Koptenpatriarch ruft um Hilfe für Bildung

Besuch aus Ägypten anlässlich des Weltmissionssonntags

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 2. Oktober 2013 (Vaticanista).- Ägypten – das Land mit der großen Geschichte und Kultur. Doch rund 40 Prozent der Menschen dort können nicht lesen und schreiben. Kein Wunder, dass dies den Patriarchen der koptisch-katholischen Kirche in Ägypten besorgt. Auf die Frage, was er sich für sein Heimatland aus den europäischen Ländern, die er in diesen Tagen bereist, wünschen würde, sagte Ibrahim Isaak Sedrak auch prompt: „Unterstützung für die Bildung der jungen Generation.“ Schließlich braucht es künftige Führungskräfte für Politik und Gesellschaft, darunter auch junge Christen. Noch träumten aber viele junge Leute davon, sich im Ausland ein besseres Leben aufzubauen. „Ich spreche hier als einfacher Ägypter, nicht als Politiker“, sagte der 58-jährige am Montag in München als Gast beim Internationalen Katholischen Missionswerk Missio. Sein Besuch hierzulande findet mit Blick auf den Sonntag der Weltmission statt, den die katholische Kirche am 27. Oktober begeht; sein Heimatland steht in diesem Jahr im Mittelpunkt dieses Ereignisses.

Foto: Missio

Foto: Missio

Er stehe aber zugleich in der Verantwortung seiner Kirche, die christliche Laien ermutigen müsse in die Gesellschaft hinein zu wirken, quasi als Sauerteig. „Das ist meine Aufgabe“, fuhr Sidrak fort. Vor allem unter dem Einfluss der Muslimbruderschaft vor dem Sturz Mohammed Mursis sowie in der Ära Mubarak fehlte es an den Rahmenbedingungen für die Beteiligung der Christen. Zu diesem Schluss kam im Frühjahr die Delegation der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bei ihrer Ägyptenreise. Johannes Singhammer, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, signalisierte bei dem Gespräch Solidarität mit Patriarch Sedrak. Zusammen mit seinem Vorsitzenden Volker Kauder habe er bei ihrer Reise an den Nil gesehen, wie die Christen, speziell im öffentlichen Dienst, diskriminiert wurden und sehr gefährlich lebten. „Wir werden die Situation weiter in den politischen Gremien begleiten“, versprach Singhammer. Als einzig wirksam erachte er, das Interesse der Öffentlichkeit auf Diskriminierungs- und Verfolgungssituationen zu lenken. In der Garantie des Rechts auf Religionsfreiheit sieht Singhammer letztlich die einzige Möglichkeit, in Ägypten zu innerem Frieden und Wohlstand zu gelangen.

Der Weg bis dahin ist holprig: Patriarch Sedrak sprach von zwei Wellen der Revolution, die erst Langzeitpräsident Hosni Mubarak und dann Mohammed Mursi nach nur einem Jahr im Amt weg spülten. In der Absetzung des ersten demokratisch gewählten Präsidenten seines Landes, Mohammed Mursi, sieht er einen Kampf um die Identität seines Landes. „Es sah vielleicht so aus wie ein Staatsstreich, aber es war keiner“. Die Mehrheit der Menschen in Ägypten habe vielmehr die Armee erst zur Hilfe gerufen, nachdem sich Mohammed Mursi trotz der überwältigenden Unterstützung einer Petition für Neuwahlen gegen die Mehrheit der Bevölkerung gestellt habe.

„Ägypten war dabei, seine Identität zu verlieren“, sagte der Patriarch. Der frühere Präsident habe nicht demokratisch gehandelt und Entscheidungen getroffen, die nicht verfassungskonform waren. Die Muslimbruderschaft, von deren geistlichen Führung Mursis Regierung offenbar beeinflusst war, habe Jahrtausende der Geschichte des Landes aus den Schulbüchern streichen wollen. Dabei sind nicht nur die Pyramiden und Obelisken sowie die Goldmaske des Pharaos Tut-Anch-Amun und die Berliner Büste der Nofretete weltberühmtes Kulturerbe: Für die Christenheit von größter Bedeutung hält Friedrich Kardinal Wetter, früherer Erzbischof von München und Freising, den Beitrag der koptischen Christen im Laufe der vergangenen zwei Jahrtausende.

„Es gibt wenige Völker, die eine solche Geschichte und Kultur vorzuweisen haben“, betonte der Kardinal bei dem Gespräch. Bereits zur Zeit der Apostel habe der christliche Glaube in dem Land am Nil Fuß gefasst. In Ägypten entstand im 4. Jahrhundert auch das Mönchtum. Er erinnerte zudem an die berühmte Katechetenschule von Alexandria, das Didaskaleion, die sozusagen die erste theologische Hochschule der Kirchengeschichte war. Hier trafen griechische Philosophie und christlicher Glaube, Vernunft und Religion aufeinander, das zentrale Thema der Regensburger Rede Papst Benedikts XVI., an die der Kardinal auch erinnerte. „Echte Religion, die diesen Namen verdient, hat mit Gewalt nichts zu tun“, betonte er.

Das Ringen um das Gleichgewicht zwischen Vernunft und Religion setzt sich derzeit auch in der konstitutionellen Versammlung fort. Hinsichtlich der künftigen Verfassung ist laut Sedrak noch nichts entschieden. Mit einer Abkehr von der Scharia als der Hauptquelle der Gesetzgebung ist aber wohl nicht zu rechnen. Seit der Präsidentschaft des 1981 ermordeten Präsidenten Anwar Sadat galten „die Prinzipien der Scharia“ als diese wichtigste Quelle, eine Formulierung die zuvor keine religiöse Autorität näher beschrieben hatte. Die erste Verfassung der Nach-Mubarak-Ära enthielt noch einen weiteren Artikel zur Stellung der Scharia, der die Prinzipien dann näher umschrieb. „Der Artikel 219 ist aber nun abgeschafft worden, aber die Diskussion um die Prinzipien geht weiter“, sagte Sedrak. Ein Problem stelle auch die Anerkennung von religiösen Minderheiten dar. Außer Juden und Christen würden bislang keine anderen im neuen Entwurf erwähnt, obwohl sich Christen in der konstitutionellen Versammlung dafür eingesetzt hätten.

Trotz der Ungewissheiten ist der Patriarch hoffnungsvoll: „Als Christen haben wir auch keine andere Wahl, als voller Hoffnung zu sein.“ Die jüngste Anschlagwelle auf ägyptische Kirchen wertete er als „Angriff auf ganz Ägypten“. Die Täter hätten nur eine Schwachstelle gesucht. Der Westen müsse den Willen des ägyptischen Volkes respektieren und andererseits verstehen, dass Christen dort mit Muslimen guten Willens zusammenarbeiten könnten. Und auch Kardinal Wetter betonte, im heutigen Ägypten stünden viele friedliebende Muslime im „Kampf um Freiheit und Frieden“ an der Seite der Christen.

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Bewegungen - Initiativen, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.