Eine wachsende Minderheit

In der EU sprechen Hunderttausende heute die Muttersprache Jesu

Von Rudolf Grulich*

MÜNCHEN, 10. Oktober 2013 (Vaticanista).- Viele Minderheiten wachsen. In ihrer Heimat stehen sie oft vor dem Ende, während sie als Emigranten, Flüchtlinge oder Vertriebene in anderen Ländern zunehmen. Das gilt auch von den Menschen, die Jesu Muttersprache noch sprechen. Jesu Muttersprache, in der er seinen Aposteln und uns das Vaterunser lehrte, war Aramäisch. Seit der Babylonischen Gefangenschaft war bei den Juden das Hebräische nur noch die Sprache der Bibel und der Gottesdienstes. Als Reichsaramäisch war das Aramäische aber einst im ganzen Perserreich von Ägypten bis zur Ostgrenze des Reiches an der Grenze zu Indien als Verkehrssprache verbreitet.

In christlicher Zeit wurde in der syrischen Kirche das Aramäische durch die Bibelübersetzung und die Verwendung in der Liturgie eine bedeutende Literatursprache und wurde meist als Syrisch bezeichnet. So ist Aramäisch und Syrisch gleichzusetzen und hat nichts mit der heutigen Staatssprache Syriens zu tun, die Arabisch ist. Manche Grammatiken des Neu-Aramäischen, also des heute noch gesprochenen Aramäisch, tragen Titel, in denen die Sprache als Neu-Syrisch bezeichnet wird.

In der alten Kirche haben große syrische Kirchenväter gewirkt. Am bekanntesten ist bis heute der heilige Ephräm, der für seine Hymnen mit dem Ehrentitel „Harfe des Heiligen Geistes“ benannt wurde und den Papst Benedikt XV. zum Kirchenlehrer erhob. Nach der arabisch-islamischen Eroberung wird das Syrische noch bis in die Zeit der Kreuzzüge viel gesprochen, dann aber vom Arabischen stark zurück gedrängt. Es hielt sich im 20. Jahrhundert nur noch in der Südosttürkei, im nördlichen Irak und in Persien in der Umgebung des Urmia-Sees, in Syrien nur im Dorf Maalula.

Als liturgische Sprache war aber das Syrische durch alle Jahrhunderte in Gebrauch, und zwar bei den Nestorianern und den Syrisch-Orthodoxen sowie bei den katholischen Chaldäern, den mit Rom unierten Syrern und bei den Maroniten. Dabei benutzen die Nestorianer und Chaldäer den ostsyrischen Ritus, die Syrisch-Orthodoxe und Syrisch-Katholische Kirche und die Maroniten den westsyrischen Ritus. Auch die verschiedenen Thomas-Christen Indiens, auch die katholischen Syro-Malabaren und Syro-Malankaren, die heute im Bundesstaat Kerala in der Landessprache Malayalam den Gottesdienst feiern, kennen das Syrische noch wie die Katholiken einst das Latein als liturgische Sprache.

Heute bezeichnen die Christen aus dem Orient, die noch die syrische bzw. aramäische Muttersprache beherrschen, ihre Sprache oft als Assyrisch und nennen sich und ihre Volksgruppen Assyrer. Die Bezeichnung entstand im 19. Jahrhundert, als englische und amerikanische, später auch deutsche protestantische Missionare, aber auch katholische Lazaristen im Osmanischen Reich und in Persien diese Christen neu „entdeckten“ und ein neusyrisches Schrifttum belebten. Man hielt diese Christen für Nachfahren der Assyrer, wollte aber gleichzeitig über die konfessionellen Trennungslinien von Nestorianern, Chaldäern, syrischen Orthodoxen und Katholiken sowie verschiedenen Protestanten ein neues Nationalbewusstsein schaffen.

Die konfessionelle Zersplitterung hatte auch im Lauf der Jahrhunderte zu drei verschiedenen Schriften und zu einer sprachlichen Aufgliederung in West- und Ostassyrisch geführt. Die Vielzahl aramäischer Vereine in Europa rührt auch davon her, dass sich die aramäischen Muttersprachler nicht eine einheitliche Namensgebung ihrer Sprache einigen konnten. Daher die Bezeichnungen Aramäisch, Assyrisch oder Suryoye.

