Kulturmittler zwischen antiken Griechen und muslimischen Arabern

Gewissen, Naturrecht und die Suche nach einer gerechten Ordnung

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 11. Januar 2015 (Vaticanista/Die Tagespost).- Laut einer Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Magazins Stern empfinden 29 Prozent der Bundesbürger den Einfluss des Islams hierzulande als zu groß und sogar zehn Prozent würden eine Partei wählen, die sich den Kampf gegen diese Religion auf die Fahnen geschrieben hat. Es ist davon auszugehen, dass die Befragten bei der Beantwortung an einen Islam dachten, wie er von repressiven Regimen wie auch von Terrororganisation repräsentiert wird, letztlich an eine Karikatur von Religion. Es wäre naiv zu glauben, diese kämen denen nicht besonders gelegen, die Religionen generell zu bekämpfen und in die Privatsphäre zu verdrängen suchten. Hinter der Frage nach dem Einfluss von Glaubensgemeinschaften steht zunächst die Sorge um den Konsens über rechtlich-politische Prinzipien und letztlich die Auseinandersetzung um konkurrierende Vorstellungen von einer gerechten Ordnung. Es zeichnet sich hier ein Spannungsdreieck ab, dass bereits der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seiner visionären Rede von Regensburg auf globaler Ebene ausmachte, mit einem islamischen Fideismus und einem radikalen Laizismus jeweils an einer Spitze.

Benedikt erklärte wiederholt, wie sich Glaube und Vernunft gegenseitig korrigieren, um ein Gewissen zu bilden, das das Wahre und Gute erfassen kann. „Wenn dagegen das Gewissen wiederentdeckt wird als Ort des Hörens auf die Wahrheit und das Gute, als Ort der Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen – welche Kraft gegen jede Diktatur ist – dann besteht Hoffnung für die Zukunft“, sagte er fünf Jahre nach der Regensburger Rede im Nationaltheater von Zagreb vor Vertretern der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

Im Grunde geht es um die Fragen: Was ist der Mensch und welche politische Ordnung, global wie regional, ist menschengemäß? Nach welchen Prinzipien sollte sich diese ausrichten und wie der Mensch diese finden? Der Salzburger Rechtsphilosoph Wolfgang Waldstein sagte dazu in einem Interview mit der Autorin: „Man hat erkannt, dass es ein Recht gibt, das nicht von Menschen geschaffen ist.“ Römische Juristen hätten bereits ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. Rechtsfälle nach dem Naturrecht entschieden. So habe sich dieses gut entwickeln können. „Sie waren damals mit der griechischen Philosophie in Berührung gekommen und haben es von da der Sache nach übernommen“, erklärte er. G rundsätzlich sei der Mensch dazu fähig, das Naturrecht einzusehen, da diese Rechte schon durch die Vernunft einleuchteten. „Und dieses Einleuchten ist in der gesamten Geschichte der Menschheit bezeugt. Aber es ist ebenso bezeugt, dass diese Einsichtsfähigkeit verdunkelt werden kann“, betonte Waldstein. Mag der Dekalog auch der älteste zusammenhängende verbindlichen Ausdruck naturrechtlicher Grundsätze sein: Das Aufeinandertreffen des Christentums mit der griechischen Antike förderte zutage, dass auch a ndere Kulturen bestimmte Prinzipien schon als ewig wahr und unabänderlich anerkannt haben; sie sind ein gemeinsames Erbe der Menschheitsfamilie.

Bei der Suche nach einem Platz in der modernen Welt spielt auch in den arabischen Ländern des 2010/2011 begonnenden Umbruchs antikes Denken wieder eine Rolle. So kritisierte etwa der ägyptische Philosoph Murad Wahba am 15. November 2013 im Programm des ägyptischen Fernsehsenders Sada Al-Balad TV der Meinung entgegen, dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi sei keine Revolution vorausgegangen. „Es fehlten die Philosophen“, argumentierte er. Eine wahre Revolution setze das Eingreifen der Eliten voraus. So sei es nur ein Aufstand der Massen gewesen. Die Mentalität in der Gesellschaft habe sich mit der Arabellion nicht geändert.

