Blick von außen auf die Kirche

Lumen Gentium und der interreligiöse Dialog

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 10. Dezember 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Zum 50. Jahrestag der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ hat sich die Leitung der Katholische Akademie in Bayern die schwierige Aufgabe gestellt, dieses Kirchendokument von außen, von Andersgläubigen, betrachten zu lassen. „Eine schwierige Argumentationssituation“ stellte Professor Peter Neuner fest, Münchner Dogmatiker des Weihejahrgangs 1966. Mit der Konstitution, am 21. November 1964 promulgiert, richteten sich die Konzilsväter nach innen und blickten dabei auf Christus als Mitte der Kirche. Neuner, der besonders mit Publikationen zur Ekklesiologie hervortrat, verwies darauf, dass Kirche darin größer sei als die reine Institution und damit nicht identisch mit der römisch-katholischen Kirche sei. Sie ist Mysterium und Volk Gottes, wie dies in der ersten Kapiteln von „Lumen Gentium“ dargestellt wird. Sie sei stets der Reinigung bedürftig, was für sie insgesamt und für jeden Gläubigen gelte. „Die Kirche umfasst Sünder in ihrem Schoß“, zitierte er. Sie wirke schon jetzt heilsam durch die Sakramente als Realsymbole. „Dort ist der erhöhte Herr selbst schon gegenwärtig.“

In den Kapiteln über die hierarchische Verfassung zeige sich deutlich: Den Klerikalismus, noch vom Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70 her bekannt, haben die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht mehr akzeptiert. In Kapitel V über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit in der Kirche werde auch an die Gemeinschaft mit den Armen erinnert. „Aus dieser Sicht steht nicht mehr Europa im Zentrum“, betonte Neuner. Das trage dem Umstand Rechnung, dass der Quell geistiger und geistlicher Erneuerung für die Kirche nun in anderen Kontinenten entspringe. Als Beispiel nannte er die Befreiungstheologie in Südamerika. Für die Konstitution stimmten 2151 gegen Fünf, die sie zurückwiesen. „Das Konzil hat sich seine Freiheit erkämpft“, sagte er. Dies sei eine überraschende Entwicklung gewesen. „Das Konzil ist mit der konservativen Minderheit so sensibel wie möglich umgegangen“, betonte Neuner. Konservative Kräfte hätten dann später so versucht weiter zu regieren, als habe das Konzil nie stattgefunden. Nun versuche Papst Franziskus einer „partiellen Nichtrezeption“ entgegen zu steuern.

Aufgrund der dogmatischen Unterschiede waren die Professoren Michael Wolffsohn für die jüdische und Ednan Aslan für die islamische Seite darauf zurückgeworfen, zunächst ihren persönlichen Blick auf Jesus den Zuhörern aufzuzeigen: Der 1947 in Tel Aviv geborene Münchner Historiker Michael Wolffsohn beugte gleich dem Missverständnis vor, er vertrete die jüdisches Perspektive schlechthin. Er sei kein synagogaler Jude, betont er. Sonst auch als Querdenker geschätzt, nannte sich Wolffsohn unbefangen als „ein Verehrer, ja, Bewunderer von Jesus“. „Ich gehe sogar so weit und bezeichne mich als „jesuanischen Juden“. Aus seiner Sicht sei Jesus mit der Absicht angetreten, das etablierte Judentum seiner Zeit zu reformieren, zu entrümpeln und zu entkorrumpieren, besonders die saduzäische Tempelaristokratie, zum Teil auch die bürgerlichen Gelehrten, die Pharisäer.

Wolffsohn, Verfasser des Buchs „Juden und Christen – ungleiche Geschwister“, kritisierte, dass sich in der Konstitution eine „allzu selbstsichere Institution ohne Selbstkritik“ zeige. Nicht überraschend war es, dass er der Auslegung alttestamentarischer Bezüge in „Lumen Gentium“ widersprach.

