„Er war ein guter Priester“

Erfolgsfilm über verunglückten spanischen Theologen erstmals in Deutschland

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 6. Januar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- „Er ist kein Exorzist, kein Missionar im Urwald, und er hat keine neue kirchliche Institution gegründet. Er ist nicht einmal Pfarrer“, sagt Juan Manuel Cotelo über den Priester, dessen Leben er erzählt. Die Zuschauer, die an diesem ersten Sonntag zur Deutschlandpremiere seines Films „Der letzte Gipfel“ (Original: La última cima) gekommen sind, erwarten einen besinnlichen Dokumentarfilm, der nach einer traurigen Geschichte klingt: Ein frommer Priester, der viel zu jung in den Bergen bei einem Kletterunfall stirbt. Sie werden alle an diesem Morgen überrascht: Der Erzähler spielt meisterhaft mit den vorgefassten Meinungen selbst derjenigen, die sich in diesem Filmgenre auszukennen glauben.

v.l.n.r. Veronika Marton, Andrea Laczkó, Thomas Huber, Weihbischof Florian Wörner, Juan Manuel Cotelo

v.l.n.r. Veronika Marton, Andrea Laczkó, Thomas Huber, Weihbischof Florian Wörner, Juan Manuel Cotelo

Cotelo ist Journalist, Schauspieler und Filmproduzent, ein Geschichtenerzähler, wie er sich selbst nennt. Es ist der berühmte Überraschungseffekt wie bei der Meldung „Mann beißt Hund“: Den Film drehte er ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Skandale um Missbrauch durch kirchliches Personal zu größter Dichte fanden. Seine Hauptaussage: Pablo Dominguez war ein guter Priester und ein fröhlicher Zeuge seiner Hoffnung, die er auf Christus gründet. Cotelo hatte wohl erwartet, dass er damit provoziert. „Wenn ich heute einen Priester öffentlich kreuzige, werde ich Erfolg haben und wichtige Auszeichnungen bekommen. Wenn ich dagegen gut über einen Priester spreche, werden sie mich kreuzigen.“ Ein Kollege hatte Cotelo mit diesen Worten gewarnt: Der Produzent baute die Warnung an den Anfang seiner Präsentation. Zu seiner Überraschung kam es soweit nicht: Nachdem der Film 2010 in Spanien heraus gekommen war, brach er Zuschauerrekorde und hängte Titel wie „Robin Hood“, „Prince of Persia“ und „Sex in the City 2“ ab.

Im Nachhinein betrachtet klingt es fast so, als es Cotelos vorherbestimmt gewesen, Professor Dominguez, den 42-jährigen Dekan der theologischen Fakultät an der Universität San Dámaso in Madrid kurz vor dessen Tod 2009 kennenzulernen: Er sollte es sein, der seine Geschichte in die Welt hinausträgt, im Duktus so fröhlich wie der Geistliche selbst. Der Filmemacher besuchte einen Vortrag des Professors, obwohl er zunächst „keine Lust“ dazu hatte. „Aber dieser Priester war sympathisch. Er war provokant, ironisch und klar.“ Dominguez habe seinen Zuhörern mutig gesagt, sie benötigten den Verstand, um an Gott zu glauben. Zwei Wochen später erreichte ihn die Nachricht von dessen tragischen Unfall. Was als eine nette berufliche Begegnung begann, wühlte Cotelos Leben um. Er ließ sich auf Pablos Geschichte ein, beschäftigte sich mit Priestern generell, mit ihrem Glauben und fragte sich schließlich selbst, was Gott nun mit all dem zu tun hat.

Dominguez hatte seine Dissertation in Philosophie im Verlag der anarchistischen Arbeiterbewegung veröffentlicht, was zu einer skurrilen Situation führte. Allein als Priester, am Kragen erkennbar, saß er am Messestand unter lauter langbärtigen Anarchisten und verstand sich mit ihnen auf der menschlichen Ebene prächtig. Der Dekan war aber alles andere als ein Gelehrter im Elfenbeinturm: Pablo, wie er im Film durchgehend genannt wird, wirkte auch als Seelsorger in einer Pfarrei: Er hörte die Beichte, assistierte Trauungen, taufte. Er zeigte den einfachen Menschen dabei, dass sie ihm wichtig waren: „Wenn man mit ihm sprach, gab er einem das Gefühl, dass er nichts anderes zu tun habe“, bemerkt eine Familie im Gespräch mit Cotelo.

Für die Kinder tollte er auf dem Boden herum, und trug sie dabei auf seinem Rücken, auch wenn er unter Verspannungen litt. Zwei kleine Buben erinnern sich, wie lustig er ihnen begegnete. In seinen Predigten entfernte er sich nie vom Kern des Evangeliums; dabei sprach er in einer mitreißenden Einfachheit zu seiner Gemeinde. Einem Gastwirt zahlte er mehrere Monate die Miete als Starthilfe zu seiner Existenzgründung. Die Berge waren für Pablo Orte der Begegnung mit Gott, und Eucharistiefeiern in den Höhen Quelle seiner schier unerschöpflichen Freude: „Sein Lieblingswort war wunderbar“, erinnern sich Weggefährten.

Der Satz eines ausgegrenzten Mannes, den Pablo mit offenen Armen aufnahm, beeindruckte zutiefst die deutsche Übersetzerin Veronika Marton, wie sie beim Bühnengespräch im Anschluss an die Premiere bekannte: „Er hat mir meine Würde zurückgegeben.“ Einer der Schirmherren, der Augsburger Weihbischof Florian Wörner, Beauftragter der Freisinger Bischofskonferenz für Jugendfragen in Bayern, erkennt vor allem in der eschatologischen Botschaft, für die das verfilmte Lebenszeugnis steht, einen attraktiven Ansatz für die Neuevangelisierung. „Es wartet auf uns etwas unglaublich Großes und es lohnt sich darauf zuzugehen“, sagte er über die Hoffnung auf das ewige Leben. Pablo Dominguez hatte seinen frühen Tod wohl schon länger vorausgeahnt. Extremkletterer und Bergführer Thomas Huber von den Huberbuam bekannte als zweiter Schirmherr zwar kein regelmäßiger Kirchgänger zu sein; er sei aber auf den Gipfeln von innerer Ehrfurcht erfüllt, die ihn von alltäglichen Gedanken frei mache. Produzent Cotelo spornte die Zuschauer an: „Es ist eine teuflische Versuchung zu glauben, wenn du offen über dein Christentum sprichst, dann würdest du Probleme bekommen.“ Sogar Atheisten haben seinen Film mit höchstem Lob in den Feuilletons beworben. So ist seine Kreuzigung ausgefallen.

 

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