„Christen können zum Aufbau der Nation beitragen“

Interview mit Erzbischof Charles Maung Bo aus Burma

MÜNCHEN, 5. September 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Im südostasiatischen Burma, das vor allem durch die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi (68) bekannt ist, vollzieht sich nach fast sechzigjähriger Militärherrschaft seit 2011 ein enormer politischer, wirtschaftlicher und sozialer Wandel. Eine besondere Rolle im Demokratisierungsprozess könnten die Religionsgemeinschaften spielen, an deren Engagement Suu Kyi auch appelliert. Michaela Koller sprach mit dem Erzbischof von Rangun, Charles Maung Bo, am Rande der Münchner Domspatz-Matinée, über seine Erwartungen für die Zukunft seiner Heimat, die Situation und Rolle der Christen im Land und seine besondere Verbindung zu Suu Kyi.

Eure Exzellenz, als Sie im Jahr 2006 schon einmal in Bayern zu Besuch waren, haben Sie zwar öffentlich gesprochen, dabei aber nicht viel sagen können. Jetzt ist offenbar alles anders…

Foto: F. Seizmair

Foto: F. Seizmair

Erzbischof Bo: Ich habe zwar immer versucht, authentische Nachrichten weiterzugeben, war aber zugleich vorsichtig. Da war einfach die Sorge um die Kirche in Myanmar in dieser Zeit. Nun kann man seine Meinung frei in den Zeitungen oder im Parlament äußern, ohne nachher festgenommen zu werden. Jetzt fühlen sich die Menschen entspannt und frei, sie lachen wieder und sind nicht mehr bedrückt.

In diesem Jahr ereilten uns aber auch schlechte Nachrichten aus Burma, über Ausschreitungen gegen die muslimische Volksgruppe der Rohingya. Sie haben daraufhin zu Toleranz und dem Ende der Gewalt aufgerufen. Kann sich das grundsätzlich friedenstiftende Pontential der Religionen im mehrheitlich buddhistischen Burma noch entfalten?

Erzbischof Bo: Die neugewonnene Freiheit wird nicht nur zum Guten genutzt: Nun treten auch Aggressionen hervor, wie wir in dem Konflikt mit den Muslimen gesehen haben. In jeder Religion gibt es einige Extremisten, auch unter buddhistischen Mönchen in Sri Lanka. Ebenfalls in Myanmar haben wir einige unter den Buddhisten, darunter den Mönch Ashin Wirathu aus dem Kloster Maseyein in Mandalay und noch andere, aber sehr wenige, die meist wenig gebildet sind. Wir waren bemüht, alle Religionsführer zusammenzuführen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. In Myanmar sind die Menschen ihrem eigenen Glauben gegenüber sehr treu. Jeder ist religiös.

Wie sieht es mit der Situation der Christen hinsichtlich der Religionsfreiheit aus?

Erzbischof Bo: Als das Militär in den 60er Jahren an die Macht kam, wurde der katholischen Kirche Schulen und Krankenhäuser genommen und viele ihrer Missionare des Landes verwiesen. Es besteht derzeit die Hoffnung, das Eigentum wieder zu bekommen. Heute ist es möglich, sich über die Entwicklung Myanmars aus katholischer Sicht öffentlich zu äußern. Aber es besteht faktisch noch immer eine Diskriminierung: Ein erst vor drei, vier Jahren beschlagnahmtes Gebäude, das als Priesterseminar genutzt werden sollte, haben wir noch immer nicht zurückerhalten, mit der Begründung, dass wir dazu keine Genehmigung haben. Und noch immer darf die Kirche keine Schulen oder Krankenhäuser führen.

Welche Ausstrahlungskraft hat die kleine Gemeinschaft der Katholiken in Burma, die zwischen ein und zwei Prozent ausmacht?

Erzbischof Bo: Tatsächlich ist es so, dass Thailand und Burma früher dieselbe Anzahl Katholiken hatten, nämlich beide rund 350.000. In den letzten Jahren ist die Zahl in Myanmar auf mehr als 800.000 Katholiken angewachsen, während deren Zahl in Thailand dieselbe blieb. In den großen Städten wie Rangun und Mandalay geht die Entwicklung nicht so schnell voran, da ist der Zuwachs der Buddhisten größer. Aber bei den kleinen ethnischen Gruppen wie Shan, Kachin, Kayah, Karen sind es nicht nur einzelne, sondern ganze Dörfer, die katholisch werden, weil sie sehen, dass es dort Sozialarbeit, Schulen und Versorgung für die Kranken gibt.

Generell für die Christen gilt: Obwohl sie nicht so stark sind, können sie gewiss eine führende Rolle darin spielen, alle Religionsvertreter zusammenzuführen, trotz ihrer Unterschiede miteinander verhandeln zu lassen, um eine Einheit zu schaffen und zum nationalen Aufbau beizutragen.

Auch wenn die Katholiken nur eine kleine Minderheit darstellen, gibt es da doch eine besondere Verbindung zwischen Ihnen und Aung San Suu Kyi. Sie kam eigens zur Hundertjahr-Feier der Sankt-Marien-Kathedrale im vorigen Dezember…

Erzbischof Bo: Im Jahr 1994 hatte ich zwei Ordensfrauen nach Oxford geschickt, damit sie dort Englisch lernen. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von Michael Aris, dem Ehemann von Aung San Suu Kyi, der dort Professor war. Er schlug vor, die beiden Schwestern in sein Haus aufzunehmen. Er war damals schon krank und die beiden konnten dort helfen. Ich stimmte zu. Die Schwestern wurden aber beim Betreten und Verlassen des Hauses von den burmesischen Behörden beobachtet und daher nach einem Jahr zurückbeordert. Bei ihrer Rückkehr durchsuchte sie der Geheimdienst gründlich nach kompromittierendem Material gegen Aung San Suu Kyi. Seit dieser Zeit besteht ein enger Kontakt zu der Familie und zu Aung San Suu Kyi, der auch seit ihrer Freilassung noch andauert.

Suu Kyi ist Buddhistin. Ergab sich auch ein Gespräch über Religion?

Erzbischof Bo: Ja, sie selbst ist eine tiefgläubige Buddhistin und ihr Ehemann war katholisch getauft. Aung San Suu Kyi ist in einer katholischen Einrichtung erzogen worden. Ich habe auch eine Tante von ihr getauft. Und im Jahr 1988 ließ sich kurz vor ihrem Tod auch Aung San Suu Kyis Mutter von einem katholischen Priester taufen. Was die Religionsgemeinschaften betrifft, so vertritt sie die Auffassung, das eine Zusammenarbeit der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zum Aufbau der Nation beitragen kann.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 5. September 2013]

 

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Interreligiöser Dialog, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde, Weltkirche - Ökumene veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.