Weckruf für ein starkes christliches Europa

40. Paneuropa-Kongress zu Gast in Altötting

ALTÖTTING, 14. Mai 2014 (Vaticanista/Die Tagespost/mk).- Die Ruf nach einem starken, geeinten Europa auf klar erkennbarer christlicher Grundlage ist die zentrale Botschaft des Jahreskongresses der Paneuropa-Union am ersten Maiwochenende in Altötting gewesen. Vor 200 Gästen der ältesten europäischen Einigungsbewegung aus 23 Nationen nannte EU-Kommissar Günther Oettinger die Zukunft der Ukraine in Selbständigkeit eine Schicksalsfrage für Europa.

Oettinger schätzt, dass mindestens zehn Jahre wirtschaftliche und politische Kraftanstrengungen notwendig seien. „Haben wir dafür die Geduld, oder kippen wir weg?“, fragte er.“ Wenn die EU es nicht schaffe, neben absteigenden USA und einem aufsteigenden China dauerhaft zur dritten Macht zu werden, sei sie verurteilt, bald ein „“Wurmfortsatz Asiens““ zu sein. Die Europäer müssten Werte exportieren: „„Das geht aber nur mit europäischem Briefbogen, nicht nationalstaatlich zersplittert.““

Als „Weckruf für Europa“ wertete der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, die Ukraine-Krise. Bei Pressekonferenz der 40. Paneuropa-Tage forderte Posselt die Schaffung eines Europäischen Außenministeriums, einer Europäischen Friedenstruppe und einer Europäischen Energieunion als Antwort „auf die russische Aggression am Ostrand Europas“. Der neugeschaffene Europäische Auswärtige Dienst habe hochqualifizierte Mitarbeiter und EU-Botschafter in aller Welt. Er sei daher geeignet, den Kern eines echten Europäischen Außenministeriums zu bilden. Scharfe Kritik übte er an der EU-Außenbeauftragten Lady Catherine Ashton, deren Amtsführung er als „miserabel“ bezeichnete und nach den Europawahlen am 25. Mai abgelöst werden sollte. Er warnte davor, dass Europaparlament durch politische Zersplitterung oder extremistische Protestparteien zu schwächen.

Die wichtigste Konsequenz aus den russischen Übergriffen auf die Ukraine müsse die Schaffung einer Europäischen Energieunion sein, die Europa in möglichst großen Schritten von Russland und von dem von Putin gelenkten Energieriesen Gazprom unabhängig mache. Das Bündel von Maßnahmen solle von verbesserter Energieeffizienz, vor allem in Altbauten, über die massive Förderung erneuerbarer Energien bis hin zur verstärkten Nutzung von Flüssiggas aus Übersee reichen. Entsprechende Terminals seien derzeit im Bau, etwa im neuen EU-Mitgliedstaat Kroatien, für dessen Beitritt sich die Paneuropa-Union immer besonders intensiv eingesetzt habe.

Die Familienpsychologin Consuelo Gräfin Ballestrem warb für die Rückbesinnung auf den christlichen Glauben als ethischer Grundlage Europas, der Papst Benedikt XVI. zufolge Vernunft und Religion „in einem echten Realismus“ zusammenbringe. Geistiger Relativismus unterminiere auch das Recht: „“Was heute eine Mehrheit sagt, lehnt morgen eine andere ab.“ Der CSU-Landtagsabgeordnete Martin Huber, der im Umweltausschuss des Bayerischen Landtages tätig ist, meinte Politiker könnten durch ihre Standpunkte Zeugnis geben. So sei etwa der Einsatz für die Umwelt als „Verantwortung vor der Schöpfung“ ein „Urmotiv christlicher Politik“. Ein nachhaltigeres Wachstum sei notwendig.

Marian Offman, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, begründete sein leidenschaftliches Plädoyer für die Religionsfreiheit mit der Geschichte seiner Familie: „“Wenn wir am Schabbat in die Synagoge gingen, schob ich mein Gebetbuch unter den Mantel und trug statt des Hutes eine Mütze, um nicht aufzufallen. Mein Vater und andere trugen Buch und Gebetsschal in einer Plastiktüte.“ Das habe mit der Errichtung des jüdischen Zentrums am Münchner Sankt-Jakobsplatz geändert. „Wir waren in die Mitte der Stadt verpflanzt und konnten erhobenen Hauptes in die Synagoge gehen, wie die Christen in die Jakobskirche nebenan“.“ Wenn er sich als Münchner CSU-Stadtrat rechtsextremen Demonstrationen gegen ein Islamisches Zentrum in der Innenstadt entgegenstelle, werde er mit einer Flut anonymer antisemitischer E-Mails überschüttet. Religion dürfe nicht aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden.„

