„Franziskus‘ Option für die Armen ist nicht linksgerichtet“

Professor im Interview über die „Theologie des Volkes“

MÜNCHEN, 19. Februar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Im folgenden Interview mit dem ZENIT-Korrespondenten Ivan de Vargas erklärt Pater Juan Carlos Scannone, emeritierter Professor der Fakultät für Philosophie und Theologie von San Miguel, Argentinien, und Autor des Jesuitenmagazins La Civiltà Cattolica (Rom) die „Theologie des Volkes“ und deren Einfluss auf die Gedanken des argentinischen Papstes, besonders in Evangelii Gaudium. Vom Englischen ins Deutsche übersetzt hat Michaela Koller.

Was sind die wichtigsten Merkmale der so genannten „Theologie des Volkes“?

Prof. Scannone: Die „Theologie des Volkes“ denkt an das Volk als eine Nation: eine gemeinsame Geschichte, ein Lebensstil, eine Kultur und einen gemeinsamen Plan für das Gemeinwohl, zwar gibt es unterschiedliche Lesarten, insbesondere in politischer Hinsicht. Er denkt an ein Volk, das eine Nation sein möchte. In Lateinamerika betont sie jedoch die besondere Bedeutung der Armen, weil es die Armen waren, die hauptsächlich den gemeinsamen Lebensstil und und seine legitimen Interessen aufrecht erhalten haben: Gerechtigkeit, Frieden, Entwicklung für alle, eben das Gemeinwohl.

Hat diese Theologie Franziskus‘ Gedanken in irgendeiner Weise beeinflusst?

Prof. Scannone: Ich glaube, sie hat ihn geprägt. Es ist nicht nur die Wurzel, aber es ist eine der wichtigsten theologischen Wurzeln seines Denkens und Handelns.

In der „Theologie des Volkes“ werden keine Kategorien marxistischer Ansichten verwendet, nicht wahr?

Prof. Scannone: Die „Theologie des Volkes“ wollte sich marxistischer Auffassungen bedienen, um die Situation der Armen in Lateinamerika zu verstehen. Vielmehr suchte sie in der Geschichte und in der Kultur Lateinamerikas und Argentinien Kategorien zur Interpretation entstammten weder einer liberalen noch einer marxistischen Soziologie.

Kann man die „Theologie des Volkes“ als eine Art Soziallehre der Kirche betrachten?

Prof. Scannone: Nicht direkt, aber es gibt einen engen Zusammenhang, denn die „Theologie des Volkes“ geht darüber hinaus. Es ist nicht nur der soziale Aspekt, sondern das ganze Verständnis des Evangeliums, der Offenbarung. Daher umfasst sie alles, was theologisch ist, nicht nur das Soziale. Nun besteht in der sozialen Dimension eine enge Beziehung zur Soziallehre der Kirche, mit der Situation der Armen als Schwerpunkt, denn in Lateinamerika ist dies Teil unserer Tradition seit Medellin bis in unsere Tage. Doch der Papst selbst, wenn er in Evangelii gaudium von diesen vier Prinzipien spricht, die er dann aufzählt, sagt, dass sie sich auf die Beiträge der Soziallehre der Kirche stützen.

Die „Theologie des Volkes“ ist auch schon als die „Theologie der Kultur“ bezeichnet worden. In verschiedenen Stellungnahmen hat der Heilige Vater über die Kulturen der Völker gesprochen. Hat dies etwas mit dieser Gedankenströmung zu tun?

Prof. Scannone: Der Papst sagt, dass das Evangelium alle Völker und Kulturen erreichen muss. Was Paul VI. bereits gesagt hat: die Evangelisierung der Kulturen und Kulturen des Menschen. Jede Nation hat ihre Lebensweise, ihre Kultur, und interpretiert sie anders – mit verschiedenen Symbolen – den letzten Sinn des Lebens, und das ist, was zur Kultur paßt. Die Kulturen der Menschen zeigen sich auch in der Art zu essen, sich zu kleiden, aber viel mehr noch in der Kunst, im Denken und in der Religiosität.

