Hirnforscher: „Fehlen von Bindung ist der Gau in der psychischen Entwicklung“

Eine Münchner Fachtagung belegt die Bedeutsamkeit positiver frühkindlicher Erfahrung für ein gesundes Heranwachsen.

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 11. Juli 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Die Kinder und Jugendlichen von heute sind die Arbeitnehmer und Selbstständigen, Beamte und Politiker von morgen. In zehn, zwanzig oder dreißig Jahren entscheidet ihre Leistungskraft über das Volkseinkommen und die Gesetze, die sie beschließen, über die Auslegung unserer Grundrechte und die unserer Enkel. Auch werden die heutigen Kinder und Jugendlichen einmal über Krieg und Frieden entscheiden. Für all das müssen sie sowohl geistig als auch seelisch gerüstet sein. Ob sich Wirtschaft und Politik der damit verbundenen langfristigen Herausforderungen wirklich bewusst sind, daran zweifeln heute immer mehr Experten aus den Bereichen Pädagogik, Psychologie, Medizin, Kriminalistik und nicht zuletzt der Philosophie. „Bindung – Bildung – Gewaltprävention“ lautete denn das Thema, zu dem am vergangenen Freitag das Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF) und die Hanns-Seidel-Stiftung Koryphäen aus den genannten Bereichen nach München eingeladen hatten.

Dabei ging es längst nicht nur um jugendliche Gewalttäter und junge gewaltverherrlichende Extremisten. Die Faktoren, die zu einer Gewaltkarriere beitragen können, sind auch sonst nicht geeignet, um junge Menschen zu selbstständigen, verantwortungsbewussten und beziehungsfähigen Menschen zu erziehen. Gewalt und Verrohung – ob körperlich oder verbal – ist kein spezifisches Problem des Prekariats, sondern ein Thema, das alle betreffen kann. „Wenn wir das Problem der Jugendgewalt nicht in den Griff bekommen, und das heißt nicht in den Würgegriff nehmen, sondern intellektuell begreifen, dann werden wir in eine repressive Gesellschaft abrutschen“, warnte der Geschäftsführer des IDAF, Jürgen Liminski, am Rande des Symposiums. Prävention gegen Jugendgewalt sei auch Prävention gegen repressive, ja faschistoide Tendenzen, sei es von links oder von rechts. Und der Vorsitzende des IDAF, Heinz-Georg Ley fragte: „Wie soll zwischen den Völkern Frieden herrschen, wenn es in den kleinen Einheiten, wie Familien, Schulen und Stadtteilen keinen Frieden gibt?“ In nicht wenigen Städten gebe es sogenannte Angstorte, die gefürchtet seien. Auch der Vandalismus an öffentlichen Einrichtungen sei ein Zeichen von Gewalt und Zerstörungswut.

Am Veranstaltungsort München, genauer an einem seiner S-Bahnhöfe, war am 12. September 2009 der Manager Dominik Brunner bei einem Gewaltexzess zu Tode gekommen. Der 18-jährige Täter schlug und trat noch, als sein Opfer bereits am Boden lag. Fälle, in denen Schläger kein Erbarmen mit sichtbar Unterlegenen haben, häufen sich verbreiteter Ansicht zufolge. Der Fall Brunner sollte auch in München nicht die letzte Geschichte dieser Art bleiben, die es auf die Titelseiten der Lokalzeitungen schaffen. „Gewaltstraftaten Jugendlicher und Heranwachsender ereignen sich vorwiegend in der Öffentlichkeit“, erklärte Peter Dathe, Präsident des Bayerischen Landeskriminalamtes. Sie würden eher angezeigt und die Tatverdächtigen häufiger ermittelt.

