„Die islamische Welt befindet sich in einer Revolution“

Historiker Wolffsohn über die nach Paris zu ziehenden Lehren

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 14. Januar (Vaticanista/KNA).- Der im heutigen Israel geborene Historiker Michael Wolffsohn (67) warnt nach den Terror-Anschlägen in Paris auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt vor einem Generalverdacht gegenüber Muslimen. Der emeritierte Professor, der bis 2012 an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München lehrte, sieht besonders in Integrationsdefiziten eine sicherheitspolitische Gefahr. Für die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach Michaela Koller mit ihm über Hintergründe und Lehren aus dem Schock über die Ereignisse.

Copyright: Michael Wolffsohn

Copyright: Michael Wolffsohn

Herr Professor Wolffsohn, weltweit wird derzeit Terror islamisch begründet. Was treibt die Täter an?

Wolffsohn: Das ist eine sehr brisante Mischung, aber eben eine Mischung. Sie besteht aus vielem, nicht nur aus religiösen Motiven oder was diese Leute für Religion halten. Das Verstehen der Tatmotive ist intellektuell aufschlussreich. Wichtiger aber ist: Verhindern und bestrafen. Das ist zunächst eine Frage der Sicherheitspolitik, nicht der Pseudo-Philosophie oder -Theologie. Das gilt auch für Nichtmuslime, die, obwohl ahnungslos, behaupten, Islam schließe Gewalt grundsätzlich aus. Auf eine Formel gebracht: Die islamische Welt befindet sich, nicht nur aus religiösen Gründen, in einer Revolution, also einer Zeit des totalen Umbruchs. Revolutionen sind leider immer blutig. Es gibt sie da, wo die Institutionen nicht funktionieren.

Heißt das, dass diese Revolution nun nach Europa importiert wurde?

Wolffsohn: Die Institutionen funktionieren, bezogen auf Muslime, weder in der islamischen Welt noch in Westeuropa. Das kann aber nicht strafmildernd sein. Wir sind bevölkerungspolitisch mit der islamischen Welt verkettet. Somit wurde Europa zum Nebenschauplatz nahöstlich-islamischer Konflikte. Europa ist Nahost, denn Nahost ist in Europa.

Sprengen die Karikaturen, die die Attentäter von Paris zu ihrem Anschlag auf die Zeitung „Charlie Hebdo“ motivierten, den Rahmen der Meinungs- und Gewissensfreiheit oder ist Zweifel nicht auch in Form von Satire erlaubt?

Wolffsohn: „Charlie Hebdo“ erscheint in Europa. Das Magazin handelt gemäß unserer Elementarregeln. Diese können nicht a la carte nur für oder bezogen auf Einzelgruppen gelten. Wenn XY einen Missbrauch der Freiheit erkennt, kann er oder sie vor Gericht gehen. Allein dieses hat zu entscheiden, ob ein Regelverstoß oder ein Missbrauch vorliegt. Integration bedeutet nicht, dass die Mehrheit die Maßstäbe der Minderheit übernehmen muss. Mehrheitsherrschaft plus Minderheitenschutz. So geht es lang.

Muslimische Normalbürger sehen sich gedrängt, sich selbst für ihre Identität zu rechtfertigen. Was wäre die Aufgabe ihrer Religionsführer?

Wolffsohn: Jeder Mensch hat Fragen an und Probleme mit seiner Identität. Das alles rechtfertigt nicht Verbrechen oder Mord. Die islamischen Religions-„führer“ müssen – wobei zu bemerken ist, dass es keine Zentrale, wie bei den Katholiken gibt – , wie Christen und Juden, sich weniger nach dem Buchstaben der religiösen Texte als vielmehr nach deren Geist richten. Sie müssen einen Bann oder Ähnliches über Fundamentalisten verhängen und aus ihren Rängen und Organisationen ausschließen. Taten zählen, nicht nur Worte.

Laut Umfragen wächst die Angst vor dem Islam in Deutschland. Wovor sollten wir uns jetzt politisch hüten?

Wolffsohn: Verallgemeinerungen über „den“ Islam, „die“ Muslime, „die“ Deutschen, „die“ Juden und weiteren Unsinn dieser Art.

[Erstveröffentlichung: KNA 13. Januar 2015; alle Rechte an dem Text liegen bei KNA]

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