Türkei hat noch Nachholbedarf in der Religionsfreiheit

Interview mit Simon Jacob und Thomas Volk, Vorsitzender bzw. Beirat des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD)

MÜNCHEN, 8. Dezember 2014 (Vaticanista/ZENIT.org).- Nach der Rückkehr von Papst Franziskus aus der Türkei haben orientalische Christen in der Diaspora die große symbolische Bedeutung der Reise für Ökumene begrüßt. In einem Gespräch mit Michaela Koller setzte der Vorsitzende des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD), Simon Jacob, darauf, dass dieser Papst die Christenheit intensiver zur Zusammenarbeit bewegen könne. Der Beirat des Vereins, Thomas Volk, auch Koordinator für Islam und Religionsdialog der Konrad-Adenauer-Stiftung, sieht gerade in puncto Religionsfreiheit in der Türkei noch deutlich Verbesserungsbedarf. In Deutschland gehören rund 200.000 Christen einer altorientalischen Kirche an, Angaben des Zentralrats zufolge. Der Papstbesuch stand im Spannungsfeld zwischen der Frage nach der Erweiterung der Religionsfreiheit, der kritischen Situation durch den Zustrom von Kriegsflüchtlingen aus den Nachbarländern der Türkei, Differenzen in den Erwartungen an den interreligiösen Dialog sowie in erster Linie der Ökumene als Hauptanliegen des Bischofs von Rom, Themen zu denen beide Gesprächspartner Rede und Antwort standen.

Bei seinem Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten hat Papst Franziskus volle Religionsfreiheit angemahnt. Was ist Ihre Prognose: Wird sich dieser davon beeindrucken lassen?

Jacob: Nach außen wohl kaum. Es würde auch nicht in die politischen Gegebenheiten einer Kultur passen, in der ein Staatslenker Entschlossenheit demonstrieren muss. Besonders wenn es um die Religion geht und die Tatsache, dass der Islam sich nach der Stärke sehnt, die er einst hatte. Nach innen kann das wieder ganz anders aussehen.

Volk: In der Türkei herrscht offiziell Religionsfreiheit. Gleichwohl gibt es in der praktischen Umsetzung, z.B. bei der Gleichbehandlung von Aleviten in der türkischen Gesellschaft noch Nachholbedarf. Auch im Hinblick auf die Tatsache, sich heute als christlicher Priester nicht in der Türkei selbst ausbilden lassen zu können oder die Religionszugehörigkeit in Dokumenten wie Reisepass und Personalausweis nur mit erheblichem bürokratischem Aufwand ändern zu können, gibt es noch Verbesserungsbedarf.

Welche Chance sehen Sie in der Begegnung des Papstes mit Flüchtlingen?

Jacob: Die einzige Chance für die Flüchtlinge besteht darin, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Schon jetzt nehmen die Spannungen in der Türkei auch aus wirtschaftlichen Gründen zu. Die Bevölkerung, besonders in den Ballungsgebieten, wird das nicht auf Dauer hinnehmen.

Volk: Zuerst ist es ein positives Symbol der Anerkennung der Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge, dass er sich mit ihnen getroffen hat. Wie auch schon bei anderen Begegnungen stellt Franziskus das Schicksal von Armen, Bedrängten und Ausgegliederten in den Mittelpunkt seines Pontifikats und unterstreicht, dass diese Menschen die Solidarität benötigen. Viele dieser Flüchtlinge sind schließlich Christen, die auch in ihren Ländern als Christen Leben können möchten.

Welche Bedeutung hat denn die ökumenische Begegnung für orientalische Christen in der Diaspora?

Jacob: Eine sehr große, jedenfalls symbolisch betrachtet, betrat der Papst doch urchristliches Land. Der Pontifex wird auch bei den orientalischen Christen als Größe wahrgenommen. Gerade dieser Papst könnte es schaffen, die verschiedenen Kirchen intensiver zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Volk: Die Tatsache, dass Franziskus eine Annäherung mit den orthodoxen Kirchen anstrebt und in brüderlicher Liebe auch mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. verbunden ist, zeigt deutlich, dass sich das Ziel der Ökumene konkretisiert und vor allem unter Papst Franziskus einige Annäherungen zwischen der katholischen und den orthodoxen Kirchen realisieren ließen. Dies hat somit auch direkte Auswirkungen auf die orientalischen Christen, auch in der Diaspora.

Was entnehmen Sie dem Papstbesuch in der Blauen Moschee als Anregung für Ihre Arbeit in Sachen interreligiöser Dialog?

Jacob: Dialog ist keine Einbahnstraße. Gerade das Gewaltpotential im Namen des Islams, auf das sich der IS beruft, bedarf einer selbstkritischen Reflexion über die Frage, ob in den islamischen Gesellschaften alle Religionen gleichberechtigt sind. Woher kommt der starke Hass gegenüber Juden und Christen? Was ist mit der Religionsgemeinschaft der Jeziden? Die Türkei kann und sollte beim diesem Dialog eine Vorreiterrolle spielen.

Volk: Die moderne Türkei ist seit 1923 der offizielle Rechtsnachfolger des multiethnischen und mulitreligiösen Osmanischen Reichs. Im Osmanischen Reich konnten alle religiösen Gemeinschaften, das heißt alle monotheistischen Religionen, weitestgehend frei ihrem Glauben nachgehen. Dies wurde durch das sogenannte „Millet-System“ gewährleistet. Die Türkische Republik sollte sich also noch stärker an der religiösen Heterogenität des Osmanischen Reichs orientieren und die Vielfalt der Religionen und Kulturen in ihrem eigenen Land als Bestandteil der Identität und als Chance begreifen. Die Türkei kann dabei – gerade auch aufgrund ihrer historischen Erfahrung – eine besondere Rolle im interreligiösen Dialog einnehmen.

[Erstmals erschienen bei ZENIT am 2. Dezember 2014]

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Interreligiöser Dialog, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde, Vatikan veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.