Nach den Bluttaten von Paris: Neue Debatte über Freiheitsrechte und friedliches Miteinander

Unterschiede in der Auslegung des Koran sowie der Meinungsfreiheit

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 13. Januar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Nach der Welle islamistischer Anschläge in den ersten Tagen dieses Jahres könnte eine breitere Debatte über gemeinsame Prinzipien im Zusammenleben zwischen Muslimen, Christen und anderen in Bewegung kommen: Stellungnahmen von Islamgelehrten wie Kommentaren zu den Attentaten von Paris weisen in diese Richtung. Darunter ist einiges Selbstkritisches von Muslimen zu lesen: Mouhanad Korchide, Professor für islamische Religionspädagogik in Münster und Vertreter eines modernen Islam, fordert die anderen Islamgelehrten im Interview für Focus-Online dazu auf, zu gewaltverherrlichenden Passagen im Koran Stellung zu nehmen.

„Die Verdrängung, das habe nichts mit unserem Glauben zu tun, funktioniert nicht länger.“ Es werde nun ein humanistischer Islam wachgerüttelt. Er möchte die „offenen, menschenfreundlichen Positionen“ gestärkt sehen, die die islamische Theologie auch biete. Einen zeitlos gültigen Tötungsbefehl gegen Nichtmuslime könne er dem Koran nicht entnehmen. „Diese historische Aufarbeitung wird bereits geleistet, muss aber viel stärker kommuniziert werden, um die Kräfte zu schwächen, die eine wortwörtliche Auslegung des Koran propagieren“, sagte er. Vor allem salafistische Moscheen in Deutschland und Europa verbreiteten die menschenverachtenden Thesen. Diese Ideologie suggeriere jungen Menschen am Rande der Gesellschaft, anstatt Verlierer zu bleiben durch den extremistisch interpretierten Glauben zu Gewinnern werden zu können. Die Vorstellung, dass auch Gott gegen Nichtmuslime gewaltsam vorgehe, widerspreche zudem der Gerechtigkeit Gottes.

Die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher forderte, die islamische Theologie solle das Gebot, dem Religionsstifter Mohammed in seinem Kampfeseifer zu folgen, endlich relativieren: „So lange die Kampfaufrufe Mohammeds und der Kalifen nicht für alle Zeiten für ungültig erklärt werden, wird der Islam sein Gewaltproblem nicht loswerden.“ Auch bei der Frage, wann sich der Islam verteidigen müsse, bedürfe es einer klaren Position. Nach Schirrmachers Auffassung reicht es nicht, wenn sich nur Vertreter des modernen Islam in Europa entsprechend äußern: „Allerdings muss die Demaskierung von Gewalt und die generelle Distanzierung der Theologie von allen Quellen des Islam, die Gewalt unter welchen Vorzeichen auch immer rechtfertigen, aus der Mitte der islamischen Theologie selbst kommen.“

Sie appellierte auch an die Politiker, den Dialog auf die Demonstranten von Pegida auszuweiten: „Sie öffentlich über die Medien abzukanzeln wird nur ihren Zulauf verstärken. Gesprächseinladungen, kritisch-konstruktive Dialoge und ein Ernstnehmen der berechtigten Anliegen wären besser.“ Ausdrücklich warnt sie vor der Gefahr der Einschränkung der Freiheitsrechte: „Die Einschränkung der westlichen Pressefreiheit, auch Kritisches oder Satirisches über den Islam zu berichten, würde ihm als einzigem eine Sonderrolle der Unantastbarkeit zubilligen.“

Was die Freiheitsrechte der Satiriker betrifft, so herrscht in Deutschland keineswegs die einhellige Meinung, dass diese in der rechten Weise davon Gebrauch gemacht haben. Der bekannte Penzberger Imam Benjamin Idriz verurteilte in seiner Freitagspredigt, die er auf seine Facebook-Seite gestellt hat, die Gewalt der Täter, ermahnte seine Gemeinde zugleich zu Geduld und Gelassenheit. Dies belegte er mit dem Koran, wo es in Sure 73:10 heißt: „Und ertrage standhaft, was sie (beleidigende Worte) sagen, und meide sie auf schöne Weise.“ Wenn es nach Idriz ginge, wären die Karikaturen von Charlie Hebdo aber eher ein Störfall als Ausdruck eines Freiheitsrechts: „Diese Beleidigungen unter dem Vorwand der Ausdrucksfreiheit können weder zu den europäischen Werten der Freiheit etwas beitragen noch bei den Muslimen die Liebe zu ihren religiösen Symbolen infrage stellen“, sagte er. Solche Beleidigungen mobilisierten die Extremisten auf beiden Seiten und nährten den Hass zwischen den Gesellschaften. „Trotz allem dürfen Muslime den Missbrauch der Freiheit in keiner Weise mit Hass und Gewalt erwidern“, sagte er weiter in Bezug auf die religionskritische Satire.

Auch katholische Stimmen, distanzierten sich von der allgegenwärtigen Solidaritätsbekundung „Ich bin Charlie“. Stefan Rehder bezeichnete sie in seinem Leitartikel für die katholische Zeitung Die Tagespost als „eine kindische Sympathie“, deren Bekundung weder hilfreich sei noch stimme. Nicht alle seien Charlie: „Denn eine offene und freiheitliche Gesellschaft wird nicht dadurch offen und freiheitlich, dass sie das, was anderen heilig ist, lächerlich und verächtlich macht.“ Vielmehr sei das Gegenteil der Fall. Eine Gesellschaft könne in dem Maße als offen und freiheitlich betrachtet werden, in dem ihre Mitglieder einander mit Respekt begegneten.

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Interreligiöser Dialog, Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.