Lobpreis beendet den Dornröschenschlaf

Musikalische Gedenkfeier für Domorganisten Eberhard Kraus

Von Michaela Koller

REGENSBURG, 17. Oktober 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Ziemlich genau ein Jahrzehnt lang ist die Steinmeyer-Orgel im Historischen Museum zu Regensburg stumm geblieben: Ein letztes Mal hörten sie Bewunderer ihres Klangs am 12. Oktober 2003 in der Sonntäglichen Orgelstunde von Eberhard Kraus. Mehr als ein halbes Jahrhundert und in mehr als 1.000 Konzerten hatte das edle Instrument dem Regensburger Domorganisten, Cembalisten und Komponisten gedient. Was er dort 1952 begann, sollte eine der wohl längsten Konzertreihen in Deutschland werden. Elf Tage nach seinem letzten Spiel dort starb Eberhard Kraus im Alter von 72 Jahren. Anlässlich des 10. Todestags erweckte sein ältester Sohn, der Further Kirchenmusiker Wolfgang Kraus, jetzt die Orgel aus dem „Dornröschenschlaf“, wie er dies selbst nannte. Feierlich beendete er diesen mit dem Dankeshymnus Te Deum von Marc-Antoine Charpentier zur Eröffnung einer Gedenkfeier am vorletzten Donnerstag.

Zwölfton-Musik fürs Streichquartett; Foto: Gisela Kraus

Zwölfton-Musik fürs Streichquartett; Foto: Gisela Kraus

Das Lob Gottes der mittelalterlichen Mystikerin Mechthild von Magdeburg, vorgetragen von der Sopranistin Christine Pernpeintner, durchdrang daraufhin ekstatisch die ehemalige Minoritenkirche – eine Komposition in der Zwölftontechnik von Eberhard Kraus. An diesem Tag war es zugleich ein Dank für das reiche musikalische Erbe Kraus‘, darunter mehr als 300 Kompositionen, der sich wie ein roter Faden durch die musikalische Würdigung zog. „Eberhard Kraus hat sich um das Regensburger Musikleben und weit über Bayern und Deutschland hinaus verdient gemacht“, war eingangs vom Vertreter der örtlichen Politik, dem Regensburger Stadtrat Norbert Hartl, zu erfahren.

Die Witwe des Künstlers, Brigitte Kraus, warnte aber davor, nur in der Erinnerung an den Künstler und vierfachen Vater zu verharren: „Das wäre meines Erachtens ein eher stagnierendes, unfruchtbares Zurückblicken.“ Sie wolle ihn an diesem Ort lieber gegenwärtig werden lassen, wo er vor seinen Zuhörern eine lebendige Musikgeschichte entfaltet und ihnen nahe gebracht habe. Um das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes „zu heben, zu präsentieren und weiterzugeben“ engagiert sie sich für den Verlag Eberhard Kraus sowie für die gleichnamige Stiftung, die international talentierte Organisten durch Vermittlung und Honorierung von Konzerten in bedeutenden Kirchen oder Konzertsälen fördert.

Liebhaber des Kraus’schen Oeuvre sowie musikalische Weggefährten ihres Mannes, darunter der frühere Domkapellmeister Georg Ratzinger, ermutigten sie schriftlich in ihrem Einsatz. 1964, im selben Jahr wie Kraus seinen Vater Karl Kraus an der Domorgel ablöste, hatte Ratzinger die Leitung der Regensburger Domspatzen übernommen. 30 Jahre schrieben sie zusammen Kirchenmusikgeschichte in der Kathedrale der deutschen „Kirchenmusikhauptstadt“, wie sie Bischof Rudolf Voderholzer nannte.

Der Regensburger Hirte bedauerte mit Blick auf das breite Schaffen des Kirchenmusikers seit dessen 12. Lebensjahr, ihn nicht persönlich kennengelernt zu haben. Die Musica Sacra verweise letztlich auf das Ziel der Einheit der Christenheit. „In der Kirchenmusik ist die hörbare Einheit schon verwirklicht“, sagte Voderholzer. Mit seinen Sonntäglichen Orgelstunden habe Kraus die Sonntagskultur in Regensburg geprägt. In die Minoritenkirche, einst größte Kirche der Franziskaner in Süddeutschland, seit der Zeit der Säkularisation entweiht, ertönte durch das musikwissenschaftlich ausgearbeitete Programm von Eberhard Kraus mit der ersten Orgelstunde erstmals wieder sakrale Musik in dem dreischiffigen gotischen Bau.

Der Künstler widmete sich, wie Voderholzer betonte, im Rahmen seiner Editionstätigkeit historischen Werken mit eben solcher Leidenschaft wie den Zeitgenössischen bei seiner regen Konzertpräsenz, national wie international. Rezensenten zählten ihn zu den besten Organisten Europas.

Die anhaltende Wirkung seines Schaffens liegt auch darin begründet, dass sein eigener Blick in die Zukunft gerichtet war: Er engagierte sich die Förderung von Nachwuchsmusikern weit über seine Lehrtätigkeit hinaus, wie sein Sohn Wolfgang Kraus berichtete. Heute etablierte Künstler durften bei Eberhard Kraus in der Reihe „Junge Organisten, Instrumentalisten und Sänger“ erstmals auftreten. Unter ihnen war auch Stefan Trenner. Mit einer Zwölfton-Komposition für ein Streichquartett „in memoriam Eberhard Kraus“ bereicherte der 46-jährige Komponist und Kraus-Schüler die Zuhörer um eine neuartige Erfahrung, anfangs melancholisch, dann tröstlich, aber durchgängig ehrfurchtsvoll und ergreifend.

Zudem spielte Kraus Kompositionen, die so neu waren, dass ihm gerade einmal eine Kopie der Originalniederschrift vorlag. Die Breite seines Schaffens spiegelte sich offenbar besonders in den Sonntäglichen Orgelstunden, die von Mai bis Oktober stattfanden, wider: „Gerade die lebendige Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft war das Einzigartige am Konzept der Sonntäglichen Orgelstunden, die sonst in dieser Art und Vielfalt in kaum einer anderen Konzertreihe verwirklicht wird“, sagte er in seiner Ansprache. Kraus verneigte sich auch durch vielfache Forschungsarbeiten vor der regionalen Orgel-Tradition.

Seine Kenntnisse kamen der Restaurierung, dem Ausbau und der Pflege edler alter Instrumente zugute, so auch der Steinmeyer-Orgel von 1936: „Dass es auch heute noch erklingen kann, obwohl es seit zehn Jahren in einen Dornröschenschlaf versetzt worden ist, zeugt neben der handwerklichen Qualität auch von der beständigen guten Pflege und Betreuung während der 51 Jahre währenden Ära der Sonntäglichen Orgelstunden“, zeigte sich Wolfgang Kraus überzeugt. Es bleibt jedenfalls zu hoffen, dass die neue Ruhephase nicht allzu lang anhält.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 17. Oktober 2013]

 

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