Dialog zwischen Verstand und Herz

Der Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi über Gewalt, Gewissensfreiheit und Reformen im Islam

Von Michaela Koller

MÜNSTER, 4. Januar 2015 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Ahmad Milad Karimi, Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler aus Münster, legte im Alter von 30 Jahren eine vollständige Neuübersetzung des Koran vor. Geboren im Jahr 1979, kam er mit 13 Jahren mit seiner Familie als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland, promovierte schließlich über Hegel und Heidegger in Freiburg. Karimi ist Mitbegründer zweier Verlage, darunter des Salam Kinder- und Jugendbuch Verlags. Am Zentrum für Islamische Theologie ist er Vertretungsprofessor für Kalam, islamische Philosophie und Mystik. 2013 erschien bei Herder sein autobiographisches Buch „Osama bin Laden schläft bei den Fischen. Warum ich gerne Muslim bin und wieso Marlon Brando viel damit zu tun hat“.

 

Ahmad Milad Karimi; Copyright: Peter Grewer

Ahmad Milad Karimi; Copyright: Peter Grewer

In einer Debatte, die beispielhaft für den derzeitigen Stand des Diskurses ist, hat der Philosoph Martin Rhonheimer gefordert, der Islam müsse sich in seiner religiösen Substanz verändern; sinngemäß gehöre Gewalt gegen Ungläubige zum Wesen des Islam.

Karimi: Man kann historische Begebenheiten nicht wegdiskutieren, aber auch nicht zum Wesenskern einer Sache erheben. Es gab und gibt Gewalt im Namen des Islam von Muslimen, auch gegen Muslime. Es liegt in der Verantwortung der Muslime selbst, ihre Religion immer wieder neu zu interpretieren, aber auch Verantwortung für all das zu übernehmen, was damit geschieht. Wenn ich der Überzeugung bin, dass der Islam ein unglaublich großes Potenzial für Frieden hat, dann ist es meine Aufgabe, diesen zu stiften.

Es liegt demnach in der Verantwortung jedes einzelnen Muslim, wie er bestimmte Passagen auslegt. Also bedarf es doch auch noch einer weiteren Quelle der Erkenntnis, diese Stellen im friedlichen Sinne zu filtern. Was hat denn aus Ihrer Sicht Vorrang: Verstand oder Offenbarung?

Karimi: Ich bin ein leidenschaftlicher und überzeugter Befürworter jener islamischen Denkschule, die schon im späten Mittelalter den Anspruch erhob, alles, was im Kontext der Religion wahrheitsfähig ist, sowohl mit dem Verstand als auch mit der Offenbarung zu denken. Es gibt Dinge, bei denen es absurd wäre, sie mit dem Verstand erringen zu wollen, wie etwa religiöse Heirat, Liebe, die Geburt eines Kindes, Demut. Verstand und Offenbarung würde ich nicht gegeneinander ausspielen. Wichtig ist, dass wir offen für das Wahre sind.

Was ist denn, wenn etwas Gegenstand sowohl des Verstandes als auch der Offenbarung ist?

Karimi: Eine Richtung im Islam besagt, man müsse dem Verstand immer Vorrang geben und eine andere verweist auf die Offenbarung. Und die dritte Richtung, die ich so schön finde, besagt, man muss versuchen, die beiden weiterhin zu verzahnen. Auch in der letzten Konsequenz muss man schauen: Entweder habe ich meine Quelle nicht verstanden oder der Verstand ist nicht das richtige Instrument dafür.

Die rationalistische Schule der Mu’tazila ist ebenso bekannt, wie die sich davon abgrenzende, eher traditionalistische Schule der Asch’ariten. Wie ist der Name der dritten Denkrichtung?

Karimi: Es ist die Schule der Maturidiyya. Der Begründer Abu Mansur al-Maturidi war ein Gelehrter aus Samarkand, Transoxanien [Usbekistan; Anm. der Red.]. Er war sowohl mit der überlieferten griechischen Logik und dialektischen Theologie vertraut als auch mit den Grundquellen des Islam als Offenbarung.

