Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander

Familien reich an Geld und Einfluss haben immer noch das Sagen

Von Michaela Koller

MANILA, 11. Januar 2015 (Vaticanista/Die Tagespost).- In den Straßen der philippinischen Hauptstadt Manila ist Papst Franziskus anscheinend schon angekommen. „Mabuhay! Willkommen, Eure Heiligkeit Papst Franziskus“, ist auf unzähligen Plakaten zu lesen und vielerorts grüßt sein Konterfei die Filipinos und Besucher der modernen Geschäftsviertel.

Moderne Wolkenkratzer im wirtschaftlichen Herz Manilas, in Makati, könnten über die Tatsache hinwegtäuschen, dass dies noch immer eines der ärmsten Länder der Erde ist. Vielen Filipinos machen die enormen wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu schaffen. In einem Land mit über 98 Millionen Menschen lebt etwa ein Viertel davon Regierungsstatistiken zufolge unterhalb der Armutsgrenze. Die Philippinen werden von vielen Ländern überrundet, die sogar vorzeitig erreicht haben, extreme Armut zu halbieren, wie es in den Millenniums-Entwicklungszielen vorgesehen war. Und wiederholt verschärfen Naturkatastrophen die ohnehin prekäre Lage, wie etwa der Taifun Haiyan/Yolanda, der Anfang November 2013 mit einer unglaublichen Zerstörungskraft über die Philippinen hinwegfegte.

Die Ursachen schleppenden wirtschaftlichen Aufstiegs wurzeln nicht zuletzt in der Konzentration der Finanzmacht in den Händen einiger weniger mächtiger Familien. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Engagierte Katholiken erwarten, dass Papst Franziskus diese Strukturen anprangern wird. Die Schuldendienstquote liegt unter zehn Prozent. Immerhin ist es der Regierung unter Präsident Benigno Aquino III. (seit 2010) gelungen, ein Programm zu entwerfen, dass verarmte städtische Familien vor dem Abrutschen ins Elend bewahrt. Darüber hinaus setzt der Sohn der ersten demokratischen Präsidentin Cory Aquino (1986 bis 1992) auf die Stimulierung des Wirtschaftswachstums unter anderem durch den Ausbau der Infrastruktur, um das Land für Investitionen attraktiver zu gestalten.

Der irische Kolumbaner-Missionar Pater Shay Cullen und Gründer der philippinischen Preda Stiftung zur Förderung von Menschenrechten kritisiert jedoch: „Die philippinische Regierung und ihre Hintermänner halten an einer Wirtschaftsideologie fest, die multinationalen Unternehmen gestattet, die Wirtschaft und die natürlichen Ressourcen auszubeuten, wodurch sie selbst immer reicher werden und der Rest der Nation stetig ärmer wird.“ Als Beispiel nennt er die Bergbaugesetze, die der philippinische Kongress verabschiedete, und die internationalen Bergbauunternehmen beispiellose Privilegien einräumen, in einem Ausmaß, das er zusammen mit vielen anderen Beobachtern für verfassungswidrig einschätzt. Sie zerstörten die Umwelt mit ihrem Tagebau; das Abholzen der Wälder durch sie verursache Erdrutsche und andere Katastrophen. Mittlerweile würden ganze Dörfer und Gemeinschaften entwurzelt und in die Armut getrieben.

Durch die Gier der dynastischen Familien nehme deren Ausmaß zu. Diese Clans hielten auch ein politisches Machtmonopol, das durch das Militär gesichert ist. Ihnen sei es gelungen, Gesetze zu verabschieden, die es Mitgliedern des Kongresses erlaubten, riesige Geldsummen aus der Staatskasse für so genannte Entwicklungsprojekte in ihre Wahlkreisen abfließen zu lassen. Aber der größte Teil davon werde auf private Konten abgezweigt. Zurück ein Jahr, in dem Enthüllungsgeschichten über Korruption auf höchsten Ebenen der Macht monatelang die Schlagzeilen beherrschten. Laut Weltbank-Informationen übersteigt der Grad der Vorteilnahme in dem Inselstaat den anderer führender Industrieländer der Region deutlich. Sie gibt auf allen Ebenen der Verwaltung und im Rechtswesen möglichen Investoren Anlass zur Besorgnis. Mit ihrer Politik erreichte die aktuelle Regierung eine leichte Besserung. Am politischen Nepotismus wird sie eher nichts ändern können: Familien und ihre Allianzen einerseits sowie einflussreiche Namen prominenter Stars bestimmen die politische Arena, politische Parteien und Sachthemen geraten in den Hintergrund. Das führt zu entsprechenden Demokratiedefiziten.

