„Die Gegenwehr gegen die Islamisten ist recht gering“

Interview mit Erzbischof Kaigama aus Nigeria über Boko Haram

Von Michaela Koller

KÖLN, 11. Februar 2015 (Vaticanista/Die Tagespost).- Erzbischof Ignatius Kaigama von Jos in Nigeria, Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz, war kürzlich zu Gast beim weltweiten katholischen Hilfswerk Kirche in Not. Michaela Koller sprach mit ihm über Hintergründe zur radikalislamischen Gruppe Boko Haram und das Miteinander von Muslimen und Christen in dem westafrikanischen Land.

Exzellenz, ein riesiges Massaker Anfang Januar bei Ihnen in Nigeria blieb hierzulande in den Medien wenig beachtet. Wissen Sie Genaueres?

Erzbischof Kaigama: Es war ja nicht das erste Mal, dass Boko Haram eine große Anzahl von Menschen attackiert hat. Seit dem Jahr 2009 ist die Gruppe nach und nach immer riesiger geworden. Sie greift christliche Stätten und öffentliche Einrichtungen an, darunter die Polizei und das UN-Gebäude in Abuja [2011, Anm. d. Red.], Banken, Zeitungshäuser und Märkte und nun sogar Moscheen. Somit ist dies nichts Neues. Viele Menschen sind dadurch umgekommen. Nur neulich in Baga haben sie eine wirklich große Anzahl getötet, wobei tatsächlich nicht ganz klar ist, wie viele ihnen zum Opfer fielen. Einige Quellen sagen, es waren 2.000 und andere sprechen von mehreren Hundert. Die nigerianischen Verteidigungsbehörden haben diese Behauptungen entlarvt, und geben eine Zahl von rund 150 Getöteten an.

Waren es Christen?

Erzbischof Kaigama: Nein, bei Baga handelt es sich um eine mehrheitlich muslimische Gemeinde. Aber sie haben viele christliche Orte vorher angegriffen. Das Ergebnis ist, dass wir Tausende Entwurzelte haben, die als Flüchtlinge an sicheren Orten untergebracht sind, in Abuja, Jos oder in anderen Diözesen, Was Baga betrifft, so könnten die Menschen von dort in die Wälder und Berge sowie in die Nachbarländer wie Tschad entkommen.

Was für eine Strategie verfolgt Boko Haram mit dem Terror?

Erzbischof Kaigama: Aus ihrer Sicht ist jeder, der ihre Vision nicht teilt, ein Ungläubiger. Entweder konvertiert er oder er wird umgebracht. So ist es ihr Bestreben, den nördlichen Teil Nigerias zu erobern. Sie haben bereits ein Kalifat in der Hoffnung errichtet, es schrittweise auf ganz Nigeria auszudehnen. Boko Harams vorrangiges Ziel ist die Schaffung eines islamischen Staates, nicht demokratisch, sondern durch die Scharia gelenkt.

Ist Boko Haram noch ein nationales Phänomen?

Erzbischof Kaigama: Es handelte sich zunächst zweifelsohne um ein lokales Phänomen, aber dabei blieb es nicht. Das Anführer der Sekte, Abubakar Shekau, bestätigte dies, als er angab, er habe nur mit einem Messer begonnen nun damit prahlen kann, dass er über sehr ausgeklügelte Waffen verfügt Flugzeuge vom Himmel holen. Wenn er so reden kann, ist das ein Hinweis darauf, dass sie Unterstützung erhalten, so hochentwickelte Waffen erwerben zu können. Ich kann Ihnen nicht sagen, woher.

Hat er dies nicht nur zur Abschreckung gesagt?

Erzbischof Kaigama: Aber sie haben tatsächlich Flugzeuge herunter geschossen! Sie nehmen es mit der Armee auf. Soldaten haben gesehen, dass die Waffen, die diese Rebellen trugen, höher entwickelt waren als ihre.

Welchen Einfluss hatte denn das Aufkommen von Boko Haram auf das Zusammenleben von Muslimen und Christen?

Erzbischof Kaigama: Zu Beginn des Aufruhrs, als Boko Haram begann, Kirchen anzugreifen und Christen zu ermorden, hat die islamische Gemeinschaft lediglich ihre Solidarität und Sympathie bekundet, aber ohne konkretes Handeln oder Reaktionen danach. Aber als Boko Haram begann, nach Angriffen auf Christen und öffentliche Einrichtungen auch Moscheen ins Visier nahmen und prominente Muslime umbrachten, begannen sie deutlicher zu werden. Sultan Mohammed Sa’ad Abubakar von Sokoto, Oberhaupt der Muslime in Nigeria, spricht nun sehr oft gegen Boko Haram. Auch der Emir von Kano hat gegen sie gewettert. Nun haben sie gedroht, den Emir umzubringen, nachdem sie seine Moschee überfallen und dabei mehr als Hundert Menschen ermordet haben.

Wie sieht die Gegenwehr aus?