Er ist nicht der einzige Denker, der gewaltbereiter und repressiver Vernunftfeinde, die sich auch islamisch nennen, überdrüssig ist. Eine Reihen herausragender muslimischer Gelehrter argumentierten selbst dafür, den Koran nicht weiter wörtlich auszulegen und so seinen tieferen Sinn in einer modernen Gesellschaft zu erschließen. In ihrem Buch „Den Islam neu denken“ stellt die Hamburger Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur deren „Dschihad für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte“ vor. Mit den Vertretern dieser Richtungen wäre es etwa möglich, über den Begriff des Logos zu sprechen oder den Begriff der umm al-kitab (Mutter des Buchs) in Sure 43, 2-4 zu beleuchten; für Vertreter des orthodoxen Islam ist allein der Koran das ewige ungeschaffene Wort Gottes.

Eines der einflussreichsten islamischen Reformdenker, der intensiv über die Mu’taziliten, insbesondere über die koranische Metapher, gearbeitet hat und damit an ihre Wirkungsgeschichte im 20. Jahrhundert anknüpfte, war der ägyptische Gelehrte Nasr Hamed Abu Zaid (1943 bis 2010). Der Koran- und Literaturwissenschaftler veröffentlichte im Jahr 1992 das Buch „Kritik des religiösen Diskurses“. In der anschließenden Debatte wurde gegen ihn der Vorwurf der Apostasie erhoben: Er wurde nicht zum Professor ernannt und zudem noch zwangsgeschieden. Im Exil verteidigte er weiterhin die Idee von der Geschaffenheit des Koran, die Willensfreiheit des Menschen, die Gott ihm einräume sowie die daraus resultierende Trennung von Staat und Religion. Dem Westen warf er vor, dass er aus Angst vor einem Islam, der letztlich ein Konstrukt sei, diktatorische Regime in Ägypten und der Region unterstützt habe.

Die Internationale Theologische Kommission im Vatikan untersuchte – auf ausdrücklichen Wunsch Papst Benedikts XVI. – 2009 in dem viel zu wenig beachteten Dokument „Auf der Suche nach einer universalen Ethik. Ein neuer Blick auf das Naturrecht“ auch die islamischen Ansätze. Die islamisch-theologische Schule der Mu’taziliten im 9. Jahrhundert, so wissen die Autoren zu berichten, habe bereits der Vernunft selbständig die Möglichkeit der Erkenntnis zugeschrieben, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und Pflichten daraus abzuleiten. Der Boden für philosophische Geistesanstrengungen und für die Hochschätzung der Vernunft war in der frühmittelalterlichen islamischen Welt fruchtbar. Es war eine Blütezeit islamischer Theologie, mit Parallelen zur antiken christlichen Gelehrsamkeit: Die rationalistische Schule der Mu’taziliten führte zudem den Begriff von der Geschaffenheit des Koran in den damaligen Diskurs ein, mit dem Argument, neben Gott könne es keine weitere ewige Existenz geben. Die Mu’taziliten interpretierten mehrdeutige Verse des Koran als metaphorisch und lasen sie nicht wörtlich. Jahrhunderte später wurde Averroes (Ibn Rushd; 1126 bis 1198), für seine Koran-Interpretation bekannt. Durch seine Aristoteles-Kommentare hatte er wiederum großen Einfluss auf die Scholastik, insbesondere auf Thomas von Aquin.

Die Mu’taziliten konnten sich mit ihrer Position nur eine Weile politisch durchsetzen. Die Lehre von der Ewigkeit des Koran gewann die Oberhand und damit die Ablehnung der Interpretation. „Doch die Ash’ariten, die in der sunnitischen Orthodoxie vorherrschen, vertraten eine gegenteilige Theorie“, stellten die Theologen in dem Dokument von 2009 fest. Die Ash’ariten akzeptierten allein die Offenbarung, sprich den Koran, als Erkenntnisquelle. Es gibt noch eine dritte Richtung, zu deren Anhängern der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi zählt. Es ist die Schule der Maturidiyya. Der Begründer Mansur Maturidi war ein Gelehrter aus Samarkand, Transoxanien, im heutigen Usbekistan. Offenbarung und Verstand werden dabei miteinander verknüpft.

Von einem Botschafter der arabischen Golfstaaten war der Philosoph Murad Wahba einmal gefragt worden, wie schnell seine Regierung ihr Land entwickeln könne. „Mindestens fünfzig Jahre, aber dann müssen Sie das Land von Ibn Taimiya reinigen und Averroes importieren.“ Im Gegensatz zu den Mu’taziliten verteidigte der muslimische Gelehrte Ibn Taimiya (1263 bis 1328) eine wörtliche Auslegung des Koran und wandte sich gegen die Interpretation von Koranversen als Metaphern, christliche und jüdische Einflüsse, schiitische Heiligenverehrung wie gegen die islamische Philosophie insgesamt. Ibn Taimiya betrachtete es als oberste Aufgabe des Staates, den Bestand des islamischen Rechts zu garantieren. Sein Staatsverständnis wie das identische von Mohammed Ibn Abdel Wahhab (1703 bis 1792) ist in Saudi-Arabien Staatsdoktrin und diente von Anfang an dazu, die Herrschaft der Dynastie der Saud religiös zu legitimieren. Anhänger sind Al Kaida, Salafisten und Taliban. Die Mörder des ägyptischen Präsidenten Sadat legitimierten ihre Tat mit Verweis auf eine Fatwa Ibn Taimiyas: Da in Ägypten nicht das islamische Recht praktiziert werde, sei die Regierung ungläubig.

