„Für Kinder und alte Menschen ist die Situation am schlimmsten“

Solidarität mit Christen im Irak

Von Michaela Koller

BERLIN, 19. Dezember 2014 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, sowie der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Prälat Peter Neher, haben am Donnerstag vor Journalisten die diesjährige Arbeitshilfe „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen – Irak“ in Berlin vorgestellt. Die Christen im Zweistromland durchleiden derzeit eine der schwersten Krisen in ihrer fast 2000-jährigen Geschichte. Eine uralte Kultur droht unwiederbringlich zerstört zu werden. Die Initiative „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen“ haben die deutschen Bischöfe 2003 ins Leben gerufen. Michaela Koller befragte Erzbischof Schick zum diesjährigen Länderschwerpunkt.

Copyright: Erzbistum Bamberg

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Wie sieht derzeit die Situation der Christen in Erbil im Nordirak aus, die dorthin vor der Terrororganisation IS geflüchtet sind?

Erzbischof Schick: Die Deutsche Bischofskonferenz und ich persönlich sind im ständigen Kontakt mit Patriarch Sako von Bagdad, Erzbischof Warda von Erbil und Bischof Nona, der aus Mosul zusammen mit seinen 130.000 Christen vom einem auf den anderen Tag vertrieben wurde. Bischof Nona lebt jetzt ebenfalls als Flüchtling in Erbil. Er ist für die Caritas des Irak zuständig. Die Situation dort ist dramatisch für die Christen, die bisher in den großen Städten Bagdad, Mosul, Kirkuk und Basra lebten. In Bagdad gibt es nur noch wenige Christen, in Mosul und Basra wurden die Christen von der IS vor wenigen Monaten vertrieben. Die einzigen Städte, in denen Christen derzeit leben, sind Erbil und Dohuke im Kurdengebiet.

Sie sind in Notunterkünften, vor allem in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden, untergekommen. In diesen können sie aber nicht bleiben, weil in den Schulen wieder Unterricht stattfinden und in den anderen Gebäuden entsprechend ihrer Zweckbestimmung das Leben weitergehen muss. Ich habe Fotos aus den Notunterkünften. Die Menschen leben dort menschenunwürdig zusammengepfercht auf engstem Raum, ohne Privatsphäre, ohne ausreichende Versorgung mit Kleidung, Nahrung und Wasser. Für die Kinder und die alten Menschen ist die Situation am schlimmsten.

Wer hilft den Flüchtlingen?

Erzbischof Schick: Den Flüchtlingen helfen Caritas International, der Deutsche Caritasverband in Zusammenarbeit mit Caritas Irak und Misereor, aber auch viele Nationen und das Flüchtlingshilfswerk der UNO versuchen das ihnen Mögliche in dieser dramatischen Situation zu tun. Gebraucht werden vor allem Zelte, die beheizbar sind, Decken, warme Kleidung, usw., damit die Flüchtlinge den Winter überstehen.

Welche Zukunftsperspektive haben die Christen dort überhaupt noch?

Erzbischof Schick: Die Bischöfe meinen, dass die Christen im Irak nur dann eine Chance haben, zu überleben und zu bleiben, wenn ihnen kurzfristig ein eigenes Territorium im Irak unter der Protektion der UNO gegeben wird, in dem sie eine autonome Selbstverwaltung errichten können. Dieser Plan wird Ninive-Plan genannt, weil dieses Autonomiegebiet für die Christen in der Gegend des biblischen Ninive verwirklicht werden könnte. Langfristig müsste aber der Irak zu einem demokratischen Land werden, in dem alle Gruppen und Religionen die gleichen Rechte haben. Dazu ist eine Verfassungsänderung nötig. Die jetzige bevorzugt die Araber und die Muslime.

Wie soll diese Idee der Schutzzone durchgesetzt werden?

Erzbischof Schick: Die autonome Schutzzone könnte nur durch eine internationale Vereinbarung, der der Irak zustimmen müsste, errichtet werden. Sie müsste unter das Protektorat der UN gestellt werden. Dazu gehören eigene Grenzen, eigene Verwaltung und auch eigene Schutztruppen.

Viele Christen im Irak können sich nur noch eine Zukunft im Ausland vorstellen. Wie hoch ist der Anteil derer, die seit Ende der Besetzung des Irak 2011 ihre Heimat verlassen haben?

Erzbischof Schick: Der Exodus der Christen im Irak hat 2003 begonnen. Vor dem Jahr 2000 gab es dort 1,5 Millionen Christen, jetzt sind es noch ungefähr 300.000. Der Exodus hält an. Die Hälfte ist in den letzten drei Jahren ausgewandert. Die Bischöfe sagen, wenn sich nicht bald etwas ändert, werden alle Christen das Land verlassen und die fast 2000-jährige Geschichte der Christen im Irak ginge zu Ende.

 

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