Martin Rhonheimer kritisierte, im Islam könne es keine prinzipielle Gleichheit aller Menschen aufgrund ihrer Natur geben…

Karimi: Da müsste ich wieder etwas rechtfertigen. Wenn Sie es koranisch hören möchten, dann antworte ich: Alle Menschen sind natürlich Geschöpfe Gottes. Wir sind nicht vor Gott vorrangig, weil wir ein bestimmtes Geschlecht haben…

Und eine bestimmte Religion?

Karimi: Muslim ist derjenige, in dessen Schatten Andere sicher sind. Ich würde immer wieder meine Religion verleugnen, wenn in meiner Gegenwart andere Menschen, abhängig davon, welche Hautfarbe sie haben, welches Alter oder welches Geschlecht oder welchen sozialen Status sie haben, benachteiligt würden. Genau das ist die dezidierte Botschaft des Koran.

Das führt uns zu der Frage nach der Reichweite der Religionsfreiheit. Gibt es einen Gewissensbegriff im Islam?

Karimi: Doch natürlich. Es gab kürzlich eine Tagung in Stuttgart-Hohenheim, bei der ein Kollege aus Erlangen gerade darüber einen Vortrag gehalten hat.

Und das ist nicht eingeschränkt auf Gottesfurcht, die taqwa?

Karimi: Nein. Die Menschen können sich aus ihrer eigenen Verfasstheit nicht ohne Gott denken. Wir wären ohne den Transzendenzbezug unvollständig, weil der, der uns geschaffen hat, etwas in uns hineingesät hat, eine Bezogenheit auf Gott. Das heißt, dass wir etwas Göttliches in uns haben, als Regulator auch für Schlechtes im Leben. Auf eine Frage an den Propheten Mohammed antwortete dieser: Frag Dein Herz, frag Dein Herz, frag Dein Herz. Wir glauben auch mit dem Herzen, als Metapher für den Ort, wo Glaube und Liebe stattfinden, in dem Religiosität erblüht. Das Herz sagt auch, was wahr und was falsch ist. Die Urteilskraft des Herzens wird mit dem Glauben generiert.

Sie haben vorhin schon den starken Bezug zur griechischen Antike anklingen lassen. Ist denn Aristoteles nicht schon seit dem 12. Jahrhundert mit dem religiösen Denker Ghazali (1058 bis 1111) im Islam überwunden?

Karimi: Nein, ganz und gar nicht. Aristoteles samt seiner Philosophien ist groß. Das, worin er zum ersten Mal Einsicht erlangte, die Logik, im Leben, im Glauben, in der Religiosität, kann nicht mit einem Machtanspruch aus der Welt geschafft werden. Darüber muss man debattieren, ja streiten. Die Theologie [die Ghazali wiederbelebte] ist im Islam Streit. Kalam ist die Wissenschaft von der Rede in der Situation des Streits, weil nur im Streit etwas erlangt wird. Wenn Sie so etwas wagen, eine Theologie mit Debattenkultur, dann brauchen Sie dafür Instrumentarien. Und diese waren immer schon hellenistisch geprägt. Sie können nachsehen, dass die Geschichte danach weiterging. Auch im 18. Jahrhundert haben wir im Islam Positionen, die einsehen, dass man viele Quellen, darunter auch die Philosophie, berücksichtigen muss.

Kürzlich erfuhr die Weltöffentlichkeit von der Steinigung einer Frau unter dem Vorwurf des Ehebruchs in Syrien. Radikalislamische Systeme wie IS sind stolz darauf, die „Sünder“ Verbrecher zu nennen. Sie werden als Geschöpfe negiert, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben. Was steht da für ein Gottesbild dahinter?

