unserem Land. Deutschland ist trotz allem – von Gott her gesehen – nicht gottverlassen. Deutschland ist durch die heilige Eucharistie ein gottverbundenes Land“, sagte Kardinal Meisner. Es gebe keinen leiblosen Christus und folglich keinen weltlosen Gott und darum keine gottlose Welt: „Wer im privaten und im gesellschaftlichen Leben Gott theoretisch oder praktisch ausklammert, der führt sich und die Menschen am Sinn des Lebens vorbei. Indem der auferstandene Christus sich in die Frucht menschlicher Arbeit, in das eucharistische Brot hinein vergegenwärtigt, fällt von diesem Glaubensgeheimnis aus Glanz und Würde auf die Arbeitswelt des Menschen.“ Christus, so Kardinal Meisner, identifiziere sich mit den Menschen. Aus dem Leib Christi erwachse die Kirche. „Unsere Kirche ist kein frommer Zweckverband zur Durchsetzung religiöser Interessen, sondern die Kirche ist der Leib Christi in unserem Land. Und die Herzmitte dieser Kirche ist der eucharistische Herr.“

Während des Gottesdienstes im RheinEnergieStadion Köln verlas der Päpstliche Legat des Eucharistischen Kongresses, Kurienkardinal Paul Josef Cordes, eine Grußbotschaft von Papst Franziskus. Der besondere Auftrag sei es, so Papst Franziskus, „dass die Heilige Messe uns nicht verkümmert zu flacher Routine; dass wir nur ihre Tiefe immer besser ausschöpfen! Sie ist es ja, die uns in Christi gewaltiges Erlösungswerk einbezieht, die unser geistliches Auge für seine Liebe schärft.“ Die Frage, ‚Herr, zu wem sollen wir gehen?‘, stelle sich manchen Zeitgenossen, die Christus suchten: „Ihnen will der Erlöser entgegenkommen durch uns, die wir durch die Taufe seine Brüder und Schwestern wurden und im eucharistischen Mahl die Kraft erhalten, seine Heilssendung mitzutragen“, schreibt Papst Franziskus. „Wir alle, Bischöfe, Priester und Diakone, Ordensleute und Laien, haben den Auftrag, Gott zur Welt und die Welt zu Gott zu bringen. Christus begegnen, sich Christus anvertrauen, Christus verkünden – das sind Eckpunkte unseres Glaubens, der sich im Brennpunkt der Eucharistie bündelt.“

 

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