„Schlagen Sie nicht den Boten“

Zu den kirchenrechtlichen Grundlagen des petrinischen Dienstes

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 30. Oktober 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Auch wenn Papst Franziskus Strukturen im Vatikan umbauen möchte, wird dies nichts daran ändern, dass er unumschränkter Souverän bleibt. Er darf sich über das Kirchenrecht hinwegsetzen und hat von diesem Recht bereits mehrfach Gebrauch gemacht. Seine Entschlossenheit zu Reformen bei gleichzeitigem Bekenntnis zur Entweltlichung reicht offenbar einigen deutschen Theologen noch nicht – als lautete der Name des ersten Papstes nicht Simon Petrus, sondern Simon, der Stuhlkreis.

Mit der Ernennung von Erzbischof Robert Zollitsch zum Apostolischen Administrator des Erzbistums Freiburg und seiner Bestätigung als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat sich Papst Franziskus gleich dreifach über geltendes Kirchenrecht hinweggesetzt, jedoch kirchenrechtlich legitimiert. Das erklärte der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier vor der Eugen-Biser-Stiftung in München. Zollitsch darf bis zum Ende seiner Amtsperiode im März nächsten Jahres angestoßene Projekte weiterführen. Die Entscheidung wurde mit Dankbarkeit aufgenommen. Der Papst ist rechtlich unumschränkter Souverän, begründete Bier seine Ausführungen.

Der Pontifex, absoluter Monarch als Staatsoberhaupt, ist oberste Instanz aller drei Gewalten. „Über ihm kann es Kanon 331 zufolge keine höhere menschliche Gewalt geben“, erklärte Georg Bier, Professor für Kirchenrecht und kirchliche Rechtsgeschichte in Freiburg. Nur der Papst könne etwa ein Konzil einberufen. „Ein Konzil zu fordern wäre nach Kirchenrecht strafbar“, sagte er. Das Kirchenoberhaupt könne von niemandem vor Gericht geholt werden. „Seine theologischen Positionen entziehen sich einer rechtlichen Überprüfung“, erklärte er.

Der Kirchenrechtler war Anfang des Monats von der Stiftung eingeladen, über die innerkirchliche Rechtsstellung des Papstes zu sprechen – unter dem Titel „Einsame Spitze“. Wer jedoch erwartet hatte, dass im Anschluss an den Vortrag über Möglichkeiten und Grenzen eines künftigen Umbaus vatikanischer Strukturen durch Papst Franziskus nachgedacht werden sollte, wurde enttäuscht. Auch eine rückblickende Würdigung des Rücktritts Papst Benedikts XVI. aus Altergründen, der in Anbetracht dieser umfassenden Verantwortung umso weitsichtiger erscheint, blieb aus.

So mag es nicht überraschen, dass auch diesmal eine Diskussion um das Unfehlbarkeitsdogma erfolgte. Dieses sei mit dem Jurisdiktionsprimat des Petrusamtes sachlich verknüpft, erläuterte Bier. Verwirrung über die Bedeutung dieses Lehrsatzes, die weit verbreitet ist, herrschte offenbar auch an diesem Abend. So stellte Bier mehrfach klar: Nur wenn der Papst in höchster Lehrgewalt, also ex cathedra, spricht, gilt er als unfehlbar. Kirchenrechtshistoriker sehen die Bedingungen für eine unfehlbar letztgültig formulierte Glaubensentscheidung maximal viermal überhaupt erfüllt, letztmalig im Jahr 1950. Trotzdem nimmt der Widerstand gegen die Möglichkeit der Irrtumsfreiheit offenbar zu.

Bier betonte, dass auch das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium diese Lehre bestätigte habe. Die Überzeugung der Konzilsväter von den Vollmachten des Papstes fand schließlich Eingang in den Codex Iuris Canonici von 1983, wonach die Bischöfe die Glieder der apostolischen Körperschaft sind, die wiederum auch Träger höchster und voller gesamtkirchlicher Gewalt ist (Kanon 336). Haupt dieser Körperschaft blieb jedoch der Papst. „Das Bischofskollegium kann niemals allein entscheiden.“ Universalkirchliche Mitwirkungsorgane, wie das Kardinalskollegium oder die Bischofssynoden, könnten sich nur die Fragen äußern, zu denen sie vom Papst gefragt werden. „Der Papst kann ihre Ratschläge annehmen, muss er aber nicht“.