Karimi: Das ist kein Gott, sondern ein Götze. Was für ein Menschenbild steht dahinter? Muslime arbeiten nicht im Namen Gottes, sondern in Verantwortung vor ihm. Das Gravierende ist dabei, dass man den Schöpfer gar nicht mehr ansieht, ja ihn leugnet. Was für ein Verständnis habe ich von mir, wenn ich den Anspruch erhebe, einen anderen Menschen zu steinigen? Das ist ein absolutes Verständnis, mein Wissen und mein Urteil wird über alles gestellt. Ich sehe das nicht in den islamischen Grundquellen wiedergegeben: Da ist sehr viel Vorsicht dabei, sehr viel Demut, sehr viel Zweifel, Achtung vor einem anderen Menschen. Mein Lieblingsphilosoph, Mohammed Iqbal, sagte einmal: „Ich zittere, wenn ich sage, ich bin ein Muslim.“

Es ist eine Sache der Interpretation. Das Problem ist, dass wir im Islam kein Lehramt haben. Es ist aber zugleich das Schöne, denn ich bin auch froh darüber, dass die Sache in den Händen aller Muslime liegt. Wenn die Mehrheit so etwas täte, wie Sie es erwähnten, dann wäre ich skeptisch.

Der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze sprach kürzlich von einer Desintegration des Islam, die sich derzeit vollziehe. Befürchten Sie nicht, dass sich das Phänomen IS so auf den Glauben in der islamischen Welt auswirkt, wie einst der 30-jährige Krieg in Europa?

Karimi: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt auch diese Befürchtung nicht. Die Sache ist ganz anders: Es sind ja keine religiösen Menschen, die die Religion terroristisch auslegen. Es sind Terroristen, die ihren Terror religiös interpretieren. Das ist ein gravierender Unterschied. Wie Katholiken und Protestanten gegeneinander kämpften, ging es um religiöse Belange, um die eine Wahrheit, um die Kirche. Es ist eine unglaublich schwierige Sache, Menschen von der eigenen Sache zu überzeugen, aber viel einfacher, sich zum Kaliphen des Islam auszurufen. Sie müssen anscheinend gar nichts begründen.

Aber wirkt das nicht auch auf Gläubige abschreckend?

Karimi: Nun, die Leute fragen sich zumindest: Wie kann ich meine Religion adäquat kommunikabel machen? Es entsteht aber in dieser Hinsicht auf jeden Fall eine Verantwortung. Wenn islamische Gelehrte, wie geschehen, eine gemeinsame Stellungnahme abgeben, ist das ein gutes Zeichen: Es gibt wieder ein „Wir“. Hier geht es nicht mehr um Sunniten und Schiiten, denn beide werden abgeschlachtet, sondern um etwas ganz Fundamentales: Um das Menschliche. Dies zu bewahren ist unsere gemeinsame Verantwortung.

Sie haben nach dem 11. September 2001 mit der Entscheidung Islamwissenschaften zu studieren nach Ihrer Identität als gläubiger Muslim gesucht….

Karimi: Mir ging es darum, mich noch im Spiegel anschauen zu können und mein Selbstbild in der Welt zu bestimmen. Was ist das, was einen Muslim heute ausmacht? Welche Aufgaben habe ich? Ist der Islam herausfordernd? Religionen dürfen nie zeitgemäß sein, sonst sind sie schon tot. Sie müssen die Zeit im Guten bewegen und herausfordern. Die Muslime sollten sich nicht mehr als Opfer verstehen und sich immer verteidigen. Sie sollten selbst Verantwortung übernehmen und neue Angebote machen – ohne ihr eigenes Profil zu verlieren und ohne Furcht vor Abfall von der Religion. Die stärkste Zeit in der islamischen Geschichte war die Zeit, in der man am meisten von den anderen rezipiert hat.

Sie haben in Ihrem Buch den Satz geprägt: Wer glaubt, ist ein Flüchtling. Was hat Sie zu dieser Erkenntnis geführt?

Karimi: Sowohl meine Biographie, aber auch die Geschichte meines Propheten Mohammed, der aus Mekka flüchten muss. Gerade im Akt der Flucht entsteht der Islam; da beginnt die islamische Zeitrechnung. Denn damit erkennt er: Das, was ihn auszeichnet, ist nicht sein Stamm, nicht seine Herkunft, nicht seine Hautfarbe, nicht sein Geschlecht, sein Hab und Gut oder seine gesellschaftliche Stellung. Nein, es ist seine Achtung vor Gott. Das ist seine Heimat. Er kommt in die Fremde und erkennt da seine Heimat.

Wie stellen Sie sich zu dem Vorwurf, einen „Islam light“ zu vertreten, wie dies jede neue islamische Hermeneutik provoziert?

