„Ich habe immer wissen wollen: Was ist wirklich wahr?“

Interview mit Bischof Oster von Passau

PASSAU, 7. Dezember 2014 (Vaticanista/PUR-Magazin).- Bischof Dr. Stefan Oster SDB (49) ist seit 24. Mai der Oberhirte der Diözese Passau. Er arbeitete als Journalist, bevor er spät berufen 1995 in den Salesianerorden eintrat. Auf der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im September in Fulda wurde er in die Medienkommission berufen. Michaela Koller sprach mit ihm über die Weitergabe des Glaubens, die Rolle katholischer Medien dabei sowie seinen eigenen Glaubensweg.

Herr Bischof, die Informationsweitergabe über Vorgänge in der Kirche funktioniert hierzulande hochprofessionell und von den Bischöfen finanziell unterstützt. Jedoch, so lautet Kritik, komme darin die Glaubensweitergabe zu kurz. Der Vorsitzende der Medienkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Fürst, hat angekündigt, finanziell und personell investieren zu wollen. Was ist da Ihre Vision?

Bischof Oster: Was die Vermittlung von Glaubensinhalten angeht, bin ich nicht so optimistisch, dass die Medien da allzu viel helfen könnten. Authentische Glaubensvermittlung ereignet sich doch fast immer durch das gelebte Zeugnis von Person zu Person. Die mediale Vermittlung ist nicht unwichtig, kann aber wohl immer nur hinführen. Wenn jemand vom Glauben berührt worden ist, dann liest er etwas, das ihn bestärkt und weiterkommen lässt. Ich glaube nicht, dass es automatisch einen großen Schub für die Weitergabe des Glaubens geben würde, wenn wir in unsere Medien viel investieren, um darin mehr katholische Inhalte zu bringen.

Das Wichtigste sind die Neuevangelisierer selbst, also Personen, die glaubwürdig sind und aus der Begegnung mit dem Herrn leben, die Sprach- und Deutungskompetenz haben. Ich sehne mich danach, dass es viele Menschen mit Feuer gibt, die sagen: „Ich habe etwas erlebt und kann davon erzählen“ Ich finde, es gibt kaum Wichtigeres heute, als Menschen in die Erfahrung zu helfen, dass es möglich ist, von Christus berührt zu werden, existentiell in die Tiefe zu kommen und daraus sein Leben zu gestalten.

Copyright: Pressestelle Bistum Passau; Monika Zieringer

Copyright: Pressestelle Bistum Passau; Monika Zieringer

Sie haben in Passau den Gebetskreis „Believe and Pray“ ins Leben gerufen, um jungen Menschen ein Angebot zur Glaubensvertiefung zu ermöglichen, gestaltet mit Liedern, Lobpreis und Stille, einem Impulsreferat von Ihnen und anschließender Gesprächsrunde.

Bischof Oster: Ich durfte [mit dem Gebetskreis God for you[th] im Kloster Benediktbeuern, Anm. d. Red] eine Erfahrung machen, die mir in den letzten Jahren geschenkt worden ist. Nun habe ich hier ein paar Leute eingeladen, um mit mir darüber nachzudenken, was von der Erfahrung hier in Passau fruchtbar werden kann.

Schämen sich Christen in der Öffentlichkeit zu oft für ihren Glauben?

Bischof Oster: Das ist ein grundsätzliches Problem, denn als Gläubiger bekennt man sich ja in seiner Abhängigkeit von Gott. Der Glaube macht auch demütig. Aber Abhängigkeit und Demut sind keine Werte, die in unserer Gesellschaft angesehen wären. Und dann zu sagen: Ich bin jemand, der an Christus und an die Inhalte der Heiligen Schrift glaubt, erfordert Mut. Das ist schon ein Thema des Neuen Testaments selbst: Es ist der Geist Gottes, der die Jünger an Pfingsten erweckt und sie innerlich stärkt zu bekennen und die Türen aufzumachen. In dem Maße, in dem wir also versuchen, mit dem Geist Gottes zu leben, in dem Maße wächst uns der Mut für das Bekenntnis zu. Und hoffentlich auch das Gespür dafür, wann ich wem etwas wie sagen kann.