Der Pontifex kann dem kanonischen Recht zufolge die Reichweite seiner jeweiligen Zuständigkeiten selbst festlegen, jedoch keine Höchstverantwortung an andere Amtsträger abgeben. Letztlich gehe es um die Frage, wie der Jurisdiktionsprimat möglichst angemessen ausgeübt werden kann. Die umfassenden Befugnisse des Papstes legitimierten schließlich keine Willkürherrschaft. Dem Oberhaupt der katholischen Kirche stehe daher nicht frei, nach eigenem Interesse zu handeln. Stattdessen obliege es ihm, die Kirche nach seinem Gutdünken zu führen, also im Sachinteresse zu entscheiden.

Der Freiburger Kirchenrechtshistoriker schilderte schließlich diese Lehre als Ergebnis einer historischen Entwicklung, bis 1870 das Erste Vatikanische Konzil nicht nur die höchste Lehrvollmacht, sondern auch die oberste Rechtsgewalt des Kirchenoberhauptes feststellte. „Das Kirchenrecht ist Ausdruck theologischer Einsichten und Überzeugungen“, erfuhren die Zuhörer von Bier. Der gültige Codex zeige das Bemühen, die konziliare Ekklesiologie in eine kanonistische Sprache zu übersetzen. Bei den kirchlichen Gesetzen handele es sich letztlich um „geronnene Ekklesiologie“. Dieses Konzept könne nicht einfach verändert werden. Der päpstliche Primat, so räumte Bier ein, sei im ökumenischen Gespräch ein besonders schwieriges Thema.

Zunächst war es nur eine religiöse Vorrangstellung, die der Patriarchensitz von Rom genoss. Erst später und nach und nach ergab sich auch eine rechtliche Vorrangstellung, als sich immer öfter dem römischen Urteil in Streitfragen eine besondere Bedeutung zugemessen und sich darauf berufen wurde. Es war demnach nicht das Ergebnis eines Machtkampfes.

Angesichts der umfassenden Kompetenzen, die letztlich in der Hand eines einzelnen Menschen liegen, setzte Konzilstheologe Karl Rahner noch auf die Macht der Gnade des Geistes Gottes in der Kirche. Möge die Vorsehung einen papa hereticus verhindern. Katholiken vertrauen hier auf die Zusage Jesu in Matthäus 16,18 an Simon Petrus: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Auch Bier nahm auf diese Bibelstelle Bezug. Die Auslegung, derzufolge Jesus, Gottes Sohn, mit diesen Worten den petrinischen Dienst begründete und nach seinem Willen die Kirche darauf aufgebaut werden sollte, gehört zu den Grundprämissen der katholischen Kirchenrechtler.

Bald fand sich Bier aber in einer Diskussion darüber wieder, ob es überhaupt vernünftig sei auszusagen, der Papstprimat sei biblisch begründet. Der Kirchenrechtler sah sich schließlich sich der Behauptung ausgesetzt, eben dieser Primat leiste politischer Machtdemonstration, ja gar Willkür, Vorschub. Der Stiftungsratsvorsitzende der Eugen-Biser-Stiftung, Professor Richard Heinzmann, leitete zur Diskussion mit den Worten über: „Es ist noch viel schlimmer als ich dachte.“ Andere Lesarten von Matthäus 16,18 besagten: „Jesus habe nicht auf die Person des Petrus, sondern auf seinen Glauben abgestellt.“ Die Obrigkeit seiner Nachfolger als Bischöfe von Rom sei damit nicht begründet. Diese Interpretation bezeichnete der katholische Theologe und frühere Vorstand des von Michael Schmaus begründeten Martin-Grabmann-Instituts zur Erforschung der Mittelalterlichen Theologie und Philosophie als „reine Legende“. Der Lehrsatz von der Unfehlbarkeit widerspreche den Gesetzen der Logik.

Er erinnerte in diesem Zusammenhang an Papst Bonifatius VIII. (1294 bis 1303), von dem manche hedonistische oder häretische Aussage überliefert ist. Jedoch ist das Beispiel schwach: Die Zitate wurden nie zweifelsfrei belegt und in die Lehre flossen diese vermeintlichen oder tatsächlichen Äußerungen nie ein. Die Machtfülle des Papstes sei Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung und nicht der Offenbarung, zeigte sich Heinzmann überzeugt. Er warf die Frage auf, ob es nicht Blasphemie sei, sich angesichts dessen auf das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche zu berufen. Heinzmann beklagte schließlich, dass das kanonische Recht die katholische Kirche dominiere. Bier lies den Vorwurf nicht gelten und betonte, die Theologie liege seinem Fach zugrunde. „Schlagen Sie nicht den Boten“, wehrte er sich. Er sehe zwar die Tendenz, dass Debatten in der Kirche mit einem Machtwort beendet würden. Jedoch dürfe keine Seite der anderen von vornherein das logische Denken absprechen.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 17. Oktober 2013]

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Weltkirche - Ökumene veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.