Robert Antretter, langjähriger SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe, ging es vor allem um das Lebensrecht. Er nannte die Europäische Bürgerinitiative „“Einer von uns““ als erster Initiative zur Verteidigung des Lebensrechts von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Antretter deckte Widersprüche der Politik auf: Auf der einen Seite steht das Bekenntnis zu den behinderten Menschen in allen politischen Bereichen. Im Gegensatz dazu stehen die Präimplantationsdiagnostik, die Behinderte aussondere, sowie Eingriffe an nicht einwilligungsfähigen Personen in der Forschung. Aus Umfragen gehe hervor, dass 92 Prozent der betroffenen Eltern ihr behindertes Kind „als Mittelpunkt der Liebe in ihrer Familie“ bezeichneten. Das habe ihn erschüttert, weil es ebenfalls 92 Prozent der ungeborenen Kindern mit Down-Syndrom seien, die abgetrieben würden.

Der Geschäftsführer der Stiftung „Ja zum Leben“, Manfred Libner, schilderte die Arbeit seiner Stiftung, die nicht hinnehmen wolle, dass in Deutschland jährlich mehr als 100.000 Kinder laut offiziellen Meldungen aus Not abgetrieben würden. Da die betroffenen Frauen sich häufig anonym in Frauenforen und Chatrooms im Internet äußerten, versuchten die Beraterinnen der Initiative 1000plus, an der die Stiftung beteiligt ist“, sie dort zu kontaktieren. Eine ungewollte Schwangerschaft könne einen Schock auslösen und die Lebensplanung über den Haufen werfen. Die Aufgabe der Beraterinnen sei es, durch Begleitung und Hilfsangebote den Frauen eine freie Entscheidung überhaupt erst zu ermöglichen. Diese falle bei 70 Prozent der von 1000plus Beratenen für das Kind aus. Laut Libner hat die ideologische Fixierung in der Abtreibungsdiskussion im Vergleich zu vor 30 Jahren abgenommen. Dies eröffne neue Möglichkeiten. Dass das menschliche Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginne, sei als einfache naturwissenschaftliche Tatsache auch für viele Nichtgläubige einsichtig.

Die Journalistin und Autorin Birgit Kelle, Vorsitzende von „Frau 2000plus“, warnte davor, neue Menschenrechte, etwa das auf Abtreibung zu erfinden.“ Es müsse geklärt werden, „wer die Deutungshoheit hat und auf welchem Fundament die Europäer eigentlich stehen.“ Wo alles möglich sei, werden die Lautesten oder die mit der stärksten Lobby die Richtung bestimmen, befürchtet Kelle. Deshalb müsste die Gesellschaft einen gemeinsamen Nenner finden. Mit Blick auf eine verbreitete Angst vor dem Islam sagte sie: „„In manchen fundamentalen Fragen sind wir uns einig, in anderen nicht.““ Deshalb habe sie sich auch gegen das Verbot des Kopftuchs eingesetzt, wenn die Frau es freiwillig als Symbol ihres Glaubens trägt. „Wir öffnen sonst das Tor, um auch den christlichen Glauben zurückzudrängen, denn hier geht es um das Zurückdrängen aller Religionen“.“

Kelle rief die Christen auf, ihre Anliegen nicht verschämt zu verschweigen. Das Geschaffensein als Mann oder Frau sei ebenso wenig „nur eine Fessel“ wie die Familie, die ein starkes Fundament der Gesellschaft sei. Dirk Hermann Voß, Vizepräsident der internationalen und der deutschen Paneuropa-Union, appellierte an Christen und Juden, in der dritten großen monotheistischen Religion, dem Islam, auf vielen Gebieten einen wichtigen Verbündeten zu erkennen. Die Angst vor der Stärke des Islam sei oftmals nur Ausdruck des Gefühls der eigenen Schwäche. Wer fest auf dem Boden seiner Überzeugung stehe, könne auch offen und tolerant den Dialog mit Andersdenkenden suchen. Deshalb sei es notwendig, sich der von Papst Benedikt XVI. kritisierten „Diktatur des Relativismus“ entgegenzustellen.

Der ehemalige Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger, Vorsitzender des Instituts der Regionen Europas, kritisierte, dass bei EU-Erweiterungen gegenüber den Bewerbern vielfach nur von wirtschaftlichen Vorteilen und Förderungen gesprochen werde.„Die Europäische Union ist aber essentiell eine Wertegemeinschaft.““ Er zitierte den ursprünglich kommunistischen polnischen Denker Leszek Kolakowski: Ein Europäer, der das Christentum verleugne, stelle „sich außerhalb seiner eigenen Kultur.“

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