Sie haben seit Ihrer Bischofsweihe schon zahlreiche Interviews gegeben, jedoch beklagten kürzlich beim Kongress von Renovabis katholische Journalisten, die Bischöfe zeigten zu viel Angst im Umgang mit den Medien. Wie erklären Sie sich das?

Bischof Oster: Vielleicht gibt es eine Mehrheit unter deutschen Journalisten, die stärker kirchenkritisch eingestellt ist. Es ist dann nicht so ganz einfach, sich permanent kritischen Fragen zu stellen, wenn man das nicht geübt hat. Dann kann schnell mal der Verdacht aufkommen, dass Journalisten eher meine Gegner sind, weil sie kritisch über mich geschrieben haben. Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn man Journalisten offen und vertrauensvoll begegnet, dann wird einem das in der Regel auch zurück gezahlt.

Wie denken Sie als neues Mitglied der Medienkommission der Deutschen Bischofskonferenz über eine weitergehende Zusammenarbeit mit glaubenstreuen privaten katholischen Medien?

Bischof Oster: Vereinzelt gibt es diese Kooperationen. Ob es diese nun im großen Stil in der Bischofskonferenz geben wird, das glaube ich nicht. Dazu verlässt man sich auf die eigenen Medien. Es ist ja nicht so leicht, 27 Diözesen unter einen Hut zu bringen und zu sagen: Wir arbeiten jetzt mit diesem oder jenem Unternehmen zusammen.

In Glaubensfragen stehen Sie auf Facebook selbst Rede und Antwort. Neuesten medienwissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge wird die Lektüre durch mobile Nutzung stark auf die sozialen Netzwerke verlagert. Setzen Sie sich für ein Social-Media-Apostolat ein?

Bischof Oster: Ich bin noch dabei auszuprobieren und schon jetzt erstaunt, was da möglich ist und auch von anderen Medien wahrgenommen und aufgegriffen wird. Ich bin auch überrascht, dass je nach kirchenpolitischer Brisanz auch längere Texte wahrgenommen und gelesen werden. Ich habe einen guten Eindruck, sehe aber, dass es auch gefährlich ist.

Inwiefern?

Bischof Oster: Der Bischof positioniert und exponiert sich dabei unmittelbar und sofort. Es ist ja manchmal so, dass in der Diözese oder in kirchenpolitischen Angelegenheiten erst einmal Prozesse der Meinungsbildung stattfinden und am Schluss sagt dann der oder sagen die Bischöfe auch Klärendes dazu. Die Unmittelbarkeit birgt die Gefahr, dass man mal unüberlegtes Zeug erzählt oder dass der schnelle so genannte Shit-Storm folgt. Ich mache mich dadurch angreifbarer, denn ich habe gerade am Anfang auch Diskussionen über kirchenpolitische Themen geführt. Wenn man aber Angst hat, dann ist es noch schlechter. Ich bin überzeugt, wir haben etwas zu sagen, sogar die beste Botschaft der Welt und die darf man richtig unter die Leute bringen – auch auf den Wegen, auf denen sie die Menschen heute lesen wollen.

Haben Sie Ihren Kurs bereits geändert? Es sind auf der Seite inzwischen weniger Diskussionen zu lesen als zu Beginn…

Bischof Oster: Das hängt vor allem damit zusammen, dass mir die Zeit im Alltag fehlt, die ich dafür aufwenden müsste. Texte wie die über die Morallehre entstanden in der Zeit, als ich Urlaub hatte.

Hat es mit vereinzelten Reaktionen zu tun? Auf bestimmte Themen gehen einzelne Kreise stärker ein…

Bischof Oster: Das ist mir auch nicht so ganz recht. Ich merke schon, dass manches „Lager“ mich gerne vereinnahmt, wenn ich mich klar äußere. Medien polarisieren ebenfalls und so stehe ich schnell in einer bestimmten Ecke. Ich meine aber, dass das, was wir glauben, für jeden da ist. Ich will grundsätzlich ja mit allen ins Gespräch kommen und nicht nur mit solchen, die sich vor allem bestätigt wissen wollen.

Sie haben in einer Stellungnahme erklärt, Sie möchten die Vernünftigkeit unseres Glaubens zeigen. Warum ist es denn vernünftig zu glauben?

