„Im Libanon ist die Lage sehr gefährlich“

Ein Interview mit Jesuitenpater Samir Khalil Samir im Auftrag der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA)

MÜNCHEN, BEIRUT, 16. Juli 2013 (Vaticanista/KNA).- Der ägyptische Jesuit Samir Khalil Samir, Leiter des CEDRAC (Zentrum für die Erforschung des arabischen Christentums) in Libanons Hauptstadt Beirut, ist Nahost-Berater des Vatikans. Im Gespräch mit Michaela Koller erläutert er die brenzlige Lage in Syrien und spricht über das Ringen um eine demokratische Zukunft in Ägypten.

Als am 3. Juli der islamistische Präsident Mohammed Mursi in Ägypten gestürzt wurde, sagten liberale Ägypter, sie hätten sich die Revolution zurückgeholt und der politische Islam sei gescheitert. War das so?

P. Samir: Das Volk wollte die islamistische Regierung einfach nicht mehr haben. Man denke an die Bewegung Tamarrod, die 22 Millionen Unterschriften gesammelt hat und das in einem Land, in dem es mehr als 40 Prozent Analphabeten gibt und die Hälfte der Bevölkerung noch nicht das Wahlalter erreicht hat. Die Mehrheit der Ägypter wollte die Islamisten nicht mehr, weil die wirtschaftliche Situation wirklich schlimm geworden ist. Die Regierung hat nichts dagegen getan. Sie war nur damit beschäftigt, das Land zu islamisieren, im Fernsehen, in der Kultur, in der Schule und im Strafrecht.

Jesuitenpater Samir Khalil Samir; Foto: M. Koller

Jesuitenpater Samir Khalil Samir; Foto: M. Koller

Aber begann die Islamisierung nicht schon lange vorher schleichend?

P. Samir: Die Ägypter haben schon wenige Monate nach dem Sturz von Hosni Mubarak deutlich gemacht: Wir sind alle Gläubige, ob wir Muslime oder Christen sind. Laßt uns unseren Glauben so ausüben, wie wir es möchten. Niemand muss uns sagen, was wir essen, trinken oder anziehen sollen. Ein deutliches Zeichen ist auch der Umstand, dass die Repräsentanten der Universität Al Azhar in der Opposition waren, die höchste Rechtsautorität in der sunnitischen Welt. Natürlich fürchteten sie auch um ihren eigenen Einfluss. Aber sie sagen damit auch deutlich: Der beste Islam ist der Islam der Mitte, nicht der der Muslimbrüder.

Als erster großer Schritt zur Wiederherstellung der staatlichen Ordnung steht die Abstimmung über einen neuen Verfassungsentwurf an. Jetzt will man aber wenigstens die Salafisten bei den Gesprächen über die Zukunft des Landes mit im Boot haben. So überrascht es nicht, dass die Übergangsverfassung vom 8. Juli noch islamistischer ist als die ausgesetzte. Wie realistisch ist es anzunehmen, eine Verfassung ohne Kompromisse an irgendwelche Islamisten zustande zu bringen?

P. Samir: Das ist unrealistisch, denn wir werden dann zu viele Gegner haben. Die Armee hat angekündigt, dass Vertreter aller Richtungen an der Entstehung einer neuen Verfassung beteiligt sein sollen. Die Muslimbrüder haben dies gleich abgelehnt. Die salafistische Partei Al Nur war klüger. Sie wissen, dass sie nicht an die Macht kommen, aber sie versuchen so, wenigstens an Einfluss zu gewinnen.Wenn alle Islamisten ausgeschlossen werden, bekommen sie doch nur mehr Zulauf. Es heißt dann: Diese Regierung ist anti-muslimisch. Echte Demokratie bedeutet, alle einzuladen. Das Militär zieht sich auf die Rolle des Vermittlers zurück.

Aber besteht denn dann nicht die Gefahr, dass die Christen doch nur wieder Bürger zweiter Klasse sein werden?