Insgesamt sei die Anzahl der Delikte seit einigen Jahren leicht rückläufig, blieben jedoch auf hohem Niveau. Beunruhigend sei der steigende Anteil von Jugendkriminalität unter Alkoholeinfluss. Dieser habe in den vergangenen Jahren in Bayern deutlich zugenommen. Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeige, dass Alkohol von unter 16-Jährigen häufig in riskanten Mengen getrunken werde. Fast 40 Prozent der Tatverdächtigen im Alter von acht bis 20 Jahren standen 2012 beim Begehen schwerer Gewaltstraftaten unter Alkoholeinfluss. Bei den 18- bis 20-Jährigen seinen es über die Hälfte der Tatverdächtigen gewesen. Auch verbale Gewalt könne grausam und demütigend sein, zumal die Hemmschwelle hier weitaus niedriger sei: Immer mehr Menschen sind heute Cybermobbing ausgesetzt, erleiden Beleidigungen, Verleumdungen und üble Nachrede im Internet. Die Täter handelten oftmals anonym, jedoch nicht spurlos. Wenn junge Menschen bei Prügeleien oder Vandalismus aufgegriffen würden, stelle sich oft auch die Frage nach der Präsenz der Eltern.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Professorin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien, definierte Scham als „schmerzliches Bewusstsein der eigenen unaufhebbaren Unvollkommenheit“. Beschämung habe zwei Bedeutungen: „Sie ist entweder die aktive Absicht, einen anderen diese Unvollkommenheit spüren zu lassen, oder das passive Empfinden der Demütigung und Schwäche“, sagte die Philosophin. Reaktion auf dieses Empfinden sei oftmals Gewalttätigkeit als Kompensation des Unwertgefühls. Maßvolle Schamaffekte hingegen unterstützten die persönliche Entwicklung. An Schulen müssten Demütigungen vorgebracht und Wiedergutmachung ermöglicht werden. Die Gefahr, verletzt zu werden, sei erhöht durch die Ausrichtung des Menschen auf ein Du hin. Die Verdinglichung eines Menschen hingegen, „die Behandlung des Menschen als käufliche, auszubeutende, einseitig zu besitzende Ware“, verletze. „Die Person ist Selbstzweck“, mahnte die Philosophin. „Das Erleben des Geliebtseins ist die Quelle für die Selbstachtung.“

Auf der Grundlage der neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung schilderte der Bremer Professor Gerhard Roth, wie eine tröstliche Bindung in der Kindheit genetische Faktoren mildern könnte, die schnell Stress aufkommen lassen und die Selbstberuhigung hemmen könnten. Der bekannte Neurobiologe erklärte, dass psychische Funktion eng mit Hirnfunktionen verbunden seien. Gene, Umwelteinflüsse und Entwicklung spielten dabei eine Rolle. Die Verarbeitung von Stress, an dem der Botenstoff Cortisol mitwirkt, werde vor sowie kurz nach der Geburt ausgeprägt. Auch das innere Beruhigungssystem, bei dem wiederum der Neurotransmitter Serotonin mitwirke, bilde sich bereits in der ersten Zeit nach der Geburt. Dieser Botenstoff wirke entscheidend bei der Kontrolle von Impulsen. Angst und Paranoia trügen dazu bei, Gewalt als Ausweg aus Situationen zu suchen, die subjektiv als bedrohlich empfunden werden. Besonders wichtig sei daher die frühkindliche Bindungserfahrung: Dabei wird die Oxytocinachse beeinflusst, eine weitere zentrale Stellschraube im Beruhigungssystem des Menschen. Populärwissenschaftlich werde der Botenstoff auch als Kuschelhormon bezeichnet. „Fällt diese positive Erfahrung aus, ist dies der Gau in der psychischen Entwicklung.“ Bei der Untersuchung von Gewalttätern zeige sich, dass das Stress- und Selbstberuhigungssystem geschädigt seien.