Erzbischof Kaigama: Die Leute sind verängstigt. Die Menschen flüchten, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen und als Konsequenz daraus nimmt die Zahl der Binnenflüchtlinge an verschiedenen Orten zu. Boko Haram eroberte Dörfer sowie Städte und brachte lokale Regierungen unter ihre Kontrolle. Selbst die Soldaten fliehen, wenn sie die Situation nicht mehr unter Kontrolle haben. Und da ist dann niemand mehr, der die Leute beschützt. Es gibt keine Soldaten, die die Menschen davor beschützt, weil selbst sie nicht sicher sind und sich davon machen. Die Soldaten können den Rebellen nur begegnen, wenn sie dazu befähigt und gut bewaffnet sind, um ihnen mit Gewalt Widerstand zu leisten. Bislang ist jedoch die Gegenwehr recht gering.

Woher rekrutiert Boko Haram seine Kämpfer?

Erzbischof Kaigama: Ich weiß es nicht. Manche sagen, sie werben sie außerhalb Nigerias angeworben, aus dem Kamerun, Tschad oder Niger. Sie verfolgen unterschiedliche Strategien, neuerdings werben sie sogar unschuldige Mädchen als Selbstmordattentäter an. Sie bitten sie, improvisierte Sprengstoffe um ihre Taille zu tragen, zum Markt oder Einkaufszentrum zu gehen, und wenn die explodierten, würden sie sterben und sie sich im Himmel wiederfinden. Sie fragen sie: ‚Möchtest du in den Himmel kommen? Dann gibt es da eine Aufgabe für Dich.‘

Wie sieht denn aber der Dialog zwischen Muslimen und Christen im Alltag aus?

Erzbischof Kaigama: Natürlich hatten wir auch unsere Probleme, Spannungen, Misstrauen und Verdächtigungen gegen einander. Aber es hatte nie die Dimension wie jetzt. Frühere Krisen dauerten nie lange. Muslime und Christen sind auf so vielen Ebenen Partner.

Zum Beispiel?

Erzbischof Kaigama: In meiner Erzdiözese haben wir ein Dialog-, Versöhnungs- und Friedenszentrum, wo wir mit dem Dialog als privater Initiative begonnen haben. Wenn eine Krise aufkommt und Menschen getötet werden, holen wir die geschädigten Parteien an einen Runden Tisch und besprechen die Dinge. Vorigen Monat begannen wir mit einem Treffen mit muslimischen Vertretern, Repräsentanten anderer christlicher Gemeinschaften und Anführern verschiedener Stämme sowie mit Beamten der Wahlbehörde, um die Gemüter zu reinigen und Wege für das Zusammenleben in Frieden zu entwerfen, besonders mit Blick auf die Wahlen im Bundesstaat und ganz Nigeria im kommenden Februar.

Diese Woche sprechen wir mit den jungen Menschen über die Notwendigkeit friedlich zu sein, sich von Politikern fern zu halten, die sie vielleicht als Rowdys missbrauchen, um während der Wahlen Ärger zu bereiten. Wir haben eine ganze Armee von jungen Leuten, die nichts zu tun haben, und die leicht zu Gewalt anzustacheln sind. Das Problem Nigerias ist multidimensional: Boko Haram ist nur ein Teil davon. Zum Beispiel das Problem der Arbeitslosigkeit: Junge Leute mögen manchmal von den Angeboten Boko Haram verleitet werden. Weil sie mit ihrer westlichen Bildung keine Jobs gefunden haben, ist es leicht für Boko Haram anzubieten, das mit der Scharia zu kompensieren, weil dann die Güter gerecht verteilt würden. Die katholische Kirche ist bei uns Vorreiter des Dialogs, der Versöhnung und der Friedensgespräche. dieser Gespräche über Gewaltlosigkeit. Das ist unser Beitrag unsere Gesellschaft zu verbessern.

Wie sieht die internationale Unterstützung aus?

Erzbischof Kaigama: Wir haben das Gefühl, dass wir allein gelassen wurden, die Sache zu bewältigen. So empfinden viele Nigerianer. Ich frage mich doch, wie es sein kann, dass die internationale Gemeinschaft schon so lange hilft und da kein Ergebnis festzustellen ist. Erhalten wir die richtige Hilfe, den richtigen Rat und die richtige Zusammenarbeit? Wir sehen keinerlei Rückgang der Aktivitäten von Boko Haram. Im Gegenteil ist eine Zunahme der Zerstörung von Leben und Eigentum zu beobachten. Das bedeutet: Was auch immer wir für eine Hilfe erhalten, sie ist nicht wirksam. Wie kann es sein, dass die internationale Gemeinschaft Schmerz über den Verlust von 17 Opfern in Frankreich empfindet, aber nicht denselben Schmerz für die Menschen, die seit 2009 in Nigeria ermordet wurden, fühlt?

[Erstmals erschienen in: Die Tagespost, 3. Februar 2015]

 

 

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