„Respektlosigkeit vertieft weiter den Graben“

Interview mit dem deutschen Monsignore Joachim Schroedel in Kairo

Von Michaela Koller

KAIRO, 20. Januar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Ein Beobachter gibt Entwarnung: Monsignore Joachim Schroedel aus Kairo erwartet unmittelbar auf die neue Ausgabe des religionskritischen Satiremagazins Charlie Hebdo keine Gewalt an seinem Einsatzort. Aber die westliche Auffassung von Meinungsfreiheit wird dort nicht verstanden. Der Ruhestandsgeistliche lebt seit zwei Jahrzehnten in Ägypten und hat dort viele Verbindungen zu koptischen Christen und Muslimen aufgebaut. Von 1995 bis 2014 war er im Auftrag des Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz Seelsorger für die etwa 10.000 bis 15.000 deutschsprachigen Katholiken in Ägypten, Libanon, Syrien, Jordanien und Äthiopien. Michaela Koller sprach mit ihm über das globale Miteinander von Christen, Muslimen, Anders- sowie Nichtgläubigen in der Auseinandersetzung um Freiheitsrechte.

Die neue Ausgabe von „Charlie Hebdo“ ist herausgekommen. Sie zeigt wieder den islamischen Religionsstifter Mohammed in einer Karikatur. Er trägt das Schild „Je suis Charlie“. Darüber ist zu lesen: Alles ist vergeben. Wie sind die Reaktionen darauf in Kairo?

Msgr. Schroedel: Bekannt ist, dass sowohl der Mufti Ägyptens als auch Vertreter der Al Azhar – Universität sich negativ über die neuerlichen sogenannten „Karikaturen“ geäußert haben. Der Großmufti erklärte, es handele sich dabei um eine ungerechtfertigte Provokation von 1,5 Milliarden Muslimen weltweit. Der Chefberater des Grossmufti, Ibrahim Negm, wünschte sich bei einer Ansprache in der Martin-Luther-Kirche in New York, dass Muslime sich nicht provozieren lassen und diese Dinge ignorieren sollten. Klar ist, dass die Mentalität eines orientalischen Muslim von europäischen Muslimen zu unterscheiden ist.

Über Jahrzehnte sind die heute in Europa lebenden Muslime mit der gesellschaftlichen Offenheit und gelebten Kritik an Allem und Jedem vertraut. Hier in Ägypten habe ich aber in den letzten Tagen bei Gesprächen immer wieder hören müssen, den Europäern sei nichts mehr „heilig“, sie seien respektlos im Umgang miteinander und erst recht bezüglich religiöser Dinge. Ich erlebe hier seit 20 Jahren großen Respekt gegenüber mir als katholischem Geistlichen. Und diesen Respekt zolle ich auch meinem Gegenüber. Dies schließt meines Erachtens auch ein, dass ich im Umgang nie verletzend sein will. Eigentlich habe ich das auch so gelernt – doch die Gesellschaft in Europa hat sich diesbezüglich gewandelt. Unter dem Motto der Meinungsfreiheit kann heute fast alles gemacht oder gesagt werden. Der Paragraph 166 des deutschen Strafgesetzbuches steht meines Erachtens nur noch auf dem Papier.

Müssen wir noch mehr Gewalt befürchten?

Msgr. Schroedel: Ich denke nicht, dass es zu Ausschreitungen kommen wird. Dazu ist wohl die sogenannte Karikatur auf der jüngsten Ausgabe des „Charlie Hebdo“ zu harmlos. Und dennoch: Respektlosigkeit gegenüber dem, was anderen heilig ist – und wenn sie auch „weit weg“ zu sein scheinen, etwa hier in Ägypten – vertieft weiter den Graben. Hier ist man ohnedies der Meinung, „der Westen“ habe keinen (christlichen) Glauben mehr.

Es handelt sich aber um ein französisches Medium für französische Kunden. Warum wird da nicht differenziert?

Msgr. Schroedel: In einer vernetzen Welt kann man nicht davon sprechen, dass dieses „kleine“ Medium mit einer bisherigen Auflage von 60.000 nur für den französischen Markt geschaffen ist. Die neueste Ausgabe wurde in einer Höhe von mehreren Millionen gedruckt und in verschiedene Sprachen übersetzt. Und das Internet, das eben auch in Ägypten und anderen arabisch-muslimischen Ländern existiert, multipliziert nochmals. Wenn man heute in Europa eine Religion provozieren möchte, muss man auch daran denken, dass dies weltweite Ausstrahlung und auch Auswirkungen hat. Freilich: Was etwa von Deutschen als „normal“ angesehen wird, kann schon einige hundert Kilometer weiter als „abartig“ betrachtet werden.

Bei aller Globalisierung hat man verkannt, dass die Welt vielfältig ist und Mentalitätsunterschiede nicht einfach unter den Tisch zu kehren sind. Es ist schon fraglich, ob es richtig ist, die „europäisch-liberale Sicht“ unterschiedslos für alle Welt zu fordern. Für mich scheint es hier einen „gedanklichen Kolonialismus“ zu geben, der rücksichtslos die vermeintlichen Errungenschaften der „Freiheit“ auf alle anderen Länder übertragen will.

Was wäre Ihr Vorschlag, wie der Westen jetzt reagieren sollte?

Msgr. Schroedel: Auch „der Westen“ wird sich neu überlegen müssen, dass er nur ein (kleiner) Teil der Welt in all ihrer Vielfalt ist. Eurozentrismus kann nicht der Weg des Miteinanders sein. Das gilt übrigens nicht nur für den Bereich der Presse oder der Medien allgemein. Auch die Kirche ist nicht zuerst europäisch und dann auch noch etwas „Weltkirche“. Die Kirche ist – wohlverstanden – katholisch, also weltumspannend, und nur im Miteinander kann etwas gelingen.

