„Die Mehrheit der Muslime will nicht mit der ganzen Welt im Krieg sein“

Interview mit Islamwissenschaftler Pater Samir Khalil Samir SJ

Von Michaela Koller

ROM, 15. Januar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Pater Samir Khalil Samir SJ, Islamwissenschaftler und Vatikanberater, fordert im Interview mit ZENIT, die traditionelle Auslegung des Koran zu überarbeiten. Der Professor am römischen „Pontificio Istituto Orientale“ stammt aus Ägypten und lebte viele Jahre im Libanon. Der Jesuit ist Gründer des CEDRAC-Forschungsinstituts und Autor zahlreicher Bücher, darunter des Buches „100 Fragen zum Islam: Warum wir die Muslime nicht fürchten müssen“.

Pater Samir; Foto: Stephan Baier

Pater Samir; Foto: Stephan Baier

Pater Samir, Sie sind Islamwissenschaftler und haben auch schon in Paris gelehrt. Haben die Attentäter den Koran völlig missverstanden?

P. Samir: Die Muslime sagen nun überall, vor allem aber in Europa, dass das, was passiert ist, nichts mit dem Islam zu tun habe. Sie betonen oft, Islam leite sich von Salam, von Frieden ab. Es ist aber falsch: „islām“ kommt nicht von „salām“, sondern vom Verb „aslama“ – sich unterwerfen. Aber all diese Gruppen, ob es Islamischer Staat (IS), Boko Haram oder Al Kaida ist, sagen, sie handelten im Namen Gottes und im Namen des Islam und rufen dabei „Allāhu akbar“, (was der Kriegsruf der Muslime ist) oder das islamische Glaubensbekenntnis. Alle diese Gruppen haben einen Imam als ihren geistlichen Vater, der entscheiden soll, ob in diesem oder jenen Fall das Töten von Menschen erlaubt (halāl) oder nicht erlaubt (harām) ist. Sie töten dann, weil es eine islamische Begründung im Koran oder aus dem Leben Mohammeds gibt. Es ist also nicht richtig zu sagen, im Koran sei alles friedlich.

Wo stehen die problematischen Passagen?

P. Samir: Wenn wir die Verse aus der zweiten Periode, aus Medina nehmen. Es gibt zwei Perioden: Die erste, mekkanische, vom Jahr 612 bis 622, als Mohammed schwach war, und die zweite Periode, die medinische, vom Jahr 622 bis 632 (dem Todesjahr Mohammeds). Wenn wir die Verse aus der zweiten Periode, aus Medina nehmen, enthalten sie kriegerische Verse. Er führte in zehn Jahren mehr als 60 Kriege (ghazwah). Die traditionelle Lehre geht davon aus, dass die letzte Periode die erste aufhebt, als letzte Botschaft Gottes für uns. Deshalb muss man ehrlich sagen, dass das, was diese Leute tun, ein islamischer Akt ist. Die Mehrheit der Muslime ist aber nicht damit einverstanden. Sie wollen nicht mit der ganzen Welt im Krieg sein. Zunehmend mehr Muslime sagen: Wir leben in einem anderen Kontext.

Wie kann denn der Islam eine Religion des Friedens werden?

P. Samir: Man muss den Koran neu interpretieren. Eine Hermeneutik fehlt im Islam. Sie haben das Wort sakralisiert und sagen über den Koran, dass dies als Gottes ewiges Wort auf Mohammed herab kam. Das ist aber mythologisch. Ebenso mussten dies Juden und Christen mit dem Alten und Neuen Testament tun. Die Kirche hat auch lange gebraucht, um zu lernen, dass man die Religion nicht mit dem Schwert verteidigen darf, obwohl sich das Neue Testament eindeutig gegen das Töten und gegen Aggressionen richtet. Nun ist es die Verantwortung der Imame zu sagen, zu erklären, dass Gott ein Gott des Friedens ist. Wir Menschen versuchen, friedlich zusammenzuleben, weswegen die Vereinten Nationen 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als Prinzipien verabschiedet haben. Die müssten die Imame schon in der Ausbildung lernen.

Worin sehen Sie die Ursache für die Radikalisierung junger muslimischer Europäer bis hin zum Entschluss zu solchen Gräueltaten?

P. Samir: Ich glaube, dass sich viele in einer inneren Krise befinden. Sie haben erstens keine gute Ausbildung bekommen, deswegen auch keinen guten Job. Manchmal sind sie nicht in die Gesellschaft integriert, weil ihre Familien neu angekommen sind oder sich nicht integrieren möchten. Sie bleiben unter sich und mischen sich nicht mit Angehörigen anderer gesellschaftlicher Gruppen. Dies zusammen mit kulturellen Gründen sorgt dafür, dass sie eine geringe soziale Stellung haben.

Zweitens suchen sie nach einem Weg und finden kein Vorbild in der Familie, etwa weil die Eltern selbst nicht gut ausgebildet sind. Sie besuchen dann Moscheen, deren Imam noch weniger integriert ist. Sehr oft predigen sie nur auf Arabisch oder Türkisch. Ihre Kultur ist auch wesentlich vom Islam geprägt. Sie akzeptieren nicht ihre Umgebung und diese nimmt sie nicht an. Dann kommen die Salafisten und sagen ihnen, wie sie in ihrem Leben einen Sinn erkennen und wie sie zu Gewinnern werden können.

Was kann die Gesellschaft in Frankreich und in Deutschland tun?

P. Samir: Das erste Ziel, das schon erkannt wurde, ist die Integration. Die Regierungen sollten den Migranten helfen, sich zu integrieren: durch Sprachvermittlung, gute Schulen und Wohnungen, dass sich nicht alle in ein und demselben Viertel wiederfinden. Meiner Erfahrung nach waren die muslimischen Zuwanderer in den fünfziger und sechziger Jahren viel besser integriert. Das bedeutet heute aber, dass es viel zu tun gibt. Ein Aspekt ist die Sprache, die sie perfekt beherrschen sollten, um sich wohl zu fühlen und einen besseren Job zu finden. Aber das ist nur der Anfang.

Vor allem sollten sie die Kultur der Nation akzeptieren. Ich bin selbst 100prozentig Ägypter, fühle mich aber auch in Rom wohl. Wenn aber die Imame, was sie tatsächlich tun, die Kultur als heidnisch brandmarken, fühlen sich die Jugendlichen innerlich hin und her gerissen. Sie finden ihre Umgebung teilweise attraktiv, aber in der Moschee hören sie, dass diese Welt so schlimm sei. Das, was die Imame immer wiederholen, lautet: Wir sind anders und wir sind besser. Das ist sehr gefährlich. Sie müssen sich zu Persönlichkeiten entwickeln, die sich nach ihrem eigenen Gewissen ausrichten und nicht nach den Ideologen unter den Imamen.

[Samir Khalil Samir veröffentlichte 2011 mit Michaela Koller das Buch „Muslime und Christen – Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft“]

 

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