Hartes Schicksal im 20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg hat die Assyrer hart getroffen, ja sogar an den Rand des Abgrunds gebracht. Mehr als eine halbe Million kam damals ums Leben, als die türkische Regierung den Völkermord an den Armeniern beschloss, aber diese Opfer sind im Vergleich zu den Armeniern fast vergessen. Auch zwischen beiden Weltkriegen litten die Assyrer im Irak und in der Osttürkei, in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem in den verschiedenen Kurdenkriegen im nördlichen Irak, aber auch durch erzwungene Abwanderung aus der Südosttürkei und nach der Islamischen Revolution aus dem Iran, heute besonders durch den Bürgerkrieg im Irak. So kamen Hunderttausende nach Europa und Amerika, so dass es heute in den USA, Kanada, Lateinamerika und Europa nestorianische, chaldäische und syrisch-orthodoxe Bischöfe und Diözesen gibt.

Auch in verschiedenen Staaten der Europäischen Union leben Zehntausende von Christen mit assyrischer Muttersprache, die meisten in Schweden und Deutschland. Sie haben sich in zahlreichen Kulturvereinen und Verbänden organisiert, pflegen die Sprache, geben Zeitungen und Schulbücher heraus, gründeten auch Druckereien und Schulen und sind im Internet vertreten.

Syrisch-Orthodoxe Bischöfe gibt es heute in Schweden, in den Niederlanden und in Warburg für Deutschland, aber auch in Frankreich, Belgien und in Österreich; zwei nestorianische Bischöfe auch in Schweden und Deutschland. Letztere gehören den beiden heute getrennten Kirchen der Nestorianer an: Die „Assyrische Kirche des Ostens“, deren Patriarch heute in den USA residiert, hat eine Diözese für „Europa“ mit einem Bischof, der zwei Niederlassungen im schwedischen Norsborg und in London hat und zuständig ist für Großbritannien, Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland, Österreich und Griechenland. Der Bischof in Mainz untersteht dem Patriarchen der „Alten Apostolischen und Katholischen Kirche des Ostens“ mit Sitz in Bagdad.

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche nennt sich heute auch Syriac-Orthodox Church, nicht mehr Syrian-Orthodox, um zu zeigen, dass sie mit dem Staat Syrien nichts zu tun hat. Ein Erzbischof für Europa im niederländischen Glane war für Mitteleuropa und die Benelux-Länder zuständig, ehe mit Sitz in Warburg ein eigener Bischof für Deutschland ernannt wurde. Der Metropolit im schwedischen Södertälje betreut mit einem weiteren Bischof die Gläubigen in Skandinavien.

In Deutschland gibt es bereits 45 syrisch-orthodoxe Kirchengemeinden mit fast 50.000 Gläubigen. Der erste Priester kam schon 1971 ins bayerische Dasing bei Augsburg. Große Gemeinden sind in Augsburg, Berlin, Köln, Gütersloh, Bietigheim, Wiesbaden, Worms, Gießen und in anderen Städten. In den Niederlanden (Glane), Schweden (Södertälje) und in Deutschland (Warburg) existieren auch syrische Klöster, denn das Mönchtum hat in der syrisch-orthodoxen Kirche eine lange Tradition.

Da es in der Türkei nur türkischsprachige Schulen gibt, sprechen viele Assyrer besser Türkisch oder Arabisch, aber sie pflegen heute wieder ihre eigentliche Sprache und eigene alte assyrische Schrift in meistens zwei Varianten, von denen eine die Estrangelo ist, die andere die nestorianische Version.

Das Hilfswerk „Kirche in Not“ hat nicht nur seit Jahrzehnten die Christen im Irak, in Syrien und in der Türkei unterstützt, sondern auch für die aramäischen Christen in der Emigration schon die alte Fassung der Kinderbibel, dann aber auch die Neuausgabe „Gott spricht zu seinen Kindern“ in Westaramäisch und Ostaramäisch herausgegeben. Beim Kongress des Werkes 2006 in Augsburg sang ein assyrischer Chor mit Kathy Kelly das Vaterunser in Jesu Muttersprache.

* [Der Theologe und Kirchenhistoriker Rudolf Grulich, 1976 in Regensburg promoviert, ist unter anderem Honorarprofessor für Kirchengeschichte an der Justus-Liebig-Universität in Gießen gewesen und berät das katholische Hilfswerk Kirche in Not in Türkeifragen.]

 

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