P. Samir: Man hofft nun, dass die Salafisten nicht allzu viel Einfluss haben werden. Es ist nicht gesagt, dass die Scharia wieder so stark verankert sein wird. Wir werden es sehen.

Die Übergangsverfassung geht aber schon in diese Richtung. Sie wollen eine Gesetzgebung wie in den ersten Jahrhunderten des Islams…

P. Samir: Ich hoffe, dass Kräfte wie Tamarrod, die Jugend, die Liberalen und auch die Christen protestieren, und dass Intellektuelle und Persönlichkeiten wie Vizeregierungschef Mohammed El Baradei reagieren werden.

In Artikel 1 der ausgesetzten Verfassung wurde betont, Ägypten sei Teil der Umma, der weltweiten islamischen Nation. Deren Einheit ist seit Ende des Kalifats, in dem ein politischer und religiöser Führer weithin anerkannt war, in weite Ferne gerückt….

P. Samir: Ja, das ist die Vision von Salafisten und Muslimbrüdern. Sie möchten das Kalifat, das 1924 unter Kemalt Atatürk abgeschafft wurde, restaurieren. Das ist aber ein Traum, der nie mehr in Erfüllung geht. Wir haben einen Spruch auf Arabisch: Die Araber sind sich darin einig, nicht einig zu sein. Die Kriege sind da im Weg.

Im Moment gilt das vor allem für Syrien. Welche Kräfte wirken dort mit?

P. Samir: Auf der einen Seite ist da ein Regime, das in politischer Hinsicht keinerlei Freiheiten zuläßt, wenn Baschir Al Assad sein Land auch wirtschaftlich geöffnet hatte. Weil er selbst einer religiösen Minderheit angehört und die Ideologie der Baath-Partei, von dem Christen Michel Aflaq mitbegründet, total säkular ist, gibt es in religiöser Hinsicht Freiheiten, die sonst nur im Libanon so bekannt sind. Dann ist da die Opposition, die einfach mehr Freiheit geniessen wollte. Sie haben mit dem Aufruhr angefangen. Dann erst kamen die Islamisten, die die Zielrichtung des Kampfes geändert haben. Viele syrische Oppositionelle haben ihre Heimat daher schon verlassen. Es kommen viele in den Libanon, auch nach Beirut zu uns Jesuiten, die berichten, dass vernichtende, islamistische Angriffe von ausländischen Kämpfern in Syrien verübt wurden. Sunniten kämpfen gegen Assad und die Hisbollah unterstützt ihn.

Wo stehen die Christen?

P. Samir: Sie versuchen, neutral zu bleiben, aber das ist unmöglich. In der Hoffnung, so wenigstens in religiöser Hinsicht Freiheit zu behalten, waren einige Bischöfe mehr auf der Seite der Regierung, als das kleinere Übel. Diejenigen, die Assad bejubelt haben, sind jetzt fort. Die anderen schweigen einfach. Einige Christen waren aber auch auf der Seite der Opposition, aber davon haben viele das Land verlassen. Viele Christen helfen aber einfach nur den Menschen in Not und sagen schlicht: Wir sind alle Syrer. Die Jesuiten in Aleppo zum Beispiel geben täglich rund 500 Essen aus.

Sie kommen gerade aus Beirut. Wird es einen Flächenbrand geben?

P. Samir: Im Libanon ist die Lage seit zwei Monaten gefährlich, aber die Libanesen werden nicht selbst mit Krieg anfangen. Sie haben erfahren, dass nichts so schlimm ist wie ein Bürgerkrieg. Aber es gibt bereits einzelne Brandherde im Land. Dazu kommt noch das Flüchtlingsproblem. Libanon ist klein und kann nicht Hundertausende von ihnen aufnehmen.

[Erstveröffentlichung: © Katholische Nachrichtenagentur (KNA), 14. Juli 2013]

 

 

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