„Die Liebe als Grundlage des Rechts“

Interview über die Wurzeln des Naturrechts in der Antike mit Professor Wolfgang Waldstein

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 9. Dezember 2014 (Vaticanista/ZENIT.org).- Ein Vatikan-Kongress über die Geschlechterbeziehung zwischen Mann und Frau im November hat wieder an die Gemeinsamkeiten über alle kulturellen Grenzen hinweg erinnert: Vertreter von 14 Religionen waren sich einig über den Wert der traditionellen Ehe. In der Natur des Menschen ist offenbar ein Wertesystem von vornherein angelegt. Bereits im Jahr 2009 hatte sich die Internationale Theologische Kommission in dem Dokument „Auf der Suche nach einer universalen Ethik. Ein neuer Blick auf das Naturrecht“ mit diesem System beschäftigt und war damit einer Anregung Papst Benedikts XVI. gefolgt. In dessen berühmter Naturrechtsrede vor dem deutschen Bundestag im September 2011 wird kein anderer Autor so oft zitiert wie der österreichische Rechtshistoriker Wolfgang Waldstein. Michaela Koller sprach mit dem emeritierten Salzburger Professor über die Geschichte und Entwicklung des Naturrechts.

Der Juraprofessor Stephan Rixen bezeichnete nach der Rede Papst Benedikts XVI. am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag das natürliche Sittengesetz als „theologisches Naturrecht römisch-katholischer Prägung“. Was die Wurzeln des Naturrechts betrifft, so sind Sie zu anderer Erkenntnis gelangt….

Professor Waldstein mit Impressionen vom Bergsteigen; Foto. M. Koller

Professor Waldstein mit Impressionen vom Bergsteigen; Foto. M. Koller

Waldstein: Rixen irrt grundlegend, weil er offenbar nicht weiß, dass das Naturrecht, vielleicht nicht dem Namen, aber der Sache nach, seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend in den Quellen belegt ist. Man hat erkannt, dass es ein Recht gibt, das nicht von Menschen geschaffen ist. Es konnte sich besonders entwickeln, da die römischen Juristen seit dem 2. Jahrhundert vor Christus begonnen haben, Rechtsfälle nach dem Naturrecht zu entscheiden. Sie waren damals mit der griechischen Philosophie in Berührung gekommen und haben es von da der Sache nach übernommen. Es kann also nicht sein, dass es sich um eine christliche Erfindung handelt. Es ist eben der menschliche Geist fähig, einzusehen, dass ein Recht vor jedem menschlichen Recht existiert, das erhalten bleiben muss. Ich kenne die Quellen und habe sie studiert.

Es gibt auch Kreise, die das Naturrecht und mit ihm die Menschenrechte für eine Ausgeburt der Aufklärung halten. Welche Kontinuität schließt sich denn an die römische Blüte des Naturrechts an?

Waldstein: Auf der Grundlage der Erkenntnisse aus dem 2. Jahrhundert vor Christus haben Juristen das klassische römische Recht bis zum 3. Jahrhundert nach Christus in Schriften entwickelt. Im Jahr 530 hat der oströmische Kaiser Justinian den Auftrag erteilt, aus diesen Schriften eine Sammlung anzulegen. Das ist das justinianische Gesetzbuch geworden, das im Mittelalter in Bologna neu entdeckt und später dann im 18. und 19. Jahrhundert in die Naturrechtsgesetzbücher eingeflossen ist. Und das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811 (ABGB), das immer noch gilt, ist neben dem französischen Code Civil von 1804 eines dieser Gesetzbücher. In Paragraf 7 ABGB wird in zweifelhaften Rechtsfällen auf die natürlichen Rechtsgrundsätze verwiesen.

Wann hat denn der Verfall der Achtung vor dem Naturrecht eingesetzt?

Waldstein: Bei uns hat es damit begonnen, dass das Parlament mehrheitlich den Schutz des ungeborenen Lebens aufgehoben hat. Dies war der erste schwere Einbruch. Ich habe damals gesagt, dass Österreich dadurch aufgehört hat, ein Rechtsstaat zu sein – weil man einer Gruppe von Menschen das Lebensrecht entzieht. Wenn die Demokratie Rechte nicht anerkennt, schlägt sie in einen Totalitarismus um, in eine Tyrannei der Mehrheit. Wenn man die Grundlagen des Rechts an einer Stelle verlässt, dann greift es leicht auf andere Fälle über. Beispiele dafür sehen wir bereits in der Antike bei den Griechen. Auch bei den Römern gab es eine totalitäre, völlig rechtlose Phase, im 2. und 1. Jahrhundert vor Christus. In der Zeit um den Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus kam ein Kaiser, der wieder rechtsstaatliche Verhältnisse herstellte.

Sie beschreiben in Ihrem Buch „Ins Herz geschrieben“ auch ein antikes Beispiel für Ablehnung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit….