Bischof Oster: Zunächst einmal ist der Glaube in sich vernünftig. Gott ist die Wahrheit. Es gibt keine Wahrheit in der Welt, die sich nicht letztlich auf Gott zurückführen lässt. Sogar jede Wahrheit der Mathematik und der Naturwissenschaften ist in bestimmter Weise auch darauf bezogen, dass Gott die Wahrheit ist. Wir glauben auch, dass Gott mit den Mitteln der Vernunft erkennbar ist. Der katholische Glaube kommt in seiner Hochschätzung der natürlichen Vernunft sehr weit. Das heißt nicht, dass wir Gott mit den Mitteln der Vernunft restlos einholen können. Der Glaube ist übervernünftig, aber eben nicht widervernünftig.

Sie haben selbst durch das Studium der Philosophie Ihren Glauben neu und tiefer entdeckt….

Bischof Oster: Ich habe immer wissen wollen: Was ist wirklich wahr? Ich habe meinen Studenten immer gesagt: Glaubt, dass es Wahrheit gibt und hört nicht auf, sie zu suchen und zwar auch im Bereich von Überzeugungen und ethischen Einstellungen. Nehmt einmal mit Eurer kritischen Vernunft die Dinge auseinander und glaubt nicht nur, weil es Eure Mutter gesagt hat, dass es richtig sei. Das waren auch meine Suchwege. Ich hatte immer das Glück, Menschen gefunden zu haben, die berührt sind. Menschen, die mir eine Tür geöffnet haben, durch die ich hindurch gegangen bin. Wenn man einmal erkannt hat, dass Christus selbst die Wahrheit in Person ist, und sich entschlossen hat, dazu ja zu sagen, dann kann dieser Herrschaftswechsel (ein Wort Kierkegaards) in seiner Seele kaum mehr rückgängig gemacht werden. Ich bin daher auch jederzeit bereit, mich der Herausforderung kritischer Anfragen zu stellen.

Sie scheuen auch nicht den direkten Dialog mit Andersgläubigen und Agnostikern?

Bischof Oster: Mit einem ernsthaft Suchenden, der nicht glaubt und das begründen kann, diskutiere ich im Grunde lieber als mit jemandem, der gar nicht weiß, warum er glaubt. Ernster nehme ich den Ersten, auch wenn er zu einer anderen Überzeugung kommt.

Sie haben vorhin vom Feuer des Glaubens gesprochen. Durch die Begegnung mit dem Philosophen Ferdinand Ulrich fingen Sie selbst Feuer….

Bischof Oster: Unter anderem ja. Er ist ein sehr wichtiger Mann auf meinem Weg.

Können Sie ihn als Menschen beschreiben?

Bischof Oster: Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Ferdinand Ulrich in Seminaren an der Uni Regensburg. Da saß ein weiser älterer Herr mit weißem Haar und eindringlichen Augen, gütig blickend. Man hatte das Gefühl, er schaue einem ins Herz. Er ist mir im Lauf der Jahre immer mehr Begleiter in vielen wichtigen Fragen geworden, später auch in dieser Umbruchkrise meines Lebens. Ich hatte immer das Gefühl, in der Begegnung mit ihm kommt man sich selbst tiefer auf die Spur.

Sie sagten, dass der katholische Glaube höchste Ansprüche erfüllt hinsichtlich Wahrheit, Tiefe und Schönheit. Was macht denn die Schönheit des katholischen Glaubens aus?

Bischof Oster: Die Schönheit ist die Gestalt Jesu. [Oster denkt kurz nach.] Wenn in der Heiligen Schrift der Vorhang aufgeht und die Propheten in den Himmel schauen, dann sieht man da Menschen, die immerfort Gott Lob singen und preisen, weil sie ihn unfassbar schön finden. Sie jubeln nicht, weil sie es müssen, sondern weil ihnen das Herz überfließt und sie ergriffen sind. Ich finde die Gestalt Jesus von Nazareth unglaublich schön, im Sinne der Einheit von Wahrheit, Freiheit, Güte. Ich glaube nicht, dass ich in dieser Welt irgendwas finden könnte, das ich schöner fände, wo mir das Herz mehr überfließt.

[Das Interview ist in der Ausgabe Dezember 2014 des PUR-Magazins erschienen.]

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