Trotz dieser Rückschläge zeigt die Geschichte: Die Christen sind somit nicht die einzigen Erben des Hellenismus. Der ägyptische Islamwissenschaftler und Vatikanberater Samir Khalil Samir, ein Jesuitenpater, verweist gerne auf die Gelehrsamkeit und Kulturvermittlung der Nestorianer (Anhänger der Assyrischen Kirche des Ostens) während der Herrschaft der Abbasiden, als der Sitz des Kalifats sich in Bagdad befand (750 bis 1258). Die islamischen Herrscher hätten die Weisheit besessen, sich Wissen der alten Kulturen, die sie erobert hatten, vermitteln zu lassen, welches in Schulen und Klöstern gewonnen, entwickelt und weitergegeben worden war. „Als die Muslime nun in Syrien ankommen, sind sie von den Gebäuden, Palästen, Kirchen, Klöstern, von dieser Technik und dieser ganzen Wissenschaft, die das alles ermöglicht hat, geblendet“, schreibt er in dem gemeinsam mit der Autorin verfassten Buch „Muslime und Christen“. Griechisch war seinerzeit die Sprache der Gebildeten in der koptischen, sowie in der syrischen und der chaldäischen Kultur. So gerieten die christlichen Gelehrten in die Rolle von Kulturmittlern; sie bildeten lebende Brücken zwischen Griechen und Arabern.

Es gibt eine direkte Verbindung der aristotelisch-neuplatonischen Schule von Alexandria, in der Tradition der neuplatonischen Schule von Athen, nach Bagdad. In der ägyptischen Hafenstadt ausgebildete Syrer bauten um 720 die Schule von Antiochien wieder auf. Im Jahr 850 starb dort der letzte Lehrmeister. Zwei Schüler trugen die hellenistische Tradition nach Merw (heute Turkmenistan) und Harran (heute Türkei) und von dort brachten sowohl Ibrahim al-Marwazi und Yuhanna ibn Haylan diese Lehre nach Bagdad. Ibrahim wurde Lehrer von Matta ibn Yunus, dessen Schüler später Yahya ibn Adi und Al Farabi hießen. Letzterer hatte zuvor bei Yuhanna in Harran studiert. Al Farabi (ca. 870 bis 950) wird in der islamischen Philosophie als der zweite Aristoteles gehandelt und der einzige Muslim unter den großen Aristotelikern seiner Zeit. Yahiya ibn Adi (893 bis 974), ein syrischer Christ, war wiederum ein Vierteljahrhundert lang der führende Aristoteliker der islamischen Welt.

Es geht letztlich nicht nur darum, gemeinsame Werte zu finden. Auch die Art und Weise, wie Werte geschützt werden sollen, spiegelt das dahinter stehende Menschenbild wider. Der Menschenrechtsbegriff der Aufklärung kann schließlich den ideengeschichtlichen Weg von der griechischen Antike über das Christentum, das die Vorstellung von der Willensfreiheit von den älteren Brüdern (Dtn 11,26) geerbt hat, nicht verleugnen.Hinsichtlich einiger Aspekte hat die Aufklärung sogar das christliche Menschenbild in seiner Verwirklichung gestärkt: Diese Anthropologie misst Einsicht, Buße und Umkehr besondere Bedeutung bei. Davon ist auch die europäische Rechtskultur stark geprägt: Aber der Säkularismus brachte auch neuen Schatten, der immer dort hinfällt, wo Religion als bedeutungslos betrachtet wird. In der politischen Auseinandersetzung um den Erhalt abendländischer Werte sollten Christen deshalb hellhörig werden, ob nicht eine Religion als Karikatur mißbraucht wird, um letztlich jeglichen Glauben als Erkenntnisquelle für das Wahre und Gute zu marginalisieren.

[Erstmalig erschienen: Die Tagespost, 8. Januar 2015]

 

 

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