Christliche Nächstenliebe als Waffe gegen Fanatismus?

Ein Abend zur Lage in Ägypten

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 28. Oktober 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Für den gestrigen Sonntag der Weltmission hatte das Internationale Katholische Missionswerk Missio das Brennpunktland Ägypten ausgewählt. In der Katholischen Akademie in Bayern sprach aus diesem Anlass in der vorigen Woche auch Peter Scholl-Latour, der die Region bereits seit sieben Jahrzehnten kennt. Neben einem eindringlichen Appell, nicht die orientalischen Christen zu vergessen und vor dem menschenverachtenden Regime in Saudi-Arabien mit seinem großen regionalen Einfluss auf der Hut zu sein, sparte er 89-jährige auch nicht mit Kulturkritik am Westen.Peter Scholl-Latour, Nahost-Experte und Urgestein der deutschen Auslandsberichterstattung, sieht in der „Schwäche des Westens und dem Verblassen der christlichen Religion“ einen wesentlichen Grund im schwierigen Verhältnis zur islamischen Welt. Beim Gespräch über Ägypten im Umbruch am Dienstagabend in der Katholischen Akademie in München, mitveranstaltet vom Internationalen Katholischen Missionswerk Missio, war er angetreten, die unangenehmen Botschaften an die Adresse der Europäer auszusprechen. „Kreuzritter und muslimische Kämpfer standen sich vielleicht psychologisch näher als der Westen und die islamische Welt heute“, erklärte der 89-jährige Politologe und Arabist. Während die einen unter den Rufen „Deus lo vult“ in den Kampf zogen, antworteten die anderen mit „Allahu akbar“.

Im Orient und sogar im einst so gemäßigten islamischen Indonesien vollziehe sich eine Rückbesinnung auf die Religion teilweise bis hin zur Radikalisierung. „Das steht im krassen Gegensatz zur westlichen Welt, wo es sich gehört, sich über die Religion lustig zu machen“, fuhr er fort. Noch zur Zeit von Napoleons Ägyptenexpedition begegneten sich Orient und Okzident unter anderen Vorzeichen. Im Jahr 1798, als der französische General mit zehntausenden Soldaten in Kairo einzog, wurde er zwar als Ungläubiger angesehen. Aber, so Scholl-Latour, der gefürchtete Korse habe Ansprachen mit der islamischen Formel „Bismillah irrahman irrahim – Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Gütigen“ begonnen.

Bischof Kyrillos William und Peter Scholl-Latour; Copyright: Missio; Fritz Stark

Bischof Kyrillos William und Peter Scholl-Latour; Copyright: Missio; Fritz Stark

Wenn Scholl-Latour so aus der Geschichte erzählt, ist es völlig still unter seiner Zuhörerschaft. Er ist älter als die 1928 gegründete Muslimbruderschaft, kann also über einen beachtenswerten Zeitraum das Zurückliegende selbst überblicken: „Ich bin Gamal Abdel Nasser noch persönlich begegnet“ sagte er und betonte dessen besonderes Charisma. Das Scheitern seines sozialistischen Projekts und die spätere Rückbesinnung einer großen Mehrheit auf die eigenen, religiösen Wurzeln erklärt der Orientkenner mit der Niederlage im Junikrieg 1967. Auch im Land des Gegners, Israel, das mit seinem Präventivschlag siegreich daraus hervorging, wähnte man sich danach stärker im Bund mit Gott. Die Vereinigten Staaten unterschätzten den Faktor Religion fortlaufend: In Afghanistan habe er selbst miterlebt, wie von den USA unterstützte radikalislamische Kämpfer, die noch gegen die Sowjetunion in den Krieg zogen, den Amerikanern den Tod wünschten. Ausdrücklich warnte er vor der Allianz des Westens mit Staaten wie Saudi-Arabien und der Kooperation mit anderen Ländern am Arabischen Golf, deren Versklavung billiger asiatischer Arbeitskräfte er anprangerte.

„Ob Christenheit und islamische Welt jemals zusammenfinden, bleibt weiter fraglich“, war sein Fazit trotz spiritueller Parallelen der beiden Weltreligionen. Eindrücklich schilderte daraufhin Kyrillos William, koptisch-katholischer Bischof von Assiut in Mittelägypten, das interreligiöse Miteinander in seinem Bistum. Nach dem Mord an einem koptisch-orthodoxen Priester vor einigen Monaten dort hatten sich schon 2.000 Muslime bewaffnet in einer Moschee versammelt, als sie fest mit einem Sturm der Rache der Christen rechneten. Jedoch berieten sich die Christen und beraumten daraufhin ein Treffen in einer Kirche mit Vertretern aller muslimischer Gruppierungen an. Einer der radikalen Muslime zeigte sich dort angekommen überrascht, keine Waffen an dem Ort vorzufinden. Der Bischof habe ihm geantwortet: „Doch, wir haben hier eine starke Waffe. Es ist die Liebe“.

Als am 14. August Kirchen, Museen und andere öffentliche Gebäude von Fanatikern in Brand gesetzt wurde, reagierten auch da die Christen besonnen und mieden jede öffentliche Anklage. „Sie wussten, nicht sie waren gemeint, sondern vielmehr ganz Ägypten.“ An einer Kirche hing ein Plakat mit den Worten: „Wir verzeihen“. „Die Christen sind das Licht der Welt. Sie sind das Salz der Erde“, ergänzte William als Begründung.

Seine konsequent pazifistische Haltung zeigt Wirkung: Aufgrund regelmäßiger interreligiöser Begegnungen sei Assiut einer der friedlichsten Orte in Ägypten. „Ich habe bereits fünf neue Kirchen in meiner Diözese gebaut“, versicherte William. Fanatiker hätten dies einmal zu verhindert gesucht, aber ein Telefonat mit dem richtigen islamischen Vertreter habe jede Gefahr abwenden können. „Es ist der Dialog des Lebens. Ein dogmatischer Dialog ist jedoch nicht möglich“, gab der Würdenträger zu bedenken.

Trotz dieser Hoffnungszeichen kommt der Bischof zu dem Schluss: „Die Christen sind immer noch diskriminiert und Bürger zweiter Kategorie.“ Viele Intellektuelle sprächen seit der Revolution von 2011 offen darüber. Auch hätten sich seit dem Zeitpunkt erstmals Christen über ihre Lage geäußert. Sie hoffen inständig darauf, dass im Verfassungskonvent und mit den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr deutlich wird: „Wir sind alle Ägypter, ob Christen oder Muslime.“ In beiden Revolten, Anfang 2011 und in diesem Sommer, hätten Vertreter beider Religionen für „Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und menschliche Würde“ protestiert. Die Revolution 2011 habe damit geendet, dass eine Gruppe, gemeint ist die Muslimbruderschaft, „alles für sich haben“ wollte.

Die kleine bedrängte katholische Kirche am Nil, zu der sich 200.000 Anhänger von mindestens acht Millionen Christen bekennen, ist wegen ihres sozialen Engagements hoch geachtet und bringt beachtliche viele Berufungen hervor. Sie führt immerhin 170 Schulen im Land, deren Schülerschaft – dem landesweiten Bevölkerungsanteil entsprechend – zu 90 Prozent islamisch sei. Allein 45 Frauenorden haben durchschnittlich jährlich 100 Novizinnen. Wohl auch angesichts dieser beachtlichen Früchte stellte Scholl-Latour abschließend fest: „Es ist ein Skandal, dass sich der Westen sich nicht schon früher um die Christen dort gekümmert hat“.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 24. Oktober 2013]

 

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