„Licht der Völker“ enthalte einen grammatikalischen und damit inhaltlichen Fehler. „Das Jesajawort „or lagojim“ ist eindeutig dativisch gemeint, nicht genitivisch. Also Licht „wem oder was“, nicht „wessen Licht“?, kritisierte er. Dass bedeute folglich, dass Christus als Licht in diesen Völkern erstrahle. Im Bild Jesajas leuchte Israels Licht von außen auf die anderen Völker. Damit komme den Christen die Rolle der Universalisten und den Juden nur die der Partikularisten zu. Ein weiteres Problem sieht Wolffsohn in der Übersetzung von Jesaja 7,14: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen.“ Das Wort alma bedeute aber junge Frau, während Jungfrau mit betula zu übersetzen sei. Wolffsohn lud aber dazu ein, sich gerade aufgrund dieser feinen Unterschiede zwischen den Auslegungen mit der „alt- und neutestamentarischen Gedankensymmetrie“ zu beschäftigen. So sollten substantielle theologische, ethische und historische Gemeinsamkeiten wieder aufscheinen. „Sie wiederzuentdecken ist intellektuell reizvoll und theologisch sowie religionspolitisch sinnvoll“, meinte er. Er warb für einen offenen Austausch darüber zwischen Juden und Christen. Seine eigene religiöse Überzeugung hält Wolffsohn nicht für den einzigen Weg zu Gott.

Der Wiener Professor Aslan betonte in seinem Redebeitrag überwiegend die Gemeinsamkeiten, natürlich nicht ohne zuvor auf den dogmatischen Graben zwischen dem Christusbild in „Lumen Gentium“ und dem koranischen Jesusbild zu sprechen zu kommen, das nur dem eines „Gesandten Gottes“ entspricht. Die erste Schwierigkeit, die Muslime damit haben, ist der Glaube an den Erlöser Jesus Christus. Nach Aslans islamischem Verständnis wurzelt der Glaube an die Heilswirkung des Kreuzesgeschehens in einer falschen Auslegung der Offenbarung. Die in der islamischen Welt populäre These von dem Verlust des authentischen Bibeltextes sei eine Theorie geblieben, die nie durch Forschungsergebnisse belegt worden sei.

Der Begriff des Heiligen Geistes komme zwar im Koran vor, aber eine Mehrheit der Islamgelehrten wende sich gegen eine inhaltliche Gleichstellung. Er selbst sehe keinen Widerspruch zum entsprechenden koranischen Begriff. Dem Koran zufolge war es der Heilige Geist und nicht der Erzengel Gabriel, der Maria die Geburt ihres Sohnes verkündigte. Das entsprechende Koranzitat, das Aslan vortrug zeigte: Im Gegensatz zum jüdischen Kollegen Wolffsohn glauben Muslime an die Jungfrauengeburt, wie sie auch im achten Kapitel der Konstitution „Lumen Gentium“ dargelegt ist. Die Frage der Verehrung Marias als Gottesgebärerin trennt Christen und Muslime wiederum, für die unverständlich bleibt, wie drei Personen eine einzige göttliche Natur haben können.

Zur Frage des Wahrheitsanspruchs der Religionen stellte Aslan den Denker Seyyed Hussein Nasr aus den USA vor: Diesem zufolge habe sich Gott und damit die eine absolute Wahrheit für jedes kulturelle Normensystem neu offenbart; dogmatische Widersprüche ergäben sich letztlich nur aus dem kulturellen Kontext.

Der islamische Glaube wende sich gegen jegliche Hierarchie. „Das Problem wird noch aktueller in Europa durch die Institutionalisierung des Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts“, sagte der 1959 in der Türkei geborene Religionspädagoge. Die Stellung der Laien und ihr Auftrag, den Glauben an Gott sowie die Hoffnung zu verbreiten, bewertete Aslan als positiven Aspekt in der Konstitution. Er sieht daher neue Wege zum Dialog geebnet.

[Erstmalig erschienen: Die Tagespost, 9. Dezember 2014]

 

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Interreligiöser Dialog, Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.