„Die Missionsgnade gibt es“

Ein Gespräch mit Passionistenpater Johannes Rothärmel

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 4. November 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Ein Saal, durch eine breite Fensterfront zum Innenhof des Pfarrhauses gut einsehbar, ist vollbesetzt mit feixenden Teenagern. Ein Pater im schwarzen Habit, darauf ein herzförmiges Emblem mit Kreuz, stimmt eine Melodie an. Die Jugendlichen wenden sich ihm zu. „Ich habe ein Lied vorgesungen, das ich selbst geschrieben habe. Das ist immer ein Eisbrecher“, erklärt Pater Johannes Rothärmel aus dem Kloster St. Gabriel in München-Pasing nach der Gruppenstunde für Firmlinge. Es ist der siebte Tag einer Gemeindemission des Passionistenordens. An insgesamt neun Tagen sammelten sich die Gläubigen der Pfarreigemeinschaft Mariä Himmelfahrt und St. Georg in den niederbayerischen Gemeinden Niederviehbach und Oberviehbach, um ihren Glauben zu vertiefen oder ihn neu zu finden. „Und Kirche zu erfahren, als Gemeinschaft, die stärkt und heilt“, wie der Pater ergänzt.

Pater Johannes Rothärmel; Foto: privat

Pater Johannes Rothärmel; Foto: privat

Aber es ist nicht nur ein Miteinander der aktiven Gemeindemitglieder, sondern zugleich ein Kennenlernen. „Sie treffen ja nicht alle Tage Missionare“, erklärt der junge Passionist schmunzelnd. Die jungen Firmbewerber stellten ihm eingangs erst einmal eine volle Stunde lang Fragen. „Die wichtigste Botschaft, die man ihnen in dem Alter mitgeben kann, ist der, dass Gott nicht einfach ein guter Gedanke oder ein pädagogisches Mittel ist, sondern dass er wirklich lebendig ist.“ Wenn sie diese Botschaft erfasst haben, dann sei schon viel erreicht. Ob durch die Schilderung der Bibel als Wegweiser zum Leben und die Darstellung der Heilsgeschichte in meditativen Bildern – der Pater hat einen Mittag lang Gelegenheit, die jungen Katholiken zum Kerngehalt ihres Glaubens zu führen. „Da habe ich auch mein eigenes Zeugnis mit einfließen lassen“, berichtet er. Freundschaft und das Zusammenleben in der Verschiedenheit gemäß Gottes Willen ist ein weiteres Thema, auf das der Passionist an diesem Tag seine jungen Zuhörer hinführt. „Ich habe das mit einem lustigen Cartoon eingeführt. Die Freude ist immer ein gutes Gewand für so etwas.“

Die Gemeindemission, die die Passionisten anbieten, geht zurück auf den Ordensgründer Paul vom Kreuz (1694 bis 1775). Der italienische Heilige und Mystiker, der die Kontemplation über die Leiden Christi ins Zentrum der Spiritualität seiner Gemeinschaft stellte, war zugleich einer der größten Volksmissionare seiner Zeit. Sein Ziel war es, die in der Passion offenbarte Liebe Gottes zu verkünden. Vor Jahrzehnten, so räumt Pater Johannes ein, war das volksmissionarische Charisma des Ordens für eine Zeit lang in den Hintergrund gerückt. Es sei einfach weniger nachgefragt worden. Inzwischen sehen aber viele wieder, dass klar Bedarf besteht. „Die Pfarrer sind froh, wenn wir kommen können. Das Gleiche noch einmal von jemand anderen erzählt, kann oft eine besondere Wirkung entfalten“, berichtet der 35-jährige Missionar. Auf die Frage, ob sich gerade im Jahr des Glaubens nochmals etwas geändert hätte, entgegnet der Pater: „Wir leben immer in der Verkündigung.“ Die Menschen dächten aber mehr über den Glauben nach, eine Chance, die die Passionisten gerne nutzen.

Die Patres der Klöster in München-Pasing und im oberpfälzischen Schwarzenfeld nehmen seit fünf Jahren Einladungen von Pfarrgemeinden vier- bis sechsmal im Jahr an. „Ein halbes Jahr vorher beginnen die Vorbereitungen“, fährt der Pater fort, wohl um seinem Gegenüber eine Vorstellung vom Aufwand des einwöchigen Programms mit Vor- und Nachbereitung zu vermitteln. Gemeindemission bedeute nicht nur, als Prediger eine Pfarrei- oder Pfarreiengemeinschaft zu besuchen: Die Missionswoche soll schließlich kein Strohfeuer sein, sondern im Glaubensleben nachwirken. Es kommen fünf Angehörige des Ordens, unterstützt durch Laienmissionare. Einer von letzteren befasst sich hauptamtlich mit Glaubensseminaren und kann seinen Rat im Hinblick darauf weitergeben. So wird klar: Jeder Getaufte ist zum Christuszeugnis berufen. „Wir sind auch schon mit Jugendlichen im Rahmen der Gemeindemission zu Nightfever gefahren“, berichtet Pater Johannes. Neben dem Programm besuchen sie die Gemeindemitglieder auch zu Hause. „Wir werden dabei oft gefragt, ob wir die Zeugen Jehovas sind“, berichtet der jugendlich wirkende Ordensmann. „Aber wir versuchen, wirklich bei den Menschen zu sein“, erklärt er. Die Frage, ob tatsächlich auch Glaubensgespräche an der Haustür zustande kämen, beantwortet der Pater mit einem kräftigen: „Ja, unbedingt“.