Waldstein: Ein bemerkenswertes Beispiel für die praktische Wirkung des Naturrechts findet sich bei Livius in seiner Beschreibung des Verhaltens des Camillus gegenüber den Faliskern bei der Belagerung von Falerii im Jahr 394 vor Christus. Camillus weigerte sich, die Übergabe der Stadt durch Geiseln, zumal Kinder, zu erpressen. Ein Mann, der sie unterrichtete, hatte die Kinder in das römische Lager geführt und offenbar reiche Belohnung von den Römern erwartet. Für Camillus hätte das den enormen Vorteil der Möglichkeit zur Erpressung und damit voraussichtlich kampflosen Übergabe der Stadt geboten. Er hat jedoch dem Recht Vorrang gegeben. Wegen seiner Redlichkeit haben die Falisker die Stadt den Römern freiwillig geöffnet.

Es hat auch immer wieder Phasen gegeben, in denen rechtliche Errungenschaften wieder verloren gegangen sind. So gab es etwa die Ablehnung der Folter bereits im frühen Mittelalter….

Waldstein: Papst Nikolaus I. (858-867) riet dem Fürsten der Bulgaren, Khan Boris, als dieser sich 865 taufen ließ, zu einer klaren Ablehnung der Folter. Sie wurde seit der Antike eingesetzt, um einen Menschen entweder zu einer erwünschten Aussage oder zu einer erwünschten Tat zu bringen. In den KZs und im Archipel Gulag gab es das Quälen auch einfach aus Hass oder aus Lust daran.

Was entnehmen Sie denn den Quellen zum Naturrecht angesichts großer Flüchtlingsströme, die sich angesichts aktueller Szenarien in Bewegung gesetzt haben?

Waldstein: Ich bin 1940 selbst als Flüchtling nach Salzburg gekommen und zwar aus Finnland. Unser Wohnort am Ladoga-See war von einem russischen Angriff bedroht. Schon in der Antike standen Flüchtlinge unter besonderem Schutz. Wenn dieser Schutz immer wieder einmal aufgehoben wurde, ist es immer zu Tragödien gekommen.

Damit hängt die Frage zusammen, wie wir die Vorstellungen, die die europäische Rechtskultur geprägt haben, an die, die zu uns kommen, weitergeben können?

Waldstein: Grundsätzlich ist der Mensch, man muss dazu sagen, der unverbildete Mensch, dazu fähig, das Naturrecht einzusehen, da diese Rechte schon durch die Vernunft einleuchten. Und dieses Einleuchten ist in der gesamten Geschichte der Menschheit bezeugt. Aber es ist ebenso bezeugt, dass diese Einsichtsfähigkeit verdunkelt werden kann.

Und so finden sich nicht immer Mehrheiten dafür: Noch 1949 war ein Dreiviertel der bundesdeutschen Bevölkerung laut einer Umfrage für die Beibehaltung der Todesstrafe. Zur Erkenntnisfähigkeit äußerte sich auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede über Glaube und Vernunft….

Waldstein: Auch wenn man den Glauben bewusst ablehnt, wird die Einsichtsfähigkeit eingeschränkt.

So kam und kommt es wiederholt zu Rückschritten, auch gegenwärtig, was die Durchsetzung des Naturrechts betrifft….

Waldstein: Einen besonders schmerzlichen Rückschritt sehen wir gegenwärtig darin, dass der Staat schwerwiegend in das Erziehungsrecht der Eltern eingreift und die Kinder nach seinen Vorstellungen in die sexuelle Libertinage führt. Diese zwingt der Staat den Kindern gegen den Willen der Eltern auf, beginnend bereits mit dem Kindergarten, wo schon Kuschelecken eingerichtet werden. Das ist vielfach dokumentiert. Der Marxismus hat diese Ideen verbreitet.

Für uns Christen ist es interessant, welche Rolle Cicero der Liebe eingeräumt hat.

Waldstein: Cicero hat die Liebe sogar als Grundlage des Rechts bezeichnet. Die Pflicht, Menschen zu lieben, kennen wir als etwas spezifisch Christliches. Sie ist aber schon vor Cicero als etwas allgemein Menschliches erkannt worden.

*Geboren 1928 in Hangö (Finnland), kam Waldstein nach dem Ausbruch des sowjetisch-finnischen Krieges mit seiner Familie 1940 nach Salzburg. Ab 1964 lehrte er zunächst an der Universität Innsbruck, dann ab 1965 bis 1992 als ordentlicher Professor Römisches Recht und Rechtsphilosophie in Salzburg. Von 1996 bis 1998 war er Ordinarius an der Zivilrechtlichen Fakultät der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Zehn Jahre lang, von 1994 bis 2004, war Waldstein Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben. Er gilt bis heute international als führend anerkannter Experte für Naturrecht. Wolfgang Waldstein ist katholisch, verheiratet mit Marie Theresa Waldstein. Die Beiden haben sechs Kinder, 24 Enkel und 18 Urenkel.

[Buchtipps: Wolfgang Waldstein. Mein Leben – Erinnerungen. Illertissen, Media Maria, 2013. ISBN 978-3-9815943-4-8; 18,50 EUR. Wolfgang Waldstein. Ins Herz geschrieben. Augsburg, Sankt Ulrich Verlag, 2010. ISBN: 978-3-86744-137-7; 19 EUR.]

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