Forschungen aus dem Bereich der psychosomatischen Medizin präsentierte der international bekannte Bindungsforscher Karl Heinz Brisch. In der Tradition des britischen Psychoanalytikers und Begründers der Bindungsforschung John Bowlby (1907–1990), der in diesem Punkt Sigmund Freud widersprach, schilderte Brisch die frühkindliche Bindung als Grundbedürfnis. „Bindung ist so grundlegend wie die Luft zum Atmen“, betonte er. Für ein Baby sei es wichtig, besonders im ersten halben Lebensjahr eine feste Hauptbindungsperson vorzufinden, die sich in es einfühle. Feinfühligkeit fördere eine sichere Bindungsentwicklung. Auch gebe es eine unmittelbare Beziehung zwischen der geistigen Entfaltung des Kindes, also seines Lernens durch Erkundung sowie seinem Beziehungssystem. Ist die Bindung beruhigt, sei die Erkundung aktiviert, ist sie es nicht, werde die Erkundung unterbrochen. Bindung beeinflusse die geistige Entwicklung, fördere die Gedächtnisleistung ebenso wie die Kreativität. Bindungssicherheit schütze die Kinder und späteren Erwachsenen bei Belastungen, stärke ihre Flexibilität und Ausdauer, zeige sich aber auch im Gemeinschaftsverhalten und im Einfühlungsvermögen.

Zwischen ein und zwei Jahren seien rund 60 bis 65 Prozent der Kinder auch bindungssicher. Zwischen 30 und 40 Prozent zeigten Anzeichen der Verunsicherung und weitere acht bis 19 Prozent wiesen bereits beginnende oder deutlich pathologische Bindungsstörungen auf. Diese könnten etwa Aggression, Sucht und Promiskuität zur Folge haben. Brisch ist nicht nur durch seine eigenen Forschungen international bekannt geworden, sondern auch durch das von ihm entwickelte SAFE-Programm. SAFE steht für „Sichere Ausbildung für Eltern“ und bietet in Kursen Antworten auf Fragen, wie eine gute Beziehung zum Kind aufgebaut werden kann oder was zu tun ist, wenn Kinder trotz aller Bemühungen schreien und nicht einschlafen können. Werden aus Kindern mit Bindungssicherheit Lehrer, so finden diese eher einen guten Zugang zur Schülerschaft, was wiederum deren Lernen erleichtere. „In Finnland werden Lehrer nach ihrer Persönlichkeit ausgewählt“, sagte Brisch.

Albert Wunsch, Erziehungswissenschaftler und Autor von so bekannten Titeln wie „Die Verwöhnungsfalle“ oder „Abschied von der Spaßpädagogik“ zitierte den großen Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi mit den Worten: „Erziehung ist Vorbild und Liebe, sonst nichts.“ Besonders in den ersten drei Lebensjahren brauchten die Kinder ermutigende Bindungserfahrungen, die auch reichlich Umgangszeit erforderten. „Diese Zusammenhänge werden heute in Politik, Medien und Wirtschaftswelt zu häufig gezielt verdrängt“, kritisierte Wunsch und erinnerte an das Erziehungsziel: Als junge Erwachsene im Alter von Anfang bis Mitte 20 sollten Söhne und Töchter sozial, emotional und finanziell auf eigenen Beinen stehen können. Um dorthin zu gelangen, sollten Eltern wohlwollend, vorlebend und konsequent erziehen. Die Realität zeige, dass auch aufgrund von kurzlebigen Partnerschaften der Eltern dieser Idealtyp vielfach verfehlt werde. Als problematisch betrachtet Wunsch eine überbehütende Eltern-Kind-Beziehung dabei ebenso wie ein Familienklima der Gleichgültigkeit. Die Bedeutung von sogenannten Peer-Groups, Bezugsgruppen in der Jugend, hänge eng mit der familiären Ausgangssituation zusammen. Aber auch hier unterschied Wunsch:„Peers, wie sie im Umfeld von Kirchengemeinden, Jugendverbänden, Sportvereinen oder sozialen Initiativen existieren, geben Kindern und Jugendlichen vielfältige Positiv-Impulse.“ Suchten die Kinder in Zufalls-Peers Anerkennung und Orientierung, die ihnen daheim vorenthalten bleibe, bestehe die Gefahr, dass sie in die Gewaltszene abrutschten.