Der Papst sagt, dass die Kirche als Volk Gottes vielgestaltig ist. Sie evangelisiert alle Kulturen und inkulturiert das Evangelium in allen Kulturen – nicht nur in der europäischen Kultur, was sie im Laufe der Jahrhunderte getan hat, ebenso aber in anderen allen Kulturen, wie in Asien, Afrika usw… .Er spricht von einer vielgestaltigen Harmonie im Volk Gottes, was jetzt Interkulturalität genannt wird, was die Inkulturation des Evangeliums in einer Kultur und den Dialog der Kulturen sowie damit das Thema der Begegnung mit einschließt. Wenn er von der Begegnung der Kulturen spricht, ist es etwas, das sowohl in der Kirche als auch zwischen den Völkern und zwischen den Kulturen gelten kann.

Es gibt Leute, die bezeichnen den Papst, der vom „Ende der Welt“ gekommen ist, als einen Populisten….

Prof. Scannone: Ein Populist denkt an die Menschen als etwas Uniformes, das durch ein Caudillo [Führer] angeführt wird. Stattdessen handelt es sich hier um das Bild eines Polyeder, wo es keine Gleichförmigkeit, sondern die Harmonie der Unterschiede gibt. Wie es in der Heiligen Dreifaltigkeit auf eine Weise geschieht, die die Einheit verschiedener Beziehungen darstellt. Und das gleiche passiert in der Kirche und sollte auch in den Nationen geschehen.

Ist Franziskus vom linken Flügel?

Prof. Scannone: Vom linken Flügel – was bedeutet der linke Flügel? Wenn wir uns auf den Umstand beziehen, dass er eine Option für die Armen geschaffen hat, kommt das aus dem Evangelium, nicht von der Linken. Die Linke könnte auch infrage kommen, aber ich muss nicht links sein, um mich für die Armen zu entscheiden. Christus hat sich für die Armen, Kranken, Behinderten und Opfer entschieden. Die Kirche hat dies auch im Laufe der Geschichte getan. Und in der gesamten Theologie von heute, vor allem in Lateinamerika nach den Konferenzen von Medellin und Puebla, die später in Aparecida gipfelten, gibt es eine vorrangige Option für die Armen, für die Verworfenen, für die Ausgeschlossenen, für die Opfer der Geschichte und so weiter. Allerdings bedeutet das nicht, dass einer von der Linken ist, aber dass er Christ ist, dem Evangelium folgt.

Und ist er Peronist?

Prof. Scannone: Der Peronismus hat viel Einfluss in Argentinien ausgeübt, und hat auch viele Argentinier geprägt. Nun, ist der Papst ein Peronist? Nein, denn der Papst mischt sich nicht in die Politik ein und viel weniger noch in die argentinische Politik. Im Gegenteil, er wollte den Dialog zwischen allen Parteien und Ideologien. Nun, bedeutet der Umstand, dass der Peronismus die Arbeiter und die Armen begünstigte und andererseits auch einen Begriff von „pueblo“, von Nation, hatte, dass, wenn man diese Themen kommuniziert, ein Peronist ist? Allerdings kann man nicht behaupten, dass der Papst ein Peronist ist, aber, dass Punkte im Peronismus, einfach gültig und dem Christentum entlehnt sind, einige explizit sogar von der Soziallehre der Kirche. Und darüber sind wir uns alle einig.

Welche Botschaft möchten Sie den Lesern von ZENIT übermitteln?

Prof. Scannone: Wir müssen zum Evangelium zurückkehren, die Kirche pastoral bekehren. Aparecida sprach von einer pastoralen Umkehr. Der Papst legt viel Wert auf dieses Dokument. Und nun, in irgendeiner Weise, erkennt er auch das universelle Element darin. Eine Kirche, die einfach nicht nur auf sich selbst schaut, sondern auf die Leidenden, die Menschen, die Gnade brauchen, auf diejenigen, die Christus nicht kennen; es ist eine missionarische Kirche – eine Reform in Richtung pastoraler Umkehr. Ein Zurücklassen veralteter Strukturen, wie der Dokument von Aparecida auch besagt, um eine missionarische Kirche zu sein. Mit anderen Worten, wie Christus, der die Mission in Person ist. Und wir müssen Christus in alle Bereiche der Realität und der Gesellschaft, einschließlich der gesamten globalen Menschheit bringen.

[Übersetzung: Michaela Koller]

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