Mission in der Stadt

200 Seminaristen laden persönlich zur Heiligen Messe ein

Von Michaela Koller

REGENSBURG, 19. November 2013 (Vaticanista/KNA).- Es gehört viel dazu, fremde Passanten am Gehsteig auf den Glauben anzusprechen. Der polnische Franziskaner Bruder Adam Czyz nimmt all seinen Mut zusammen, übt noch einmal halblaut den deutschen Satz, den er gerade erst gelernt hat. In seinem braunen Habit geht der zierliche Priesterseminarist mit den blonden Locken auf zwei Frauen mittleren Alters am Rande des Regensburger Stadtparks zu. Eine blickt verdutzt, kräuselt die Stirn: „Grüß Gott. Das hier ist eine Einladung für Sonntag“, sagt er, indem er ihnen eine Karte mit Hinweisen auf die sonntäglichen Heiligen Messen überreicht. Ihr Blick hellt sich auf, beide Damen bedanken sich höflich, lächeln.

„Bruder Adam strahlt so eine Freundlichkeit aus“, kommentiert Ramon Rodriguez. Der Oberpfälzer ist ebenfalls Seminarist, im Vorkurs des Priesterseminars St. Stephan in Passau. Zusammen mit Bruder Adam, der derzeit in Eichstätt studiert, sind beide Teilnehmer des bayerischen Seminaristentags in Regensburg. Straßenmission stand in diesem Jahr erstmals auf dem Programm. Ein bislang einmaliger Schnupperkurs außerhalb des geschützten Raumes von Kirche und Sakristei. Ein Experiment, dessen Ausgang nicht vorhersagbar ist. Mit der dankbaren Reaktion der zwei Frauen hatten Czyz und Rodriguez eigentlich nicht gerechnet.

Das Jahr des Glaubens neigt sich dem Ende zu und die Regenten (Leiter) von zehn Priesterseminaren beschlossen, sich aus diesem Anlass mit dem Thema Stadtmission zu beschäftigen, darunter sieben bayerische Priesterausbildungsstätten, dem Seminar in Speyer, dem Herzoglichen Georgianum in München sowie dem Collegium Orientale in Eichstätt. Und das tun sie nicht nur theoretisch. Bruder Adam konnte vielleicht durch seine Persönlichkeit wettmachen, was ihm nach nur fünf Wochen Deutschkurs noch an Sprachkenntnissen fehlte. Viel Mut benötigen aber alle der rund 200 Seminaristen.

Foto: Otto Neubauer; Copyright: Jakob Schoetz, Bistum Regensburg

Foto: Otto Neubauer; Copyright: Jakob Schoetz, Bistum Regensburg

„Wenn man sich dem aussetzt, passiert etwas, das man nicht im Griff hat“, warnt Otto Neubauer von der Gemeinschaft Emmanuel. Der Leiter der Akademie für Evangelisation in Wien ist eingeladen, die Seminaristen zu motivieren. Er kann aber mit keiner ausgeklügelten Strategie aufwarten und auch mit keinem Erfolgsslogan. „Mission muss absichtslos sein“, sagt er. Neubauer rät auch zu einem „Höchstmaß an Transparenz“. Der sechsfache Familienvater wird an diesem Tag vom gastgebenden Regens Martin Priller als der Mann vorgestellt, der 2011 vor Papst Benedikt XVI. beim Schülerkreistreffen in Castelgandolfo erklären durfte, was Neuevangelisierung ganz praktisch bedeutet. Er spricht offen über seine eigenen Ängste und schildert Zeugnisse von erfahrenen Priestern, darunter Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien. Mutig habe der Hirte Neubauer gebeten, ihn zur Straßenmission mitzunehmen. Demütig wurde der Purpurträger, als Passanten seine Einladung in die Kirche schlicht ignorierten. „Es kann keine Mission geben ohne Herabstieg“, kommentiert Neubauer. „Auch mich demütigt es jedes Mal.“

Richtig niederschmetternd ist aber an diesem Samstagnachmittag keine der Begegnungen. „Viele freuten sich, angesprochen worden“, schreibt ein Seminarist hinterher an die Tafel unter ein großes Pluszeichen. Auf der Tafel mit dem großen Minus steht jedoch: „Häufig keine Diskussion erwünscht“. Diese Erfahrung teilten schließlich auch Bruder Adam und Ramon Rodriguez, die erleichtert aufatmeten, als sie in den Mülleimern keine ihrer Einladungskarten finden können. Und vielleicht haben die Angesprochenen die Karten nicht nur aus reiner Höflichkeit mitgenommen.

Es sei allein wichtig, so sprach Neubauer den emeritierten Papst zitierend, sich in den „Vorhof der Heiden“ zu wagen und zuzuhören. Einer der Seminaristen steht auf und berichtet, dass er einmal Gegenwind erfuhr. Ein Mann gestand ihm, die Kirche sei für ihn „kein Thema mehr“. Auf Nachfrage berichtete dieser, als junger Mensch von einem Priester missbraucht worden zu sein. Der Seminarist hörte ihm einfach nur zu. „Er hat mir dann sein Herz ausgeschüttet.“

Auf die Frage, ob die Kirche sich künftig auf diese Weise mehr zu den Menschen hinauswagen sollte, antwortete der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer: „Wenn ein Priester durch seine Kleidung erkennbar ist, ist dies ein Bekenntnis.“ Ebenso seien aber auch Laien zur Evangelisierung aufgerufen. Wie konnte das deutlicher werden, als an diesem Tag, an dem angehende Priester vom Laien Neubauer zu hören bekamen: „Es gibt diese Sehnsucht in den Menschen, wirklich glauben zu können.“

[Erstveröffentlichung: © KNA, 17. November 2013]

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Bewegungen - Initiativen, Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.