„Wir möchten in unseren Heimatländern keine verlorene Generation sein“

Vertreter orientalischer Christen sprach auf Sicherheitskonferenz

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 11. Februar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Erstmals hat im Rahmen der Münchener Sicherheitskonferenz ein Vertreter orientalischer Christen in Deutschland die Gelegenheit zu einer Stellungnahme gehabt. Der Vorsitzende des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) Simon Jacob war in einer der Hintergrundrunden der am Sonntag zu Ende gegangenen Tagung eingeladen, die Interessen junger Christen im Orient Vertretern aus Deutschland, Großbritannien, den USA, Israel und arabischen Ländern vorzutragen. Seine Zuhörer waren unter anderem christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubens, darunter der ehemalige Premierminister von Katar, Hamad bin Jassim bin Jabr Al-Thani.

Jacob nutzte die Gelegenheit, um den Appell einer jungen Aktivistin aus dem irakischen Erbil, Savina Raffaeel Dawood, vorzutragen: „Sag den Anwesenden, sie sollen durch unsere Augen sehen. Bitte sie, unsere Stimme zu werden. Bring sie dazu, dass wir Teil ihrer Gedanken sind; egal, an was wir glauben oder zu wem wir gehören mögen, weil wir die Gegenwart sind, die Zukunft und die nächste Generation. Wir möchte in unseren eigenen Heimatländern keine verlorene Generation sein.“ Krieg, Flucht, Korruption, Arbeitslosigkeit und die damit einhergehenden Traumata seien der Nährboden für den Erfolg von Extremisten und Fundamentalisten gewesen, analysierte Jacob. „Die meisten Opfer dieses Krieges sind die Minderheiten, die Schwächsten, die, die nicht in der Lage sind sich selber zu verteidigen“, betonte er. Es sei die junge Generation einer ganzen Region, eine verlorene Generation, die ohne Perspektive sei. „Weil wir nicht fähig sind eine Möglichkeit zu entwickeln, um die Probleme gemeinsam zu lösen“, kritisierte der Verbandsvertreter. Der Dialog, zu dem er sich bereit erklärte, sollte zu einer Verbesserung der Verständigung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen führen.

Philipp Hildmann; Copyright: Hanns-Seidel-Stiftung

Philipp Hildmann; Copyright: Hanns-Seidel-Stiftung

Jacob machte drei Hauptursachen für die aktuellen Konflikte in Nahen und Mittleren Osten verantwortlich. Zunächst forderte er die Gleichstellung von Nichtmuslimen in den islamischen Gesellschaften, wie etwa Jesiden, Christen, Juden, Atheisten, dem Vorbild der UN- Menschenrechts-Charta von 1948 folgend. Er lenkte das Augenmerk seiner Zuhörer auch auf den innerislamischen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, an der Spitze vertreten durch die Herrscher des Iran und Saudi-Arabiens. Als Drittes beklagte er die Fehler der westlichen Welt in der Vergangenheit in ihrer Politik gegenüber den islamischen Ländern, deren Clanstruktur nicht für die Annahme der westlichen Demokratie bereit war. „Es hängt von Menschen wie ihnen ab, von den Menschen, die heute aus den mächtigsten Staaten dieser Welt auf dieser Konferenz anwesend sind, einer jungen Generation eine Chance zu geben; die Chance, selbst Verantwortung zu übernehmen, für ihr Land, ihre Gesellschaft, die eigenen Bürger“, appellierte Jacob abschließend.

Philipp Hildmann, Beauftragter für Interkulturellen Dialog der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung, war einer der Beobachter der Stellungnahme wie der gesamten Konferenz. Er betonte im Gespräch mit ZENIT, dass das Thema Menschenrechte bei der 51. Sicherheitskonferenz spürbar an Bedeutung gewonnen habe. „Es hat deutlich an Fahrt aufgenommen“, betonte er. In vielen Runden sei vor allem auf die katastrophale Situation in Syrien und im Irak geblickt worden. Dies liege in der historisch herausragenden Dimension der Grausamkeit begründet. „Mit so archaischen Tötungen, die hochprofessionell medial vermarktet werden, schreit diese förmlich nach einer Antwort aus der Perspektive der Menschenrechte“, erklärte er. Das Thema Menschenrechte sei stark gespielt worden, jedoch immer im Zusammenhang mit dem islamischen Terrorismus.

Zum Auftakt der Münchener Sicherheitskonferenz habe die deutsche Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen zwar beim 10. Transatlantischen Forum das gemeinsame Bekenntnis zur Religionsfreiheit als Basis der transatlantischen Beziehungen betont. „Aber es war nicht so, dass dies ihr zentraler Fokus war“, sagte Hildmann, der auch Büroleiter der Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Ursula Männle, ist. Mit Ausnahme des Auftritts von Simon Jacob beobachtete er wenig Anstrengungen um den Schutz religiöser Minderheiten. „Es ging zwar um Flüchtlinge, aber dabei wurde nicht auf das Verschwinden der christlichen Präsenz im Nordirak geblickt.“ Die Vertreter christlicher Minderheiten sagten, dass sie angesichts der dramatischen Lage ohne eine UN-Schutzzone in der Region nicht überleben könnten. „Was ich so im Rahmen der Sicherheitskonferenz vernommen habe, war aber keiner bereit, sich für die Einrichtung einer solchen Schutzzone stark zu machen.“ Unter den publizierten Stellungnahmen sei auch keine dazu zu finden.

„Weitere Militärgüter im Wert von 13 Millionen Euro an die Peschmerga für ihren Kampf gegen den Islamischen Staat könnten kurzfristig ein Signal der Hoffnung für die bedrohten Flüchtlinge im Nordirak bedeuten“, sagte Hildmann. Den Libanon habe die Flüchtlingswelle aus Syrien am härtesten getroffen. Rund 1,2 Millionen haben in diesem kleinen Land Zuflucht gesucht. „Um der Destabilisierung des Libanon entgegenwirken zu können, die extremistischen Kräften in die Hände spielt, bedarf es dringend der Unterstützung der internationalen Gemeinschaft“, warnte Hildmann. Umso erstaunter war er, als sich für das Hintergrundgespräch zur Lage im Libanon lediglich fünf Teilnehmer einfanden. „Wir müssen uns zugunsten der Religionsfreiheit und der Christen im der Region künftig noch stärker vernetzen und bei dieser Konferenz präsent sein“, appellierte Hildmann abschließend.

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