Voraussetzung für ihren Besuch in der Gemeinde ist die Einladung durch eine deutliche Mehrheit dort selbst. „Wir kommen dahin, wo wir willkommen sind, wo unser Dienst geschätzt wird.“ Ihnen ginge es darum, Gemeinden auf ihrem Glaubensweg zu bestärken und zu motivieren, nicht zu polarisieren oder etwas durchzusetzen. Trotzdem sei er regelmäßig überrascht, wieviel Vertrauensvorschuss ihnen entgegengebracht werde. „Das muss man erlebt haben, was da für eine Offenherzigkeit besteht“, betont Pater Johannes. Die Menschen verrieten häufig ganz persönliche Dinge über sich.

„Oft ergibt sich das Geschenk, dass sich Einzelne, die der Kirche fern standen, wieder neu öffnen“, verrät der Pater über die Früchte ihrer Arbeit. „Ja, die Missionsgnade gibt es.“ Er staune selbst immer wieder über die Erfahrung, wie stark Gott bei der Verkündigung mitwirke. „Bei den Hausbesuchen erlebe ich oft, dass man genau den Satz sagt, der einen Denkprozess auslöst.“ Eine weitere Gelegenheit, freimütig Fragen zum Glauben zu stellen bieten die Aussprachen nach den Gottesdiensten. Als „handfeste Verkündigung, die ins Leben hinein übersetzt“ bezeichnet der Pater lächelnd den Stil der relativ jungen, meist spät berufenen Missionare.

Pater Johannes Rothärmel selbst war Groß- und Außenhandelskaufmann, als er vor mehr als zehn Jahren den Ruf verspürte, Ordensmann und Priester zu werden. Schon vor dreißig Jahren erlebte er als Kind mit, wie seine Eltern einen Wandel vom Kulturkatholizismus hin zu einer persönlichen Gottesbeziehung vollzogen, ausgelöst durch Exerzitien. Seine Mutter steckte ihn mit der Freude fürs Rosenkranzgebet an. „Ich spürte dabei die Nähe zu Gott“, erinnert er sich. Dieser lebendige Glaube der Kindheit wich in der Pubertät offenbar recht diesseitigen Leidenschaften als Antriebskraft. „Ich führte ein lautes Leben“, bekennt er. Sport, Musik, Parties und Beziehungen. „Ich suchte nach Erfüllung meines Herzens“, erinnert er sich.

Der gebürtige Ostallgäuer spürte, dass dabei noch etwas Wesentliches fehlte. „Ich bin Irrlichtern hinterhergelaufen. Und doch hat mir Gott durch ein Bekehrungserlebnis eine große Gnade geschenkt“, weiß er heute zu erzählen. An einem Novemberabend des Jahres 1998 spürte er auf einmal intensiv Gottes Gegenwart, wie als sei er als stiller Besucher zu ihm gekommen. „Ich habe eine so tiefe Liebe Gottes, der mich gefunden hat, gespürt“, berichtet er. Ganz allmählich wurde nach diesem Erlebnis immer deutlicher, dass nicht nur die Gnade des Glaubens, sondern auch die der Berufung zum Priester, ja zum Menschenfischer, auf ihn wartete.

Missionarisches Wirken in Zeiten schier unüberschaubarer spiritueller Angebote bedeutet auch, besonders auf die Unterscheidung der Geister hinzuarbeiten: Auf dem Programm des vierten Besuchstags fällt der „Themenabend zur Esoterik“ auf. Es ist ein Punkt, mit dem die Passionisten auf die Bedürfnisse der Gläubigen eingehen. „Die Seelsorger stellen fest, dass sich viele nach Gesundheit oder Heil Suchende zunächst einmal in solche Wege hinein verirren“, berichtet er. „Wir bringen einen Überblick und liefern Kriterien, um ihnen Erfahrungen zu ersparen, die uns beinah täglich Menschen zutragen.“ Auch dabei sei das persönliche Zeugnis Einzelner entscheidend, die die Engführungen und Widersprüche selbst schon aufgedeckt haben. Als den Höhepunkt der Woche betrachten die meisten Gläubigen Pater Johannes zufolge die feierlich gestaltete Anbetung nach dem Vorbild des Nightfever, ein Moment, in dem die Missionare schließlich in den Hintergrund treten. „Wir möchten durch die Begegnung mit dem Herrn selbst zeigen, dass die Kirche wirklich der Raum der Heilung sein kann“, erklärt der Ordensmann.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 10. Oktober 2013]

 

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