Ägypten: Vier Christen bei religiösen Unruhen getötet

„Öffentliche Ordnung wieder herstellen“

Mit Michaela Koller

KAIRO, FRANKFURT, 8. Juli 2013 (Vaticanista/PM).- Im Schatten der Ausschreitungen um die Entmachtung der Muslimbrüder sind in mehreren Teilen Ägyptens unbeteiligte Christen zur Zielscheibe heftiger Gewalt geworden. Beobachter fordern gerade jetzt eine Unterstützung der Übergangsregierung sowie die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung. Wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) berichtet, starben dabei in der Ortschaft Nag Hassan im Gouvernement Luxor vier Kopten bei Übergriffen gegen die christliche Minderheit. Häuser und Geschäfte von Christen wurden ausgeraubt und angezündet, zahlreiche Kopten verließen aus Angst um ihr Leben den Ort. Im Norden der Sinai-Halbinsel in El-Arish erschossen maskierte Angreifer den koptischen Pfarrer Mina Cheroubim, als er seine Kirche verließ.

Die Menschenrechtler daher von der kommenden Übergangsregierung mehr Schutz für die religiösen Minderheiten, insbesondere für Christen und Schiiten, die in den vergangenen Tagen ebenfalls mehrfach Opfer islamistischer Gewalt wurden. Sie sehen vor allem die koptische Minderheit Ägyptens als Opfer der politischen Instabilität im Land. „Die Wut der Islamisten entlädt sich in vermehrten Angriffen gegen die ohnehin bereits diskriminierte koptische Minderheit. Sobald eine Übergangsregierung gebildet ist, muss der Schutz der Minderheit ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung sein“, sagte Vorstandssprecher Martin Lessenthin.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte appelliert zudem an die Bundesregierung und an die Europäische Union, der neuen ägyptischen Übergangsregierung Hilfe anzubieten. Die strukturellen Probleme des Landes seien so gewaltig, dass auch eine demokratische, liberale Regierung ohne nachhaltige Hilfe von außen scheitern werde. Würde die neue demokratische Regierung ebenso scheitern wie die Muslimbrüder, dann wäre in den Augen vieler Ägypter die Demokratie selbst gescheitert, so die IGFM weiter.

Die schwierigsten Hindernisse auf dem Weg zu einer Genesung Ägyptens sind nach Einschätzung der IGFM die enorme Überbevölkerung, Analphabetismus, eine desolate wirtschaftliche Lage, sowie Defizite in den staatlichen Strukturen und in der Rechtssicherheit. Außerdem habe die ägyptische Gesellschaft nach Jahren der Diktatur und einem sehr starken fundamentalistischen Einfluss noch großen Nachholbedarf auf dem Weg zu einer freien und pluralistischen Gesellschaft.

Der Pfarrer der deutschsprachigen Katholiken in Ägypten, Monsignore Joachim Schroedel aus Kairo, mahnt die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung an. Er sieht aber keine Gefahr für eine Eskalation der Gewalt in seinem Einsatzort. Er verweist dabei auf die überwältigende Mehrheit derer, die den Umsturz befürworten. „Auch wenn sie laut sind, zählen die Muslimbrüder nur einige Hunderttausend. Und das im Vergleich zu 22 Millionen mutigen Menschen, die die Aktion von Tamarod namentlich und unter Angabe der Passnummer unterschrieben haben“, sagte Schroedel am Sonntag. Es gebe sicher noch weitere zehn bis 15 Millionen Menschen, denen nur der Mut fehlte, da zu unterschreiben, der Aktion jedoch zustimmten. Die Mehrheit der Ägypter habe gesehen: „Islamismus ist nicht Staats bildend, sondern Staats zerstörend.“

Mursi und seine Muslimbrüder hätten es innerhalb von einem Jahr geschafft, sogar Muslime, die ihn gewählt haben, gegen sich aufzubringen. „Er tat wenig und wenn er etwas tat, dann widersprach es all dem, was sich die Ägypter erträumt hatten“, resümiert Schroedel. Der Weg der augenscheinlichen Islamisierung sei erst einmal gestoppt. „Es war ein Volksputsch, eine demokratische Regung des Volkes. Sie wollten das, wofür sie ab 25. Januar 2011 gekämpft haben, auch real erleben“, sagte der Monsignore weiter. Die Leute hätten gesehen: Islamismus sei nicht staatsbildend, sondern staatszerstörend.

Die Regierung Mursi hatte Schroedel zufolge während ihrer nur ein Jahr und vier Tage währenden Amtszeit rasant an Glaubwürdigkeit verloren. Er verwies darauf, dass sie Entscheidungen etwa von großer Tragweite habe innerhalb weniger Tage revidiert habe, wie etwa die, einen Mann der Terrorgruppe Gama’at Islamiya, der 1997 wohl bei dem Anschlag auf Touristen in Luxor beteiligt war, dortselbst als Gouverneur einzusetzen. Dazu komme die dreieinhalbstündige Rede, die er hielt, die alles andere war als eine geschliffene Politikerrede. „Sie klang, wie von jemandem, der im Kaffeehaus sitzt und eine Wasserpfeife dabei raucht. Manche sagten, sie schämten sich für so einen Präsidenten.“ Ein Berater nach dem anderen sei abgesprungen und sagte, er höre ja doch nicht auf sie. Der abgesetzte Präsident Mohammed Mursi kündigte den Dialog an, doch kam es nie dazu. Er wollte eine Muslima als Vertreterin und einen Christen als Vertreter benennen. Dies seien nur leere Versprechungen gewesen. „Die Leute machten sich doch lustig über ihn“, soweit seine Beobachtung.

Bei der Verfassung müsse dringend nachgebessert werden. Die Christen hatten sich aus dem Prozess ab einem Zeitpunkt zurückgezogen, weil sie zu der Überzeugung kamen, dass die Muslimbrüder ihnen nicht zuhörten. Schroedel nannte drei weitere Punkte, die Ägypten helfen könnten, wieder aus der Krise herauszukommen: „Erstens muss die öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden. Wenn man in einem Dauerchaos lebt, wird man aggressiv“. Ägypten brauche jetzt gutes Polizeipersonal, das Regeln ins Chaos bringe. Zweitens müsse das Vertrauen in die wirtschaftliche Kraft des Landes wiederhergestellt werden, im Bereich Tourismus als Haupteinnahmequelle neben dem Suezkanal. „Die Hoffnung ist da, dass nach dem Sturz Mursis nun wieder die Touristen kommen“, sagte der Pfarrer der deutschsprachigen Katholiken. „Drittens müssen Männer und Frauen ausgewählt werden, die eine gute, solide Expertenregierung bilden“, ist er überzeugt. Selbst konservative Muslime seien der Meinung, das Potential der Frauen müsse ausgeschöpft werden.

 

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