Die bedeutende Rolle von Musik in den unterschiedlichen Jugendszenen betonte der Münchner Musiktherapeut Andreas Wölfl. Vergleichsweise „harmlose“ Ausschnitte aus auf dem Internetportal „Youtube“ abrufbaren Musikclips der Stilrichtungen Extreme Metal, Brutal Punk und Skinhead-Musik zeigten Aufrufe zum Hass, ekelerregende Grimassen und sogar einen Molotow-Cocktail-Anschlag auf einen vollbesetzten Bus. Solche Bilder verursachten Stress, stimmten aggressiv und könnten schließlich auch Allmachtsgefühle hervorrufen. Bloße Verbote brächten hier nichts. „Am besten hilft noch, mit den jungen Leuten zu sprechen und zu sagen, dass man so etwas nicht gut findet“, sagte Wölfl. Dieselben Kräfte, die bei extremen Musikrichtungen stimuliert werden, könnte die Musiktherapie jedoch auch positiv beeinflussen. Wölfl stellte Musik-Initiativen gegen Gewalt vor, darunter an der ehemaligen Rütli-Schule. An der vormals wegen Gewaltexzessen gefürchteten Oberschule in Berlin-Neukölln stärkten nun ein Schulorchester und vor allem ein Hip-Hop-Projekt Kreativität und Selbstwertgefühl der Schülerschaft. „Die Musik fördert Persönlichkeitsqualitäten, die gewaltmindernde Wirkung haben“, betonte Wölfl. Der Chef des Instituts für Musiktherapie des Freien Musikzentrums München leitet selbst das Projekt „Trommelpower“, eine Musikimprovisation zur Gewaltprävention an Münchner Schulen.

Auch in der Einsamkeit, allein zu Hause, könnten junge Menschen sich allmählich zu Gewalttätern entwickeln. Der Gewalt- und Jugendpsychologe Rudolf Hänsel warnt seit mehr als einem Jahrzehnt in Publikationen und Vorträgen vor Computer- und Videospielen mit Tötungs- und Kriegsthemen. Diese Spiele machten nicht nur süchtig, sondern wirkten auf „Gefühle, Gedanken und Einstellungen in Richtung Feindseligkeit, Macht-, Rache- und Gewaltphantasien.“ Vor dem Hintergrund seiner eigenen Beratungserfahrung wusste Hänsel zu berichten, dass auch die Begeisterung für Krieg dadurch geweckt werde, und berührte damit eine politische Dimensionen: Er appellierte daran, bei der Forderung nach einem Verbot solcher Spiele nicht nachzulassen. Und er fand Anhaltspunkte dafür, dass politische Interessen deren Verbreitung noch unterstützten: „Nach einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung vom 7. April nutzt die britische Royal Air Force die Lerneffekte durch diese Kampfspiele und stellt auch Gamer als Drohnenpiloten ein.“

Oberstudiendirektor Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, verwies darauf, dass es keine per se gewalttätige Jugend gebe. „Aber die von Heranwachsenden praktizierte Gewalt ist brutaler geworden, und die Hemmschwelle gesunken.“ Er forderte eine Strategie der vielen Wege, um der Jugendgewalt zu begegnen. Die Schirmherrin der Veranstaltung, die bayerische Familienministerin Christine Haderthauer (CSU), fordert als Konsequenz aus den Erkenntnissen der Experten, „eine Familienpolitik, die Eltern etwas zutraut“. Politik solle Eltern wertschätzen und zugleich tatkräftig unterstützen, zugunsten früher Bindungserfahrungen. „Ein stabiler familiärer Rückhalt ist deshalb der zentrale Anker für das Leben, für lebensfrohe, wertorientierte und leistungsfähige junge Menschen und damit für unsere Zukunft.“

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 10. Juli 2013]

 

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