Das Regierungsprogramm zur Armutsbekämpfung bezeichnet der Pater als eine „temporäre Schwimmweste“, die Armen in einem Meer von Armut und Hunger über Wasser zu halten. „Was wir brauchen, ist ein Wandel hin zu einer armutsorientierten Wirtschaftspolitik, die zentral Arbeitsplätze für die Armen schafft und eine Landreform unterstützt.“ Die Mittelklasse müsse zudem gestärkt werden. Andernfalls blieben die Philippinen auf absehbare Zeit eines der rückständigsten und ärmsten Länder.

Nur geringe Mittel bleiben für die Entwicklung des ländlichen Raums übrig. Daher ist d ie Landflucht ein großes Thema: Allein im Großraum Manila leben 17 Millionen Menschen. „Sie hoffen, in der Stadt Arbeit zu finden“, sagt Stephanie Schüller, Referentin für Ozeanien und Philippinen beim internationalen katholischen Missionswerk Missio in München. Sie endeten aber letztendlich doch nur in den Squatter-Siedlungen, weil sie ohne Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht werden. Durch regelmäßige Naturkatastrophen wie Taifune nehme die Zuwanderung in die Städte noch zu, da die Menschen nach der Evakuierung dort blieben und auf die große Chance hofften, die ausbliebe. „Bei den Frauen besteht dann auch die Gefahr, in die Prostitution abzurutschen.“

Da Arbeitsplätze fehlen, gehen viele Filipinos ins Ausland, nach Australien oder in die reicheren asiatischen Industrieländer, oder heuern in den arabischen Golfländern an. Wenn sie Glück haben, gelangen sie nach Europa. Viele Frauen arbeiten als Haushaltshilfen oder in der Kinderbetreuung, weil dafür keine speziellen Qualifikationen erforderlich sind. „Sie werden aber oft von den Arbeitgebern im Ausland ausgenützt“, berichtet Schüller. Von ihren Einsatzorten aus überweisen sie der Familie in der südostasiatischen Heimat Geld, das daheim spürbar die Konsumnachfrage verstärkt, ein wesentlicher Wachstumsfaktor.

„Die Abwanderung hat auch Auswirkungen auf die Familie: Wenn ein Elternteil oder sogar beide Eltern im Ausland arbeiten, sehen sie sich dann nur einmal im Jahr oder oft auch nur alle zwei, drei Jahre“, sagt Schüller weiter. Sie begegneten sich praktisch wie Fremde. Was den Kindern allein bleibt, ist das Geld für den Unterhalt und die Schulbildung, aber wenig Nestwärme – mit fatalen psychischen Folgen, wie Bindungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten. „Viele Familien zerbrechen daran“, berichtet Schüller. Die Zahl der Eltern, die ins Ausland gehen, nehme stetig zu.

Einer Verrohung der Gesellschaft, die sich auch in Menschenrechtsverletzungen durch staatliche Sicherheitsbehörden offenbart, leistet der Zerfall der Familien als Keimzelle der Gesellschaft eher noch Vorschub. Bereits seit 2007 helfen Menschenrechtsbüros Polizei und Militär, diese Rechtsstaatsdefizite in den Griff zu bekommen, die noch auf die Zeit des Ausnahmezustands von 1972 bis 1981 unter dem Diktator Ferdinand Marcos zurückgehen, als Folter, ungesetzliche Tötungen und Verschwindenlassen an der Tagesordnung waren. Weiterhin quälen und erniedrigen Angehörige der Sicherheitskräfte Verdächtige, wie Amnesty International in einem Bericht von vergangenen Dezember beklagt. Trotz eindeutiger Gesetzeslage seit 2009 kommen die Täter meist davon. Im Jahr 2012 waren 63 Fälle belegt, 2013 75 Fälle. Die philippinische Menschenrechtskommission bestätigt jedoch, dass die Dunkelziffer weiter darüber liegt. Unterstützt durch ausländische Organisationen werden spezielle Menschenrechtstrainings und entsprechende Prüfungen durchgeführt.

[Erstmalig erschienen: Die Tagespost, 10. Januar 2015]

 

 

 

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