Nigeria: Offen über den Glauben sprechen

Kirche in Not: Pater-Werenfried-Jahresgedenken mit Gästen aus Nigeria und Ägypten

Von Michaela Koller

KÖLN, 20. Januar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Christen in Europa müssen mehr über ihren Glauben Zeugnis ablegen, hat am Samstag der Jesuitenpater und Vatikanberater Samir Khalil Samir in Köln angemahnt. „Ein Christ ohne eigene missionarische Aktivitäten ist nur ein halber Christ“, sagte der ägyptische Geistliche beim Jahresgedenken an Pater Werenfried van Straaten, zu dem das weltweite katholische Hilfswerk Kirche in Not eingeladen hatte. Christen verbreiteten ihren Glauben aber durch das Zeugnis, nicht durch Gewalt, betonte Samir vor mehreren hundert Gästen. Die Einwanderung von Muslimen könnten die europäischen Christen auch als Gnade sehen: „Gott schickte die Muslime zu uns“, sagte er. Er verstehe Bischöfe nicht, die Mission als Proselytismus ablehnten. Jedem Christen sei es aufgetragen, für seinen Glauben Zeugnis abzulegen.

Das Podiumsgespräch zusammen mit dem Erzbischof von Jos in Nigeria, Ignatius Kaigama, stand unter der Leitfrage: „Islamismus außer Kontrolle – wer stoppt die Fanatiker?“ Samir Khalil Samir, der den Vatikan als Islamwissenschaftler berät, erkennt mehrere Ursachen für das Ausufern islamistischer Gewalt. Zum einen sei der Terror ein strategisches Mittel, um eine radikale Vision durchzusetzen. „Sie benützen Gewalt, um zu zeigen, dass sie bereit sind, alles zu tun“, sagte der Jesuit Samir. Die Muslime würden auf diese Weise eingeschüchtert und der Westen abgeschreckt.

Nachhaltig Zulauf erhielten die radikalen Gruppen, weil sie ihren Anhängern eine neue Stärke, gegründet auf Moral, versprechen. Mit Wehmut blickten muslimische Araber auf die Zeiten alten Ruhms. Im 13. Jahrhundert sei die arabisch-islamische Welt dem Abendland noch kulturell überlegen gewesen. Europa habe seither den Orient hinter sich gelassen. Aus der Tatsache, dass im Zeitraum 636 bis 641, also binnen fünf Jahren, die Muslime den gesamten Nahen Osten erobert hätten, leiteten Islamisten irrtümlich ab, durch eine neue Worttreue zum Koran könnten sie zu alter Macht und Größe zurückkehren. Der traditionelle Islam kenne zudem keine Hermeneutik.

Regime wie Saudi-Arabien und Katar stützten ihre Legitimation auf eine rigide Auslegung des Koran. Zudem sei der Islam von Anfang an ein Konzept gewesen, dass für alle Bereiche des Lebens, also auch kulturelle, soziale und politische Antworten anbiete. Nun ginge es aber um eine neue Vision von Theologie, die eine weitere Interpretation zulasse: Dazu reiche es nicht aus, dass einige Hundert Gelehrte offene Briefe verfassen. „Warum gehen dafür nicht Massen auf die Straße demonstrieren, wie sie es gegen Israel und Amerika machen?“, fragte Pater Samir.

Europas Gleichgültigkeit und Passivität gegenüber den Bedrängnissen afrikanischer Glaubensgeschwister kritisierte der nigerianische Erzbischof Kaigama. Er berichtete, dass seit neuestem auch minderjährige Mädchen von der radikalislamischen Terrorgruppe Boko Haram dazu angeworben würden, sich auf Märkten in die Luft zu sprengen, um möglichst viele Zivilisten in den Tod mitzureißen. Anfangs seien nur christliche und staatliche Einrichtungen Ziele der Anschläge von Boko Haram gewesen. „Prominente muslimische Stimmen haben sich auf die Seite der Christen und der Regierung gestellt“, sagte der Erzbischof, der Präsident der nigerianischen Bischofskonferenz ist. Nun würden alle wahllos angegriffen, die nicht mit ihrer Vision, ein islamisches Kalifat zu errichten, übereinstimmten. Nach fünfjährigem Kampf sei das vergangene Jahr das brutalste gewesen. Und gleich zu Jahresbeginn sind schätzungsweise 2.000 Menschen in einem nordnigerianischen Dorf massakriert worden.

In ihrer Treue zum Glauben habe der andauernde Terror die Christen nicht erschüttert. Sie sprechen ohne Angst und Scham offen über ihren Glauben und riskierten ihr Leben als Bischöfe, Priester und einfache Christen. Einschränkungen durch mangelnde Sicherheit nehmen sie Kaigama zufolge ebenso in Kauf wie lange Wege zum nächsten Gotteshaus: „Mit der Gnade Gottes waren an Weihnachten die Kirchen wieder voll. Boko Haram hat nicht erreicht, was sie wollten“, berichtete Kaigama.

In einem weiteren Podiumsgespräch am Nachmittag ging es um „die christliche Familie – das Fundament Europas“. Die Publizistin Birgit Kelle („Dann mach doch die Bluse zu: Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn) sprach über neueste Entwicklungen des Gender Mainstreaming zusammen mit Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Sprecherin der Initiative Familienschutz. Jährlich lädt Kirche in Not im Gedenken an seinen Gründer, den „Speckpater” Werenfried van Straaten, zu einer Veranstaltung nach Köln ein. Das Jahresgedächtnis beginnt jeweils am späten Vormittag mit einer Heiligen Messe im Kölner Dom und wird am Nachmittag mit zwei Podiumsrunden zu weltkirchlichen Themen fortgesetzt.

Pater Werenfried hatte nach dem Zweiten Weltkrieg von Belgien aus Hilfslieferungen für die deutschen Heimatvertriebenen organisiert. Da diese Hilfe zunächst vor allem aus Nahrungsmitteln bestand, erhielt er den Spitznamen „Speckpater”. Aus der von ihm gegründeten „Ostpriesterhilfe” ging später das Hilfswerk Kirche in Not hervor. Pater Werenfried starb am 31. Januar 2003.

 

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