Karimi: Nun, ich vertrete keinen Islam „light“, ich mag auch keine Cola light. Wenn jemand behauptet, die Gewalt sei ein Wesenszug im Islam, habe ich eigentlich schon verloren: Entweder antworte ich: Du hast recht. Dann muss ich meine Religion leugnen. Oder ich sage: Du hast unrecht. Dann muss ich kämpfen. Wenn ich als Muslim aufstehe und sage, ich liebe Frieden und gebe mein Leben dafür, dann antwortet man mir: Aber Mohammed war ein Kriegsherr. Was soll ich also machen, damit man mich akzeptiert? Unsere Aufgabe besteht darin, uns selbst keine Etiketten anzuheften, wie etwa das des Reformers. Kein Muslim nimmt einen dann mehr ernst – zu Recht. Wer seine Religion so traditionell wie möglich liest, ist der wahre Reformer.

Es gibt zwei Vorwürfe, die die moderne Welt gegen Gläubige erhebt und Merkmale, die „Fundamentalisten“ kennzeichnen sollen. Das Erste beginnt schon damit, dass man überhaupt etwas für wahr erachtet….

Karimi: Gerade diejenigen, die sich Monotheisten nennen, haben in der Tat ihren eigenen Wahrheitsanspruch. Die Wahrheit ist aber Gott und wir sind nur diejenigen, sie zu interpretieren, danach zu leben und daran teilzuhaben. Insofern bin ich davon überzeugt, dass der Islam wahr ist. Aber ich würde Sie nicht zu dieser Wahrheit animieren oder sie gar für exklusiv erklären, denn ich habe zu sehr Respekt vor dem Begriff der Wahrheit. Das ist inklusiv. Wir können aber beide weiter um die Wahrheit streiten und mit diesem Streit weiter leben.

Ist demnach ein Missionar für Sie ein Fundamentalist?

Karimi: Nein, ein Fundamentalist sagt, dass das, wovon er überzeugt ist, wahr ist und daneben keine Meinung herrschen darf. Ich selbst sehe mich zum Beispiel als Lernender.

Sie haben auch festgestellt, die Begegnung mit dem Christentum habe Sie bereichert. Inwiefern denn?

Karimi: Mein akademischer Lehrer, Bernhard Uhde, ist ein Katholik. Derjenige, der mich philosophisch bewegt, war ein Protestant, Hegel. Der Mensch, der mein Herz bewegt, ist Mohammed, ein Muslim. Ich höre indische Musik, lese persische Mystik und schaue italienische Mafiafilme. Und inmitten von all dem und noch mehr ereignet sich das Menschsein. Insofern ist es auch eine Bereicherung, sich daran abzuarbeiten. Uhde hielt vorzügliche Veranstaltungen über die Trinität. Ich saß in der ersten Reihe und habe gelitten, mich gemeldet und gestritten. Ich konnte es nicht mit meiner religiösen Auffassung verbinden, aber es war unglaublich plausibel erklärt. Ich habe Achtung vor den Menschen, die sich dieser Religion zugehörig fühlen. Ich glaube überhaupt, dass Religionen untereinander keine großen Probleme haben, sondern Religiosität überhaupt in der Gegenwart.

Was können denn die Religionen in einer Welt bewegen, in der nur anerkannt wird, was zählbar und messbar ist?

Karimi: Wer glaubt, ist ja verrückt. Die, die glauben, behaupten Sachen, die nicht zählbar oder messbar sind: So etwas wie Werte, Würde, Achtung, Demut. Wie Respekt vor älteren Menschen. Warum machen wir das? Religionen können daran erinnern, dass jeder Mensch gleich ist: Ältere, Behinderte oder auch Flüchtlinge. Diese Menschen brauchen kein Geld, sie brauchen Menschlichkeit. Da ist die Rolle der Religionen sehr stark gefragt. Nur gemeinsam können wir etwas bewegen.

[Erstmalig erschienen in Die Tagespost, 3. Januar 2015]

[Literaturhinweis: Ahmad Milad Karimi; Osama bin Laden schläft bei den Fischen; Herder, Freiburg, 2013, 192 Seiten]

 

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