Meinungsfreiheit ist nicht nur ein Grundrecht. Meinungsfreiheit ist meines Erachtens nach ein Menschenrecht. Doch habe ich ebenso darauf zu achten, dass es eben auch andere Meinungen als nur die meine gibt. Hier gilt es, zuzuhören und den anderen ernst zu nehmen. Sonst wird aus Meinungsfreiheit Meinungsdiktatur. Im Übrigen müssen wir auch sehr genau schauen, wen wir mit „dem Westen“ eigentlich meinen. Es gilt in allem eine größere Differenzierung zu leisten.

Aber gibt der Westen da nicht eine Errungenschaft auf, wenn hier Sünde mit Straftat gleichgesetzt wird? Es gehört zur Willensfreiheit, auch den Zweifel und gar den Irrtum zuzulassen. Wenn man bedenkt, dass Israel Gottesstreiter heißt, ist das ja eine ganz alte Idee, eben älter als Christentum, Islam und Aufklärung….

Msgr. Schroedel: Streit ist gut. Aber es mangelt an Streitkultur. Die unzähligen Talkshows sind dafür der beste Beweis. Es wird aufeinander eingedroschen, statt in einen echten Dialog einzutreten. Ein Dialog soll je zu einem weiteren Fortschreiten auf einem womöglich gemeinsamen Weg führen. Dabei muss jede „Partei“ die Fähigkeit entwickeln, zuzuhören und sich auch korrigieren zu lassen. Für mich ist auch das, was man heute in der Politik erleben muss, sehr schwach. Wenn etwa Kritik gleich als „Feindschaft“ definiert wird, wenn vehemente Anfragen aus der Bevölkerung mit dem Hinweis abgetan werden, dass diese Gruppe ja eigentlich nicht in unsere Gesellschaft passe, dann fehlt dieser Politik das nötige Rückgrat.

Wenn ich mir so die drastischen Strafen in vielen repressiven islamischen Systemen anschaue, drängt sich auch der Eindruck auf, dass die westliche Vorstellung von Umkehr, Buße, Versöhnung, Vergebung, die auch auf dem neuen Charlie-Hebdo-Titel wiedergegeben ist, ebenso provokativ ist wie Karikaturen…

Msgr. Schroedel: Drakonische Strafen und die manchmal totale Unterdrückung der Möglichkeit, seine Meinung zu sagen und Kritik an den Herrschenden zu versuchen, kann mit nichts gerechtfertigt werden. In Ägypten gab es unlängst mehrere Vorfälle und Anklagen gegen Menschen, die sich als „Atheisten“ verstehen. Und das wird staatlich verfolgt. Ein Schrecken für uns im Westen. Doch eben dies zeigt auch die Hilflosigkeit dieser Systeme, die sich nur gegenüber allem „Westlichen“ abschotten wollen. Mit aller Gewalt wollen sie nicht so werden wie „der Westen“. Aber ich frage mich, inwieweit wir selber zu dieser Abschottung beitragen.

Die „Gretchenfrage“ bei Doktor Faust ist mehr denn je gestellt: „Wie hältst Du es mit der Religion?“. Laizismus und Atheismus dürfen in unserer Welt auch Raum haben, dafür muss man sich im Sinne der Freiheitsrechte auch einsetzen. Und dennoch sollten diejenigen, die sich noch als „religiös“ definieren, sagen, was konkret sie darunter verstehen, und ob Religion noch mit Gott zu tun hat. Wenn neulich vor dem Brandenburger Tor erklärt wurde, dass alle drei monotheistische Religionen doch nur den Frieden wollten, wäre dies bereits ein wichtiger Schritt zu einer gemeinsamen Ethik. Aber das ist nicht der Kern von Religion, die letztlich den Menschen von Gott her definiert, dessen Schöpfung er ist.

Wir dürfen andererseits die Radikallaizisten, die dahinter stehen, nicht vereinnahmen, weil wir auch mit ihnen eine harte Auseinandersetzung zu führen haben. Was können wir Christen im Westen von den orientalischen Christen lernen?

Msgr. Schroedel: Orientalische Christen haben vor allem Mut. Sie sehen sich bestimmt in der gemeinsamen Verantwortung mit ihren muslimischen Freunden, diese Welt zu gestalten. Zugleich aber haben sie die Botschaft, dass Gott nicht der unberechenbare Allherrscher ist, sondern in Jesus Christus dem Menschen nahe kommt. Wir Christen im Westen müssen wieder das religiöse kleine Einmaleins lernen. Wir hören viel zu wenig vom Mensch gewordenen Gottessohn. Bischof Stefan Oster hat in seiner Predigt zum Diözesanpatrozinium in Passau eine bemerkenswert katechetische Predigt gehalten. Darin sagt er: „Ich würde die These vertreten wollen, dass überall dort, wo Christinnen und Christen tief in ihrer gläubigen, christlichen und kirchlichen Identität verwurzelt sind, dort können sie in großer Freiheit, in Liebe und Demut, aber auch mit großem Freimut und Dienstbereitschaft jedem Menschen begegnen, der anders und anderes glaubt.“ Diese Worte sprechen gerade den orientalischen Christen und speziell auch den hiesigen Priestern aus dem Herzen.

Es gilt wieder neu, diesen Jesus Christus „ins Spiel“ zu bringen. Leider höre ich immer mehr auch von Katholiken in Deutschland, es sei doch eigentlich egal, was man ist: Katholik, Protestant, Muslim, Jude. Die Hauptsache: Man glaube an Gott. Dem widerspreche ich vehement. Das Christentum hat es mit Christus zu tun. Das können wir ganz spürbar von den orientalischen Christen lernen.

 

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